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Brief von Arthur Segal an Hannah Höch. Berlin
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Arthur Segal (1875 - 1944)

  • TitleBrief von Arthur Segal an Hannah Höch. Berlin
  • Date08.05.1922
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Amount1 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC K 537/79
  • Other NumberBG-HHE II 22.6
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

"Charlottenburg Dernburgstr. 25
8. Mai 22.
Liebes Frl. Hanna Höch -
Ich danke Ihnen für Ihren Brief und ich verstehe ganz gut was Sie meinen - doch glaube ich daß wenn Sie Geist Dekadenz nennen Sie Geist auch Aufbau nennen müssen [1]. Genau so wie der neue Geist das Alte zerstört so baut er was Neues oder sagen wir was Anderes anstelle des Alten auf das wiederum durch einen neuen Geist zerstört wird u.s.w. Aber diesen aufbauenden und zerstörenden oder dekadenten Geist meinte ich nicht. In diesem Geist ist Höher und Tiefer. Aber das Höher und Tiefer ist eine Fiktion - aber ich meinte denjenigen Geist der außerhalb von Zerstörung und Aufbau steht - den Geist der Gottesahnung der in uns lebt, wo Hoch und Tief identisch ist und uns mehr oder weniger durchdringt - Und von diesem Geist sage ich wie Sie - Es lebe der Geist! Wenn der dekadente und aufbauende Geist im Laufe der Zeitlichkeiten sich bewußt wird daß er sich stets ad absurdum führt sowohl durch jede Zerstörung als auch durch jeden Aufbau, oder durch jede Entstehung, dann ist der Gottesgeist von selber da, er ist die selbstverständliche Folge - durch den Kampf des anderen mit sich selbst - durch den Wiederspruch des anderen in sich und gegen sich selbst, wird dieser Gottesgeist der zeit- und raumlos ist, der für uns unbegreiflich unaussprechlich unausdenklich ist, für uns die wir ihn nur ahnen und fühlen, aussprechlich ausdenklich begreiflich - Nicht nur für uns allein sondern für die ganze Schöpfung für Gott selbst der sich an seiner Schöpfung seiner selbst bewußt wird, das heißt seiner Wirklichkeit, und die Scheinbarkeit der Zerstörung und der Entstehung erkennt - Aber seien Sie mir nicht böse, an jeder neuen Entstehung und Zerstörung erkenne ich die Fortschritte Gottes in der Bewußtwerdung deren Absurdität - Er kommt mir vor wie ein Künstler der zuerst mit Begeisterung schafft, Etwas aufzubauen glaubt durch immer neue Werke, an denen seine Begeisterung ihn immer Aufstieg oder Abstieg vortäuscht, bis er allmählich erkennt daß alles dasselbe ist derselbe Mist, und den Pinsel aus der Hand legt, und zu sich selbst kommt und sich von der Sklaverei durch sein Werk befreit - Im aufbauenden und zerstörenden Geist stehen wir stets über od. unter diesem Geist - Im Gottesgeist sind wir mit ihm identisch - Und an diese Entwickelung glaube ich weil ich an Gott in diesem Sinne glaube - Die Welt ist eine fortwährende Wiederholung ihrer Absurdität bis ihr dieselbe bewußt geworden ist. Drum hat sie für mich auch ein Ende, auch ist sie zeiträumlich - Es lebe der Gottesgeist in dem es keine Uber noch Untermenschen gibt. Herzliche Grusse von uns Beiden und klingeln Sie bald an.
Ihr A. Segal."

(1) s. HHE II 22.45, Abschnitt "Zu einem Gespräch mit Artur Segal".