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Brief von Ditte van der Vies-Heyting an Hannah Höch. Scheveningen
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Ditte van der Vies-Heyting

  • TitelBrief von Ditte van der Vies-Heyting an Hannah Höch. ScheveningenBriefkopf: "DE BRON / A. v. d. VIES HEYTING / KUNST EN KUNST: NIJVERHEIDSHUIS [...]"
  • Datierung06.1933
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben
  • BeschriftungMit handschriftlichem Zusatz von Otti (Pop) van der Vies-Heyting.
  • Umfang3 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC K 596/79
  • Andere NummerBG-HHE I 33.15
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

Scheveningen, Juni 1933
Liebe Hannah,
Heute habe ich eine ruhige Stunde Dir zu antworten auf dein liebenswürdiges Schreiben von einige Monaten her. Es hat uns sehr, sehr gefreut, etwas von euch zu hören, obwohl nicht alles aus dem Himmel geschrieben war. Wir haben von anderen gehört, dasz Du soviel gearbeitet und verkauft hast, schön und unbegreiflich ist das in dieser Zeit: in Holland macht ein «crisiscommittee» sich viele Mühe, dasz von Künstler gekauft und persönlich gekauft wird, so ist es für Pop und mich furchtbar schwer zu verkaufen. Wir bewohnten ein so groszes Haus mit vielen Schwierigkeiten um es vermietet zu bekommen, und so meinten wir es sei besser um selbst fort zu gehen und wohnen wir jetzt in einem sehr kleinen, aber sehr netten zweiten Stock in Scheveningen, fünf minuten entfernt von dem groszen klaren und von uns so geliebten Meer. Unser Spaziergang mit den Hunden ist meistens dorthin, und es ist immer, schönes oder schlechtes Wetter, unendlich schön. Die Aussicht aus unserem Fenster ist Typisch Scheveningen: Booten im Kanal, breit und klar. Pop machte dieses kleine Bild aus dem Fenster gesehen. Nett nicht? Der Holzschnitt, welchen wir von dir bekamen hat uns sehr erlustigt, es konnte nicht anders sein, so müssen Till und Hannah fort gezogen sein nach ihrem neuen Hause. Sehr gerne sollten wir nach Berlin fahren, da wir immer viel von Berlin hörten, aber niemals sahen, nur das verfluchte Geld, und noch dazu wie wird es jetzt in Berlin sein, ist das alte Berlin nicht tot und wird jetzt nicht ein neues, der Welt noch unbekanntes Berlin geboren?
Und doch oft denkt man, dasz die Welt sich schnell umzieht und sich in Geist und Kleid wieder umdreht, wenn es nicht ein so lächerliches Bild wäre, könnte man sagen, gerade wie eine neue Mode, die aus den Schranken ein altes Kleid nimmt und es für die moderne Zeit umflickt, und vor welchem die Menschenaugen verwundert als etwas ganz neues vorgetragen wird. Was der Gott ein Geduld mit dem Mensch haben musz und wie der Mensch ein Geduld mit sich selbst haben musz. So oft ist mann voller Ruhe und gibt es Augenblicke, dasz die Musik oder die Stille so schöne Bilder bringen kann, wo man sich in verlustigt, und das Herz so grosz und hell macht und dann kommen wieder die Ledigkeit oder Gedanken, woraus man nichts gesundes oder seliges holen kann. Diese letzten Jahre habe ich Zeit, langa, langa Jahre Zeit um zu lesen gehabt, o so viel schönes, ich kann nicht sagen wie schön das ist, die Jahrhunderte und die ganze Natur, Welt, Mensch, Pflanz, Tier, Luft, Wasser und Erde, alles in seiner Brust zu fühlen, aber natürlich weiszt Du es selbst auch. Schöne Momenten gibt es ins Leben, all musz man auch vielen Herzensblut bezahlen, und steht man immer mit unbeantworteten Fragen von woher und wohin. Pop arbeitet jetzt für Englisch, wir lieben diese Sprache beiden und es gibt vieles interessantes, diese Stunden und Studie wovon sie mir erzählt. Bram hat jetzt verschiedene Arbeit und guten Erfolg gehabt. Wie dieses, früher Jahre eingeschüchtertes Jungensherz sich so eigentümlich herrscherisch und schöpferisch entwickelt hat, wirklich unbegreiflich Ich dachte immer, ein traumerischer, in sich selbst wachsender Musiker wird er werden. Ich selbst, ja ich selbst werde furchtbar faul, bin sobald müde und habe so viele Träume zu träumen, aber ich musz noch immer lernen, dasz Faulheit ein Glück sein kann, denn immer sagt mein Gewissen dasz ich fort musz und weiter arbeiten musz, dasz ich sonst schuldig bin und Gott weisz was für schreckliche Dinge, die mir immer so viele Jahre hindurch verfolgt haben. Schrecklich ist es, jeden Tag das Anziehen, essen und reinigen von Kleider und Geschirr und ich liebe die Schönheit immer mehr und mehr. Mir hungert es nach Schönheit, wie ein Tier nach Nahrung, mir ist es ob Gott sich verhüllt in Schönheit und ich Ihm näher komme wenn alles um mich, in mich und an mich schön ist; nun kannst du Dich denken wie weit ich von Gott stehe, denn ich die Jahre nicht mehr denken kann von meiner Geburt bis jetzt und meine Augen und alles, nah, alles wird schlechter statt schöner und klarer. Und wieviel man durchmacht, belebt, was Schmutz ist. Liebe Hannah, hat mein Brief Dich gelangweilt? ja so bin ich doch wirklich. Nun denke, Dein Aquarel hangt immer bei mir und freut uns noch immer sehr. Buys sehen und sprechen wir ziemlich viel Sein Zimmer ist immer sehr nett und er hat jedesmal etwas neues, jetzt hat er wirklich unbegreiflich schöne Erzten, Steine, Und Kristallen, eine wunderbare Welt. Ich spreche wirklich viel zu wenig Menschen, die mir die Ursprung und daraus geborene Sagen und Märchen erzählen. Gern möchten wir deine letzte Arbeit sehen und dann auch was Till diese letzten Jahre geschrieben hat. Hat sie schon einen Verfasser dafür gehabt und arbeitet sie noch immer mit Lust an ihre Grotesken?
Liebes Kind, wir denken oft an Dich, gestern sahen wir eine, und Pop und ich dachten, gerade Hannah, aber gröszer. Jetzt verabschiede ich mich wieder, ich habe schon sehr vieles über mich selbst erzählt, geplaudert, aber habe Dich doch immer neben mir gefühlt. Adieu viel liebes
von Ditte
und viele Grüsze auch an Till von uns beiden.
Ditte van der Vies Heyting
Ist es erlaubt noch etwas dazu zu schreiben? Heute trage ich zum ersten Mal eine Brille beim Schreiben und Lesen und fühle mich dadurch ausserordentlich wichtig. Irgendwie, irgendwo, irgendwann - sehen wir uns doch mal wieder, nichtwahr? Das wäre doch zu schön! Das [Pfeil] ist ja wunderbar! Das Leben ist schön, Hannah, und das Meer und die Wolken, alles ist schön, nur das Wetter nicht, ich habe noch nicht einmal schwimmen können, er gis revido! Kannst du noch immer kein Esperanto? Das glaube ich kaum mehr. Pä, viele herzliche Grüsze für euch beiden. Pop."