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Brief von Maria Uhden an Hannah Höch. München
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Maria Uhden (1892 - 1918)

  • TitelBrief von Maria Uhden an Hannah Höch. München
  • Datierung20.6.1913
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Umfang4 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC K 553/79
  • Andere NummerBG-HHE I 3.1
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

„München am 20. VI. 13.
Meine liebe Hanna Höch!
Na endlich sollen Sie mal ein paar Zeilen kriegen. Ewig hatte ichs schon vor, aber ich hab halt nie Zeit, wie das so ist. Hier beinahe doller wie in Berlin. Am Tag sieben Stunden im Atelier. Teils im Stehen malen, so daß ich abends gerädert bin und zum schreiben unfähig. Sonst gehts aber gut. Es wäre soweit in München riesig nett, wenn man nur irgendwelche Bekannten hätte. Aber da im Atelier nur Herren sind, hat man halt gar niemanden. Wenn nicht mein Brüderchen mit da wäre, hielte ichs gar nicht aus, diese Einsamkeit. Die alte Dame die mit mir herkam ist absolut kein Ersatz für gleichaltrige Bekannte, wir entfremdeten uns immer mehr u. jetzt reist sie wieder heim, worüber wir nicht weiter böse sind. München ist sonst ein nettes kleines Großstädtchen u. wenn man liebe Bekannte hätte, könnte es einem sicher sehr ans Herz wachsen. Aus allem, seiens Reklamebilder oder Geschäftsauslagen sieht man die Kunststadt. Als wir damals hier wildfremd ankamen, haben wir uns an d. Akademie nach Ateliers erkundigt u. dann bald eines gewählt, was mir sehr zusagt, noch jetzt. Es wird riesig ernst (eigentlich auch wieder zu ernst) gearbeitet, viel u. gute Correktur. Bertle heißt der Lehrer, ist besonders für Portrait gut, zwei Sachen von ihm sind jetzt im Glaspalast ausgestellt. Es wird nur Akt und Portrait gemalt, Blumen überhaupt nicht. Im August werde ich jedenfalls mit nach draußen, irgendson Nest an der Amper gehen, dort einen Monat wohnen u. Landschaft malen. Das ist dann gleich eine nette Sommerfrische. Ich führe mit meinem Bruder ein ziemlich eintöniges Leben, er wohnt auf demselben Corridor nur bei andrer Wirtin, das hatte sich so sehr fein getroffen. Frühstück u. öfters Mittagessen mache ich selbst, das geht sehr schön. Furchtbar nett ist, daß man für wenig Geld u. Zeit herrliche Touren machen kann. Nach zweistündiger Fahrt (mit Schnellzug) ist man schon in den Alpen. Wir habens schon ausgenutzt, haben neulich eine mehrtägige Tour bis runter nach Innsbruck gemacht. Wunderbar ist es da in Tirol, wenn man diese Berge noch nicht gesehen hat, ist die Natur direkt überwältigend. Nur so zu zweien ists so schön, man ist völlig unabhängig und ungeniert. Neulich haben wir einen Berg von 1800 Metern bestiegen, so von oben sieht sich die Welt ganz komisch an, ein ganzes unübersehbares Meer von schneebedeckten Berggipfeln. Ich staune eigentlich, daß mein nervöses Herzchen so standhält, na wir nahmen uns eben Zeit beim Steigen. Waren auf die selbstgepflückten Alpenrosen sehr stolz, so ganz bequem sind die gar nicht zu erreichen. In nächster Zeit solls nun nochmal nach Berchtesgaden, Königssee etc. gehn. Auf jeden Fall bereue ichs gar nicht, mal ein Semester in München verbracht zu haben, die Arbeit macht mir schrecklich viel Freude, Anregung gibts auch genug hier. Nur so’n paar nette Menschen müßte man eben haben, aber ich glaub, dann hätte ich womöglich nicht mehr nach Berlin gemocht. So freue ich mich mächtig, das liebe Berlin im Herbst wiederzusehn u. womöglich als meinen ständigen Wohnort zu erringen. Gelt Sie staunen, kleine Höch! Ich bin mit einem mal zu dem festen Entschluß gekommen, mich allen Ernstes dem Kunstgewerbe zu widmen. Denn wat helpts ich muß mir nun was verdienen u. mich selbständig machen, sonst blüht mir eine trostlose Zukunft in Gotha. Und wahrhaftig, lieber will ich schuften wie ein Pferd wie in dem kleinlichen Nest versauern. Wenn der (böse) nämlich einmal Blut geleckt hat - man dieses schaffende anregende Großstadtleben kennen gelernt hat - kann man sich halt nicht mehr in die kleinen Verhältnisse recht reinfinden. Und ich möchte mich lieber in Berlin totarbeiten, wie in Gotha ein faules Leben führen. Dann genießt man umso mehr das Heimathaus u. mal eine ruhige Ferienzeit. Am liebsten würde ich mich ja völlig dem Portraitmalen widmen u. darin immer weiter studieren, aber es ist halt so eine völlig brotlose Sache u. ich freue mich, daß ich neulich ganz plötzlich kunstgewerbliche Anwandlungen kriegte. Habe mehrere Ideen ausgeführt zum Kleiderausschmücken, Malerei auf Stoff mit Handarbeit verbunden. Ich will mal so nebenbei hier versuchen ob die Sache anspricht. In einem Modesalon war ich bereits, die Dame sah sich d. Muster an u. sie gefielen ihr, sie ließ sich meine Adresse geben, muß erst nach Paris fahren wegen d. neuen Modelle u. dann eventuell will sie sich an mich wenden wegen d. Entwürfe, die Saison für Gesellschaftskleider kommt ja erst. Na ich bin ja nur noch einen Monat in München direkt. Außerdem will ich dann auch erst in Berlin ernster an die Sache gehn, hier noch die Zeit mit Malen ausfüllen. Also ich habe direkt vor, eine zeitlang auf d. Charlottenburger Kunstgewerbeschule zu gehn, da das nun doch mal nötig ist u. dann mein Heil versuchen. Ich sage Ihnen, Ideen habe ich mehr wie zuviel, wenn ich so man den Rappel kriege kann ich in d. Nacht nicht schlafen darüber. U. dann kriege ich wieder denselben Heißhunger nach Portrait. Ja verrückt muß man halt sein, nicht wahr! Sie sind es doch hoffentlich auch noch in demselben Grade, es gibt ja auch nix schöneres wie so eine Arbeit bei der man mit Leib u. Seele u. fortwährender Begeisterung ist. Würden Sie denn wohl so lieb sein u. mir mitteilen, wie das mit d. Aufnahmeprüfung ist, wann man eintreten kann, ob zu jeder Zeit. Zuhause habe ich ja noch einen Prospekt liegen, aber hier halt nicht. Wenn Sie mir einen schicken könnten, ich wäre Ihnen schrecklich dankbar. Hoffentlich muß man nicht direkt im August eintreten, da ich doch da gerne noch malen will. Gehts nicht im Oktober? U. kann man nicht auch Halbtagskurse nehmen? Gelt, wenn Sie mal ein bissel Zeit finden können schreiben Sie mir bitte. Od. schicken Sie erst mal d. Prospekt, denn ich weiß ja wie sehr Ihre Zeit ausgefüllt ist. Mein Bruder kommt ja auch nach Berlin. Er schimpft schon immer, daß ich nun wieder mit ihm komme, die Leute müßten ja denken, er brauchte immer ne Gouvernante. Na ich denke, es wird recht gemütlich werden, dann kommt vielleicht so’ne Art Gothaer Kränzchen zusammen. Hier müssen 20 Gothaer sein, fortwährend trifft man welche. D. h. gesprochen haben wir noch nicht so viele. Werner war verschiedentlich im Löwenbräu wo der Gothaer »Abend tagt«, aber nie war einer da. So gehe ich halt immer mit ihm kneipen, damit wir beide nicht so einsam sind. Am Polytechnikum lernt er auch niemanden kennen, das ist schwer, wenn er nicht aktiv1 ist. Na in Berlin wirds dann wieder anders, hergott was hatte ich da für einen großen Bekanntenkreis. Na umso intensiver widme ich mich hier der Arbeit. Bis jetzt merke ich noch garnix von einem Dickerwerden, u. dabei habe ich mir einen ordentlichen Zug im Biertrinken angewöhnt, das schmeckt hier in München wirklich enorm gut, auch die berühmten Rettige genießen wir ordentlich [... ] es ist sonst recht gemütlich hier. Meine Wirtin ist sehr nett u. das Zimmer ebenso u. mein Bruder hats auch so getroffen. Sie sind wohl nun gar nicht mehr an d. Kunstgew.schule? Sie fleißiges Geschöpfchen. Hoffentlich blüht, wächst u. gedeiht Ihr Beruf recht. Ich freue mich drauf, Sie bald mal wieder zu sehn u. Ihre Werke. Wann machen Sie sich Ferien? Ich würde mich riesig über ein paar Zeilen von Ihnen freuen. Also nur bis Ende Juli ist dies meine Adresse. Hoffentlich habe ich d. Ihre richtig geschrieben, ich hatte sie noch im Kopf. Sie werden ja dort noch wohnen. Grüßen Sie Frau Jakoby2 bitte auch von mir, den filius mit. Mein Bruder läßt Sie grüßen rief er mir eben zu, ich sitz in seinem Zimmer u. was Ihr Maschinenbruder3 mache, läßt er fragen u. ihn grüßen. So u. nun zuletzt seien Sie recht herzlich gegrüßt von Ihrer Mizi Uhden“.

Randbemerkung von Hannah Höch: „stellte später im Sturm bei Waiden aus. Hieß noch später Maria Schrimpf/starb im Kindbett 19“.

[1] „aktive“ Studenten gehörten einer studentischen Verbindung an.
[2] Frau Jakoby: Zimmerwirtin von Hannah Höch.
[3] Damit ist ihr Bruder Walter Höch gemeint, der als Maschinenbauingenieur später bei den Luftfahrtwerken in Lindau am Bodensee arbeitete.