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Brief von Thomas Ring an Hannah Höch. [vermutlich Senzing]
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Thomas Ring (1892 - 1983)

    • Involved Persons Thomas RingKorrespondenzpartnerAbsender/inHannah HöchKorrespondenzpartnerAdressat/in
  • TitleBrief von Thomas Ring an Hannah Höch. [vermutlich Senzing]
  • DateFrühsommer 1926
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Amount1 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC K 505/79
  • Other NumberBG-HHE II 26.15
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

"Liebe Hannah
vom Fenster meines neuen Arbeitszimmers sieht man die Sonne untergehen. Gestern als ich die Wände mit dem zum Optimismus zwingenden Orange anstrich wurde mir einen Moment lebendig, wie sie ebenso war und kullerdick über den Dächern in Friedenau stand. Historie oder Gegenwart? Vorsichtshalber sagt man «eine Reminiszenz». Aber in der Liebe ist alles Wagnis und hol uns schon lieber der Teufel eh wir zur müden Vorsicht reif sind. Das ist also ein Liebesbrief. Und ohne alle europäische Diplomatie will ich Dir bekennen, daß ein Berg ungelebter Zärtlichkeit auf Dich, auf die Entdeckung durch Dich gewartet hat und mit jedem Besuch anwuchs bis der Sonnenbogen immer kleiner wurde. In den Zenith aber wächst kein Berg, eher schon sprengt eine Mittagsonne die Schlucht, wenn sie zu eng wird. Der Mann hat ein Sicherheitsventil «Beruf». Kann er sich der Frau gegenüber nicht mit egoistischer Lastablage begnügen, bringt ihn aber egoistischer Anspruch der Frau in die Statik des objektiven Produktionskessels, dann pfeift es in die Ewigkeit. Aus Züchtigung des genus wird Genie. Liebe Hannah, um endlich persönlich zu werden: ich danke für diese in früheren Generationen verehrte Größe, die jetzt Degeneration wäre. Der träume von den Rätseln der fremdkurvigen Körper, früher in Gedichten - Bürstenabzügen physischer Eitelkeit ausgemerzt oder zu Plastiken verdichtet ist zu wirklich, um nicht in jedem Wahlmoment nach Rassenerneuerung zu schreien. Das Wachsein bei Erhaltung des Traums, der nur Gebet ist weil die Keime des Kommenden aus seinen Blütenbildern stäuben, fordert Disziplin der Geschlechter. Und noch näher an den speziellen Fall herangeschraubt, Du magst System vermuten: wo die Wahl so scharf ist wie hier sägt man sich nicht den Ast ab auf dem man sitzt. Es könnte leicht sein daß ich das Thema «Frau» überhaupt aus meinem Leben als unerfüllbar streiche, finden die beiden Frauen, in denen ich Ansätze eines kommenden Rassetyps sehe, keinen Weg zum gemeinsamen Kampf gegen mich, so stimmt etwas nicht mit meiner Verehrung und meinem Wahlinstinkt oder mit den beiden Frauen, die dann den alten Dramenkitsch «Eifersucht» mit Vorzeichen intellektueller Überhebung wiederholten. Der zu einem Entschluß mit wirkende Kaufmann im Ego kann bei der gegenwärtigen Lage nirgends eine so überragende Qualitätssumme feststellen, daß sie zwingend in die kommende Gestaltung eingreift. Nur dieser unmittelbare Zwang des Instinkts ergäbe Zwanglosigkeit meines Gewissens gegenüber den Konsequenzen eines klaren Spruchs. Ich brenne vor der Kälte mit der ich dies schreibe, die reflektiv vor bitteren Tatsachen warnt, daß die Unfruchtbarkeit eines Handelns unter gleichen Bedingungen nicht zur Ironie werde. Werfe ich diese Hürden ohne Not hin? Störe ich den menschlichen Frieden des Pflanzenerlebnisses? Es sind noch unerledigte Symptome da die mich aufrütteln: man schneidet nicht die Frau zu der ich mich öffentlich bekenne, wenn man eine Änderung dieser Tatsache wünscht, dann am wenigsten, da man ja selbst kaum eine auch nur formale Verleugnung durch mich zugeben würde. Man sagte daß ich keine Verehrung der Frau kenne. Ich warte auf die Frau die diese gegenstandslose Verehrung aus meinen Händen nehmen kann.
Ich bin Dein Freund
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