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Brief von Ditte van der Vies-Heyting an Hannah Höch [und Til Brugman]. Scheveningen
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Ditte van der Vies-Heyting

  • TitelBrief von Ditte van der Vies-Heyting an Hannah Höch [und Til Brugman]. Scheveningen
  • Datierung21.5.1934
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Umfang1 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC K 594/79
  • Andere NummerBG-HHE I 34.7
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
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Übersetzung aus dem Holländischen:
"Scheveningen Pfingsten 21. Mai 34
Liebe Kinder,
Ja, es scheint vielleicht sehr unfreundlich, daß ich Euch nicht direkt geantwortet habe, aber ich habe wirklich keine Zeit dafür gefunden. Ja, was soll ich Euch davon erzählen, ich weiß eigentlich nicht genau, was Buijs Euch schrieb. Mitte Dezember fuhren wir weg. Gleich nach Neujahr wurde Moes krank und blieb krank und entwischte gerade mal so dem Tod. Schließlich schickte der portugiesische Doktor sie Ende April nach Hause, er fand es nötig, daß sie einen Ohrenspezialisten aufsuchte. Wir sahen der Reise mit Unbehagen entgegen, aber glücklicherweise überstand sie es gut, vielleicht tat die Seeluft ihr gut. Nur ich lag derweil 2 Tage elend seekrank in meiner Koje (6 1/2 Tage dauerte die Reise). Sicher hielt mein Magen es wegen des schlechten Essens auf Madeira nicht aus, denn auf der Hinreise ging es mir gut, trotz des Sturms.
Bram holte uns vom Boot in Amsterdam ab, und nach großem Hin und Her (das ganze Haus war eingepackt wegen Motten usw.) waren wir dann schließlich wieder zu Hause, und da begann es dann erst recht. Ohrenspezialist, Augenspezialist, Hausarzt. Das Ergebnis ist jetzt, daß sie alle ganz erstaunt sind, daß Moes es überlebt hat. Sie ist noch arg geschwächt, und nach ungefähr sechs Wochen will Nord (Ohrenspezialist) eine Röntgenaufnahme machen. Wißt ihr, die ganze rechte Seite von ihrem Gesicht ist noch gelähmt und ganz taub und auch ihr rechtes Auge ist noch entzündet. Wenn die Lähmung doch nur bald vorbeigeht. Die Ärzte hier hatten nicht viel Hoffnung.
Nein, es handelt sich nicht um einen Insektenbiß. Tatsache ist, daß sie plötzlich eine schwere Mittelohrentzündung bekommen hat. Zum Teil durch angespannte Nerven, und der Dummkopf von einem holl. Doktor, den wir da in Madeira erst hatten, hätte sofort operieren müssen, wie sich im nachhinein herausstellte. Die Ärzte hier in Holland sind aber ebenso empört darüber. Hätten wir es doch nur gewußt. Jetzt sitzt Moes mit dem Ergebnis der Unachtsamkeit da, deren Folgen schließlich all das andere Elend, wie die Magenverstimmung, Augenentzündung, Gesichtslähmung usw., waren. Kurz, wir müssen jetzt das Beste hoffen!
Mir selbst geht's gut. Zum ersten Mal im Winter war ich bei guter Gesundheit, dort im südlichen Klima von Madeira (Nein, Hannah, wir haben Deinen Brief in Madeira nicht mehr bekommen, ich werde noch einmal versuchen, nach ihm zu fragen. Schade, Moes hat dort immer so auf Post gewartet). Und nun lauf und trabe ich. Und ich koche so lecker. Hannah würde lachen, wenn sie mich so eifrig beschäftigt sähe.
Kinder, wie schade, daß Ihr jetzt nicht hier seid, wir könnten Euch hundertundeine Geschichte erzählen, von Madeira, von der Schönheit, über das Malerische und die Blumenpracht, über die Lebensweise, das Hotel, die Menschen (Vicky Baums Buch [1] ist nichts, aber auch gar nichts dagegen), die Sprache usw., usw. Moes schleppte trotz ihrer Krankheit doch noch einen Haufen mit, wie rote Lava, Erde, Kakteen, Körbchen und was weiß ich nicht alles, ich sah aus wie ein Packesel, so beladen.
Entschuldige vielmals, daß ich nicht Deutsch schreibe Hannah, aber ich bin ziemlich müde und dann geht Holländisch einfacher und schneller; vielleicht kannst Du es für sie übersetzen, was Til?!
Vielen Dank auch für Euren mitfühlenden Brief, es tut uns immer noch leid, daß Ihr umsonst vor unserer Tür gestanden habt. So Leutchen, laßt es Euch gut gehen, viel Erfolg mit Euer beider Arbeit und alles Liebe
bis zum nächsten Mal,//
unser beider liebe Grüße//
Eure Pop"//

[1] Otti van der Vies-Heytings Anspielung bezieht sich auf den Roman der am 24.1.1888 in Wien geborenen Schriftstellerin Vicki Baum.