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Conrad Felixmüller, Raoul Hausmann u. a.: Der Bund. Programmentwurf. Reinbek
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Conrad Felixmüller (1897 - 1977)

  • TitelConrad Felixmüller, Raoul Hausmann u. a.: Der Bund. Programmentwurf. Reinbek
  • Datierung22.08.1917
  • GattungManuskripte
  • SystematikTyposkript
  • MaterialPapier, Durchschlag, maschinengeschrieben
  • Umfang4 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC H 49/79
  • Andere NummerBG-HHE I 9.43
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

Das ursprüngliche Typoskript wurde von Raoul Hausmann intensiv überarbeitet. Diese stark veränderte Fassung wird im Anschluß ebenfalls abgedruckt.
1. Typoskript, ohne Korrekturen und Streichungen:
„Reinbek, am 22. August 17. [Handschriftliche Anmerkung von Hausmann: „erhalten am 28.8.17“]//
DER BUND.//
Die Aufgabe.//
Unsere Bestimmung ist, die Welt nach unserer Überzeugung zu ändern. Wir erfüllen uns, wenn wir unsere Überzeugung realisieren. Unsere Haupt- und innerste Überzeugung ist, daß wir Gottes, des Geistes Kinder sind. Davon Zeugnis abzulegen in allen Taten, und Taten auszudenken für diesen unseren Glauben, ist unser Trieb, unsere Bestimmung. Wir sind eine Anzahl Künstler, im gleichen Bewußtwerden des Glaubens. Wir manifestieren unseren Glauben, und dadurch Gott, in den verschiedenartigsten Werken. Unsere Gemeinsamkeit ist das lebendige Symbol, der Beweis der göttlichen Verwandtschaft aller Menschen. Unsrem Triebe entspringt der Wunsch, der unmittelbar vom Geiste kommt: unsere wirkliche Gemeinsamkeit, die Brüderlichkeit im Geiste, trotz der Verschiedenartigkeit unserer Individualität und ihrer bunten Äußerungen, Manifeste und Bekenntnisse, diese Gemeinsamkeit noch im Individuellsten von uns zu erkennen. Die Erkenntnis von der Brüderlichkeit, Göttlichkeit, Einheitlichkeit des Geistes aller Sonderlinge, Bettler und Diplomaten, trotz ihrer Individualität (und gerade wegen ihr, durch sie!) muß die Herzen der Menschen einmal für immer erhellen!//
Schenken wir dem bewußtseinslosen Menschen seine göttliche Selbständigkeit wieder!//
Schaffen wir dieser unserer inneren Gemeinsamkeit ein sichtbares Zeichen! Das was allen trotz ihrer Individualität gemeinsam ist, das Göttliche, werde als Absolutes realisiert, sichtbar als gemeinsamer Name für alle und doch wiederum für jeden Einzelnen. Das Göttliche sei statuiert und wirkend aus der Abstraktheit zur Wirklichkeit, Lebendigkeit, Realität gehoben durch die Schließung des Bundes. Sein überpersönlicher Sinn und Name wird in der für den Bund handelnden Leitung zur individualisierten Realität. So ist er eingegliedert ins Leben, kämpfend und bekämpfbar, kurz: politisiert.//
Im Bundesleiter wirkt der reine Geist, der die Mitglieder vereint, als Triebkraft seiner Handlungen, die Kräfte der Bundesidee fließen in ihm zusammen, personifiziert zur Stoßkraft erwachend.//
Die Bundesleitung hat die Aufgabe, die gemeinsame Idee des Bundes in allen Taten der Mitglieder zu demonstrieren, die Taten selbst zur allgemeinen Kenntnis und Achtung zu bringen, so den Mitgliedern Existenzmöglichkeiten schaffend. Der Bund verwendet alle Mittel, um im öffentlichen Leben zu wirken. Möglichkeiten: Zeitschrift, Flugschriften, Ausstellungen, Vorträge, Konzerte, Theater, Oper, Kino und Operette, Variete, Konferenzen, Versammlungen, Offene Briefe, Umzüge und Feste.//
Mit dieser Aufgabe ist die höhere Idee des Bundes zur subjektiven Idee geworden. Der Bund hat, um die höhere Idee zu realisieren, subjektive, selbstsüchtige Interessen, welche die Bundesleitung zu vertreten hat.//
Die höhere Idee ist individualisiert und als solche Mit - Glied aller Individuen geworden, das nun seinen Platz im Kampfe aller gegen alle zu erobern hat. Die Waffen dazu bietet ihr politisierter Geist. Politisiert: denn die Bundesleitung kämpft öffentlich für ihn mit allen Mitteln.//

Die Mitglieder//
Die Künstler manifestieren ihren Geist individuell in einander widersprechenden Taten und Formulierungen. Doch sind sie von der Notwendigkeit und Wahrheit folgender Sätze durchdrungen: Freiheit ist nicht die persönliche Willkür des Einzelnen, sondern die bewußte Gemeinsamkeit im Geiste garantiert die Freiheit. Um dieser Hauptsache willen, zähmen wir unsere persönliche Empfindlichkeit durch Selbstkritik und verachten die dem Geist gefährliche Eitelkeit. Streitfälle diskutieren wir mit dem Wunsche nach harter Wahrheit (welche allein zur Harmonie führt) nur innerhalb des Bundes um die Stoßkraft des Bundes und seine hohen Ziele öffentlich nicht zu gefährden. [Hs. Anmerkung von Hausmann: „Ein etwas ängstlicher Bund“]//
Erst nachdem alle Beteiligten ihren Standpunkt niedergelegt haben und sich eine Gemeinsamkeit bis in die Form des Bundesbetriebes ergeben hat, soll zur Gründung geschritten werden.//
Um die Eindeutigkeit nach außen zu wahren, haben die Mitglieder nicht das Recht in die offizielle Politik der Leitung nach außen handelnd einzugreifen. Der Einzige politisch für den Bund verantwortliche ist der Vorsitzende. Seine Initiative vereinigt sich mit der politischen des Geschäftsführers, um den Bund nach außen hin zu verteidigen und zum Siege zu führen. In einem negativen Falle muß die politische Tätigkeit des Geschäftsführers durch evtl. vorübergehenden Wechsel nur des Vorsitzenden gesichert bleiben.“ [Hs. Anmerkung von Hausmann: „ohaha!“]//

Der Geschäftsführer.//
Während der Bund aus lauter »Einheiten« besteht, die gerade um ihrer Einheit willen stark sind, ist der Geschäftsführer die Allgemeine Idee und die politische Einsicht, das politische Interesse. Er hat die Aufgabe, seine Idee, welche im Kontrast zu denen der anderen Mitglieder, die gemeinsame Idee dieser anderen, außerindividuell, wiederum abstrakt ist; während diese allgemeine Idee sich in den anderen Mitgliedern künstlerisch verstofflicht und nur den Hintergrund, den mehr oder weniger bewußten, aller ihrer Manifeste bildet, lebt er um dieser Idee willen. Seine Aufgabe ist, diese Idee zu personifizieren in seinen Handlungen, welche die Handlungen des Bundes sind. Diese sind politisch; das erfordert die Umgrenzung der ideellen Handlungen, bedingt die äußere Lage, bedeutet andererseits die Garantie für ihren realen und idealen Erfolg.//
Der Geschäftsführer findet seine Einheit und Erfüllung, die Realisation seiner subjektiven Idee - und das ist die allgemeine des Bundes - in den politischen Arbeiten für diese Idee, in Handlungen die ihr zuliebe erfunden sind. Handlugen, die die Idealität Macht gewinnen läßt - durch Verwendung aller Mittel für die Existenz des Bundes. An der Überwindung der bürgerlichen Widerstände und dem sichtbaren Sieg des Bundes und seiner Idee hat er die Funktionsfreude
- sinnvoll - denn es ist Realisation seiner eigenen subjektiven Idee.//
[Der Geschäftsführer-Absatz wurde von Hausmann durchgestrichen und kommentiert: „Unsinn!“]
Das Allererste und Wichtigste ist nach Felixmüllers und meinem Dafürhalten die Herausgabe einer Publikation der Mitglieder.
Das Buch trägt den Namen des Bundes.//
Es macht unsere Gruppe mit einem Schlage bekannt, wirbt Freunde.//

Der Leser muß durch unsere zwingenden Folgerungen hindurchgepreßt werden. Selbstbesinnung und Freiheitswille bemächtigen sich seiner. Zum Schluß werden die ewigen Forderungen unabweislich und unzerstörbar auch aus dem Leser schreien.//
Das wäre die Einleitung.//
Nun kommen wir!//
Zeigen die Geist-Mittel, die für den Kampf für diese Forderungen bereitstehen. Wir geben den Befehl und die Gebrauchsanweisung. Jede Kunst Malerei, Musik, Literatur, Architektur, Kunstgewerbe, Theater: sie wirken politisch. Jedes Gehirn wird zur Waffe.//

Der Schluß: Nochmalige Kennzeichnung des nur Lesenden, Begeisterten. Unmittelbare Aufforderung an den Leser: Pflicht des persönlichen Erscheinens bei unserer nächsten öffentlichen Veranstaltung. [Handschriftliche Anmerkung von Felixmüller: „größte Leichtfaßlichkeit und Popularität Bedingung.“]//

2. Von hausmann überarbeitete Fassung://

„expressionistische Arbeitsgemeinschaft //
Unsere Bestimmung ist, die Welt zu gestalten. Wir erfüllen uns, wenn wir unsere Idee realisieren. Wir sind Gottes, des Geistes. Davon Zeugnis abzulegen in allen Taten, ist unser Trieb. Wir manifestieren unsefen Glauben, und dadurch Gott, in Werken. Unsere Gemeinsamkeit ist das lebendige Symbol, der Beweis der göttlichen Verwandtschaft aller Menschen. Unser Wunsch: unsere wirkliche Gemeinsamkeit, Brüderlichkeit im Geiste, trotz der Verschiedenartigkeit ihrer Äußerungen; diese Gemeinsamkeit noch im Individuellsten von uns zu erkennen.//
Unserer inneren Gemeinsamkeit sichtbares Zeichen: das Göttliche, Realität geäußert durch den Bund. Sein überpersönlicher Sinn wird in der für den Bund handelnden [Leitung] zur individualisierten Realität: Politik.//
Im Bund wirkt der reine Geist, als Triebkraft der Handlungen. Die Kräfte der Idee fließen in ihm zusammen, vielfältig zur Stoßkraft erwachend. (Möglichkeiten: Flugschriften, Ausstellungen, Vorträge, Konzerte, Konferenzen, Versammlungen, Offene Briefe, Umzüge)//
Die Mitglieder manifestieren sich, einander widersprechend. Doch sind sie von der Notwendigkeit durchdrungen: Freiheit ist nicht persönliche Willkür des Einzelnen, sondern die bewußte Gemeinsamkeit im Geiste. Um dieser Hauptsache willen, verachten sie die dem Geist gefährliche Eitelkeit.//
Um die Eindeutigkeit nach außen zu wahren, haben die Einzelnen Eigenpolitik zu unterlassen. Ihre Initiative vereinigt sich mit der des Geschäftsführers.“