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Brief von Ditte van der Vies-Heyting an Hannah Höch [und Til Brugman]. Den Haag
    • Ditte van der Vies-Heyting

  • TitleBrief von Ditte van der Vies-Heyting an Hannah Höch [und Til Brugman]. Den HaagBriefkopf: "DE BRON / A. v. d. VIES HEYTING / KUNST EN KUNST: NIJVERHEIDSHUIS [...]".
  • Date[Ende August/Anfang September 1934]
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben
  • Amount3 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC K 595/79
  • Other NumberBG-HHE I 34.18
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description

Übersetzung aus dem Holländischen:
"Seinportstr. 4.
Liebe Hanah und Til -
Wieviel mehr als herrlich, kleines Hanahkind, daß das Schwierige nun hinter Dir liegt, daß all das Schlechte weggenommen ist, daß Du nun mit vollen Kräften ins Leben zurückkehrst, oh, wie sind meine Gedanken doch immer bei Euch gewesen, bei Dir als Opfer und bei Til als Zusehender und das schwierige Danebenstehen. Ich finde es so rührend lieb von Dir, Hanah, daß Du mir mit der schwierigen Zukunft vor Augen noch selbst schriebst und bewahrte Dein Geschriebenes, wie Gold. Sofort nach Montag wollte ich Dir nicht schreiben, da ich nicht eindeutig wußte, daß Dich, als Du so nahe vor den Toren des Todes gestanden hast, alles so sehr anstrengte, denn am Anfang ist der Weg zurück so furchtbar schwer, nicht wahr? So ging es mir, darum dachte ich auch so an Euch, liebe Kinder, Til wird sicher darüber lachen, oder es wird ihr mißfallen, meine erste Tat am Morgen und meine letzte Tat am Abend, Hanahkind, war, für Dich zu bitten, was ich auch für mich selbst wünsche. Es lautet: Allmächtiger, läutere mich, belebe mich wieder durch die Strahlen der Sonne, durch die Wellen der Luft, durch das alles durchdringende schöpfende Leben im Raum, und ich bete und wünsche, heile ihren Körper, ihr Herz und ihre Seele. Und ich finde, es ist ein herrlicher Gedanke, daß das schöpfende Element in Sonne und Luft Dir und mir mit jedem Atemzug mögliche neue Kräfte bringen kann; da wir wieder ins Leben zurückversetzt sind. Wer hätte das in diesem Sommer gedacht, als wir voneinander Abschied nahmen! Und was werden wir viel zu erzählen haben, wenn wir einander wiedersehen, aber kommst Du erst zu mir oder ich zu Dir, wer weiß das; ich bin sehr invalid, mein Laufen ist noch unsicher. Arm in Aarm den Stock schwingend laufe ich eine Straße weit, denn leider wurde die faule Angelegenheit bei mir nicht durch eine Operation entfernt - so dauert es viel länger. Aber oh, schon von Madeira kann ich Dir viel erzählen. Ich erlebte da Tausendundeine Nacht, ich sah vor meinen Augen - wie Kalypso auf ihrer steinernen Bank Ausschau hielt nach den Fremden, die ihre Insel passieren wollten und die sie festhielt, um sie danach in ihren Bann zu ziehen. Oh, Hanah, die bösen Geister aus Tausendundeiner Nacht besuchten mich auch, aber es ist und bleibt ein Wunderland. Wie oft dachte ich an Euch, die blauen Pelze und die Pracht überall, überall, in Grotten und Palästen, über Mauern und ins Meer hängend, oh, Wunder-Wunderland und für Til die fremden großen Boote, die ihre Menschenfracht an Land spucken, allerlei Völker und Länder verbindend, neugierig mit ihrem dünkelhaften Menschenbewußtsein, um kurz darauf mit fremden Kleidungsstücken, Körbchen, Kopfbedeckungen, Kanarienvögeln, Blumen, mein Körbchen zu den Booten ihre Beute wieder zu entladen. All dies Schöne ist, wie in Mackum [1], denn doch recht viel für die Fremden, besonders die blaue, blaue See und abends die Bootsanleger mit all ihren Lichtern, wie stille Paläste in dem immer noch blauen Wasser. Kinder, Ihr müßt dort hin, Hanah wieder gesund, Til etwas Geld verdient - dann 3e Klasse, das ist zu machen, ich habe alles ausprobiert, und dann dorthin; aber das Essen ist erbärmlich, nein, davon verstehen sie nichts, aber ich habe dort Malerkenntnisse erworben. Denkt nur, Kinder, 4 1/2 Monate bin ich dort gewesen. 14 Tage gesund und danach in dunkle Zimmer mit geschlossenen Fensterläden, vor den blinden Augen, aber jetzt kann ich wieder sehen, obwohl sehr vorsichtig und nicht so gut, und auch dafür kann ich nicht dankbar genug sein. Und die Schwester, sie findet es nicht so angenehm, obwohl sie ihr Glück dort fand und sich da bereits von mir getrennt hatte. Nein, Zus und ich lebten auf anderen Planeten, jede folgte ihrem Schicksal und nun ist ihr Körper noch hier in Den Haag, aber ihre Seele ist schon lange fort. Ja, Hanah, einsam, sehr einsam habe ich mich gefühlt, aber das Schlimmste ist vorbei, der Streit ist größtenteils gestritten. Die Schwester sorgt für ihre Aussteuer und ist verändert, sehr verändert, und sobald sie kann, geht sie weg, nun hat sie ein Ziel. Alles schön und korrekt in Ordnung, um so schnell wie möglich wegzugehen nach dem 7ten September, was danach kommt, ist «Glück», in welcher Form auch immer, alles, alles winkt, und danach ist nur Glück. Du weißt das wohl, das kennen wir doch alle. Und nun, Ihr beiden Lieben, bis zum nächsten Mal. Buijs zeigt sich als ein guter Freund, und er ruft auch tatsächlich an, wenn er was von Euch hören sollte. Tschüß und soviel Gutes! Ditte
Ich habe viele Photos aus Madeira! Auf diese Weise könnt ihr das sehen."

[1] d. i. Makkum, Küstenstadt in Friesland (Nordholland).