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Brief von Elfriede Hausmann-Schaeffer an Hannah Höch
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Elfriede Hausmann-Schaeffer (1876 - 1952)

  • TitleBrief von Elfriede Hausmann-Schaeffer an Hannah Höch
  • Date27.04.1918
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Amount2 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC K 428/79
  • Other NumberBG-HHE II 10.32
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

„am 27.4.18
Liebe Hannah Hoch, da ich Ihnen unbedingt etwas zu sagen habe, so bitte ich Sie herzlich diesen Brief zu lesen und ihn nicht ohne weiteres abzulehnen. Ich erinnere Sie daran, als ich bei Ihnen war, sahen Sie mich mit großen Augen an, so als wollten Sie aus mir herausholen, wer oder was ich wohl wäre. Ich habe Sie ruhig wieder ansehen können. Ich freute mich eigentlich über Ihren Blick, aber sprechen durfte ich damals noch nicht. Jetzt endlich ist die Zeit dazu da, und Sie haben dazu beigetragen, daß es so ist. Sie sind fortgegangen, und Sie taten Recht daran, aber Sie sollten nicht fort bleiben, Sie müssen wiederkommen, Sie müssen, und deshalb schreibe ich. Ich schreibe allein, von mir aus, und ich denke, Sie glauben mir das ohne weiteres nachdem was ich zu sagen habe. Sehen Sie, ich habe zehn Jahre lang geschwiegen, und Sie haben mich verurteilt, wie es schließlich jeder tun mußte, der nicht näher zusah. Ich aber habe teils instinktiv, teils mit Bewußtsein getan, was ich tat, um einem zerstörten Menschen, der mehr war als andere, mehr sah als andere, und infolgedessen ungeheuer litt, die Ruhe zu geben, dieses sich unbedingt auf einen Menschen verlassen können, solange, bis dieser Mensch dazu im Stande war, seine Weg selbst zu finden. Gewiß habe ich tausend Fehler gemacht, gewiß bin ich zuletzt müde geworden, aber das scheint mir natürlich zu sein bei dem Leben, welches ich geführt habe. Ich hätte nicht anders handeln können, dürfen, denn er selbst hat diese Zeit zu seiner Entwicklung und Gesundung bis zu einem gewissen Grade gebraucht, und glauben Sie mir, daß es das schwerste für einen Menschen ist, einen anderen seine Erfahrungen machen zu lassen, und zuzusehen, mit gebundenen Händen, um nicht zu zerstören. Mein Zusammenbruch erfolgte in dem Moment, als er von mir fort gehen wollte, denn er war mir etwas schuldig geblieben. Ich durfte ihn damals garnicht gehen lassen, wenn wir nicht beide einen Keim der Vernichtung mit uns nehmen wollten. Die Folge hat mich gelehrt, daß ich recht daran tat. Denn erstens hatten wir von nun an selbst miteinander zu tun, und zweitens war er für Sie nicht reif. Ich habe das damals nicht so genau gewußt, ich habe es instinktiv getan. Er hat Ihnen Unrecht getan, viel viel Unrecht, aber glauben Sie mir, auch das mußte erfahren werden, und daß Sie ihn von Anfang an nicht für sich allein hatten, war noch Ihr Vorteil. Ich bin überzeugt, Sie werden das später noch einsehen. So traten Sie ihm immer wieder neu entgegen, das war von ungeheurem Wert, dadurch blieb Ihre Kritik geschärft, Sie waren dadurch im Stande, ihm immer wieder entgegen zu treten, und konnten sich nicht so leicht verlieren. (Wenn es nicht zu weit führte, würde ich hier noch eine Ansicht über Zusammenleben von Menschen anführen) In diesen drei Jahren habe ich nach und nach mehr versucht, mich ihm auch entgegen zu stellen, mußte es aber immer wieder aufgeben, teils aus eigner Schwäche, teils aus dem Grunde, weil der Boden bei ihm immer noch nicht bereitet war, und weil er als Gegengewicht gegen die Zusammenbrüche mit Ihnen, immer wieder die Ruhe von mir verlangte. Erst jetzt nachdem er Sie zu verlieren glaubte, ist er zu Erkenntnissen gekommen nachdem er den langen Brief von Ihnen bekam, hat er sehen müssen, daß Männer und Frauen noch lange nicht richtig miteinander sind, und daß wir Frauen vorläufig vielleicht noch die Stärkeren sind. Wie gesagt, es war gut, daß Sie gegangen sind, aber er hat Ihnen ja nun seine Schuld gesagt, und daß muß die Härte verschlingen, die noch in Ihrem Brief ist, und die Sie unbedingt auslöschen müssen, weil Sie ihn ja doch lieb gehabt haben, und weil ich nicht glaube, daß Sie ein Mensch sind, dessen Liebe so schnell stirbt. Da es nun außer mir noch einen Menschen gibt, der ihn liebt, so kann ich ja endlich sprechen, denn mit wem hätte ich es wohl sonst tun sollen, und es erlöst mich endlich von der nicht mehr zu ertragenden Last der Verantwortung. Dafür bin ich Ihnen dankbar. Er soll Ihnen wird Ihnen nichts tun, haben Sie Vertrauen, sobald Sie dazu wieder im Stande sind. Er soll auch nicht zu Ihnen kommen, ehe sie es nicht wollen, aber bitte lassen Sie uns mit einander sprechen, wenn Sie wiederkommen, bitte, dann müßte sich alles so lösen können. Ich weiß, daß Sie gelitten haben, weil Sie ähnlich sind wie ich in manchen Dingen, weil Sie mit vielen Dingen, die Sie ihm gesagt, recht haben. Und das, was unaufgelöst in Ihnen wäre, wird durch ihn gelöst werden, sobald Sie nur ein [Gegen] Vertrauen und keine Furcht mehr haben. Er hat seinen Weg nicht genau gewußt, darum hat er Ihnen weh getan, aber das kann man doch gut machen. Keine Schuld ist so groß, als daß sie nicht mit einem großen Herzen gelöscht werden könnte, sonst zerstören Sie, und wollten Sie die Verantwortung auf sich nehmen? Bitte schreiben Sie mir ein Wort, es braucht nicht viel zu sein, ich kann immer warten, aber tun Sie es immerhin. Ich hoffe, Sie sehen in meinem Brief die Wärme und ich wünsche, Sie geben mir dafür nicht, wie damals eine Hochachtung an den Kopf, die kann ich nicht gebrauchen. Immer zu dem bereit, was Menschen zueinander führen kann Ihre
Elfriede Schaeffer
Ich glaube, Sie möchten noch wissen, wie sich ein äußeres Leben gestalten könnte, ich stelle es Ihnen anheim.“