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Jenseits von Gut und Böse
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Salomo Friedlaender (1871 - 1946)

  • TitelJenseits von Gut und Böse
  • DatierungOhne Datum
  • GattungManuskripte
  • SystematikManuskript
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben
  • Umfang5 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC H 32/79
  • Andere NummerBG-HHE I 7.3
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
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Abschrift - vermutlich von hannah hoch - des Kapitels Jenseits von Gut und Böse aus Salomo Friedlaenders Buch Friedrich Nietzsche: Eine intellektuelle Biographie (1911).
Die Textteile in griechischen Buchstaben wurden von Hannah Höch nicht transkribiert.
„Friedlaender;
Jenseits von Gut und Böse.
(...) Es läuft darauf hinaus, daß der gesamte Horizont, mit welchem sich der Mensch gegen das Unendliche abgezeichnet, verschränkt verrenkt hat, eine einzige Dummheit en detail et en gros, ist, und an der Stelle aller Idealitäten immer nur die eine Zufallsrealität steht: Mensch, Mensch, Mensch id est - Tier. Indem man den Weg, den dieses Tier gegangen ist, rückwärts einschlägt, kommt man auf den recht sehr erbärmlichen, ja unendlich gelegentlichen Ausgangspunkt zurück: und hier erhält man eine Freiheit der Betrachtung, ein Recht zu allen göttlichen Ausgelassenheiten im Verkehr mit noch so heiligen und idealen Menschlichkeiten. Allerdings - und hier überwältigt uns etwas Unsägliches - der Mensch dieser Einsicht ist der leidendste, den es geben kann! Er ist nicht nur als Einzelner, er ist radikal vernichtet, als Menschheit! Und dieser leidendste, gekreuzigteste, von sich selbst entlarvte, hinter allen Verlarvungen das hohle Nichts findende Mensch macht, wenn er auch jetzt noch den Willen, den tierischen Gelüst- und Machtwillen seines Anfangs beibehält - mit welcher unendlich schmerzlichen Selbstironie wird er das tun; und wie wird er sie sich und allen verbergen! - aus seiner Niederlage seinen Triumph: er setzt sein Werk fort, er setzt sich fort! So, die beiden Enden des Tieres Mensch, seinen rohen Beginn und seine Kultur in Händen haltend, sucht er sie in einen Ring zusammenzuzwingen, dessen wundwunder, lebendiger, blutender und blühender Punkt er selber ist: der ganze Strom der menschlichen Spannung und Anstrengung geht durch seinen Körper! Wir können vor einem solchen Erlebnis nur schamhaft unser Haupt, unser Herz verhüllen - aus Scham, daß wir es nicht haben, nicht haben wollen! Denn es hilft uns nichts; wir sind dazu verurteilt. Und so - es hilft uns nichts! - müssen wir, Herr dieser Scham werdend, uns besinnen; uns ernüchtern. (...)
Nietzsche war die Gegenbewegung gegen Schopenhauer: keineswegs, wie betont, in dem Sinne, daß er, wie ein harmloser Interpret meint, Schopenhauers Willensmeinung wegläßt, so daß der Wille jetzt sich ungestüm und ohne Arg in aller Unschuld bejahen könne: Das wäre Optimismus in optima forma; Dionysos will das Kreuz als ... Rückgrat der Freude; er hat den Tiefenbegriff der gegenseitigen Bedingtheit. Im Gegenteil! Nietzsche bedarf der ganzen Kraft der Askese, um Ja und Nein des Willens miteinander zu befreunden: er läßt zwischen ihnen wie zwischen Elektroden den Lebensfunken überspringen. Und damit erst kommt Schopenhauer wieder zu sich selber! Der Berg der Schopen- hauerschen Philosophie, dieser solange verschlossene Zauberberg wird jetzt erst zu kreißen beginnen. Es ist ja durch Nietzsche in jenen - man muß es sagen, ungeheuerlich plumpen und handfesten Willen, der, wo er zufassen soll, sich nicht biegen kann und also sich brechen muß - jetzt erst eine unendliche Differenzierung, Färbung, Gesetzlichkeit und damit eine Schmeidigung seiner Totenstarre gekommen, durch die er aller seiner Berserkerkräfte Herr werden kann. Und Nietzsche will ja auch überall nur sagen: ihr dürft die »Bestie im Menschen« nicht töten - im Gegenteil! ihr müßt sie noch böser, noch furchtbarer machen, damit auch ihr Gegenteil sich erhöhe: ihre Verfeinerung. Er wollte die Klaviatur des Lebens weiter ausgreifen lassen, und er achtete nur wie im Traume darauf, daß man doch selbst im labilen Gleichgewicht zwischen Engel und Bestie sich befinden müsse, um beider mächtig zu sein; und daß man diese gefährliche Labilität, welche später so verhängnisvoll für ihn wurde, doch irgendwie versichern müßte: denn freilich, man müßte sie rhythmisieren! Man sehe doch philosophisch den menschlichen Leib, d.h. das Unendliche als solchen ebben und fluten, ein- und ausatmen, erwachen und einschlafen, aufleben und ersterben; man sehe sein Blut pulsieren - was bedeutet es? Es bedeutet, daß das Unendliche sich seiner Differenz gegenüber lebendig indifferent verhält: persönlich-leibhaftig. Daß es hier eine grauenhafte Pathologie der Rhythmik geben könne, ist auf den ersten Blick verständlich; ebenso, daß diese pathologische Ontologie der Disziplinierung und Korrektur zugänglich sei (...) So konnte es kommen, daß die Moralität zerfiel, daß Nietzsche die ganze Zerrissenheit sowohl als Verwaschenheit des Individuums, der Person in ein Stark und Schwach, wovon jedes die Moralität des anderen verachtete, resp. haßte, mit furchtloser Stimme, in der dennoch alle Furchtsamkeit zittert, aussprechen könnte. Seine Entdeckung des Herr gewordenen Sklaven einerseits endet damit, daß er das mit Schlamm besudelte, gekreuzigte und verbrannte Wesen des Herrenmenschen hoch und heilig wieder aufrichtet, sodaß alle schwachen, idealistischen Sklavennaturen und -Moralen ein Zittern vor Todesangst ankommen kann.
Wenn wir nun einmal diesen versöhnlichen Konflikt in den Busen eines Wesens verlegen - aber war Nietzsche nicht dieses eine Wesen? - so öffnet sich die Aussicht auf seinen ewigen Frieden, wenn man unter Frieden keine Krieglosigkeit, sondern den harmonisierten Krieg versteht. Zunächst einmal ist »Sklave« die Bedingung des »Herrn« - wie könnte er sie tödlich: er wird sie liebend verachten.
Der Dünger seiner Verachtung wird gärtnerisch gemeint sein. Sodann ist »Herr« die Größe, der Aufblick, die Erlösung, die Rettung und Lossprechung des Sklaven selber
- wie dürfte er, wenn er sein Herz versteht, an seine Erniedrigung auch nur um Haaresbreite denken, ohne sich selber zu beeinträchtigen? - Wie dürfte sein Haß anders gemeint sein als liebend - der Unflat seines Hasses anders als gärtnerisch? Der Mensch, sagt Nietzsche, muß tiefer wurzeln, um höher zu wachsen! Es ist so vieler Vordergrund, so viel Kulisse an Nietzsche: aber je individueller, je persönlicher man ihn hört und versteht, desto mehr verständigt sich unser Kleinheitswahn mit unserem Größenwahnsinn zur Wahrheit unserer Person jenseits von Klein und Groß: als eximiert in diesen Bestimmungen, welche keine Versöhnung, sondern reinste Neutralität in uns wollen.
Sorgte man dafür, daß der Baum des eigenen Wesens in der »Hölle« wurzelte - nur Heuchelei und Selbst Vergessenheit, Instinktkastration kann dieses leugnen - so würde er in den »Himmel« wachsen, die Hölle würde kühler, der Himmel lebenswärmer werden. Die Mitte des Mysteriums aller Weltperson würde sich heraussteilen, der Verfall und Zerfall unserer Moralität würde wieder Religion werden. Das ganze Pathos der Distanz ist in der eigenen Seele anzuspannen: aber was könnte ihr wohl ein sehnsüchtigeres geben als das Unendliche? Nun ist es mit der Sehnsucht garnicht getan, die Sehnsucht kann nur spannen, ist nur die Sehne, nicht der Pfeil und sein Flug: Das ist die Concordia dieser Zwietracht, welche uns nicht zerstören, sondern neutralisieren und kommunisieren will! Bisher hat man das Erhabene kommun gemacht, d.h. dem Niedrigen befreundet, indem man es herabzog. Das Mikroskop Nietzsches eröffnet den Blick für die Erhabenheit des moralischen Staubes. Die Aufklärung der gesamten moralischen, - ja der gesamten Antinomie unseres Wesens überhaupt ist erstlich deren Vollendung, d.h. Infinitesimalisierung, wir schreiben das Zeichen 00 an alle Determinationen, die es gibt, auch an die Bestimmung »Mensch«; hierauf aber sogleich die Indifferenzierung dieser Polarität bei kräftigstem Bestehenlassen derselben: der lebendige Tod als neutrum und commune aller Differenzen des Unendlichen. Die Verwandlung des Ichts in das Nichts, wie sie der Tod vornimmt, bei Lebzeiten vorzunehmen, ist das moralische Kunststück, das alle übrigen in sich einschließt, und es bedeutet ebenso sehr die Verwandlung des Nichts in ein Ichts. (...)
Indifferent sein kann man auf der Stelle! Allein, wohlgemerkt, nicht wie ein Fakir oder Säulenheiliger (obgleich sie das Rechte meinen, es unbesonnen exerzierend, ihren Willen schlecht verstehend): man soll es wie ein Mensch von dieser Welt sein - und hierin besteht die Schwierigkeit, welche diesen Indifferentis- mus in jedem Sinne zu Disziplinen macht, wie es der Seiltanz, der Sternflug, alles Balancement ist. Alles dieses treiben wir bereits somnambul: unser Gang ist nur abergläubischer (blinder) Weise ein Gang auf festem Grund. Wir haben lauter blinde Sicherheiten gegen Gefahren, die es nicht gibt. Wir sind, wie Nietzsche es ausdrückt, philosophische Widersprüche zwischen Wertschätzungen entgegengesetzter Natur, wir fallen nach oben in Ideale oder nach unten in Realien hinein: wir fallen! »jahrlang ins Ungewisse hinab.« Dieser unser Fall, unser doppelter Fall, wird durch Neutralisation seiner Richtungen in jedem Sinne in einen Flug verwandelt, kombiniert werden können, wenn wir zwischen seinen Extremen präzis vermitteln; vor allem zwischen der mächtigsten Selbstsucht und der mächtigsten Selbstflucht. Unsere Gleichgültigkeit wird entweder abgeplattet (republikanisch-sozialistische »Gleichheit«) oder negativiert: in beiden Fällen hat sie keine äquilibrische Kraft. So daß es eben gar noch kein echtes, stichhaltiges Ego gibt, und, man lasse sich nicht durch Nietzsche dagegen verblenden: nur darum, um dieses Wunder und sittlich-physische Meisterstück ist es Nietzsche recht eigentlich zu tun. Das kam wie ein Schatten, ein Gespenst zu ihm und alles, was er tut, sind zarteste teils, teils furchtbarste Greifbewegungen, es zu fassen, zu halten.
Die erste Abhandlung der »Genealogie der Moral« deutet auf Napoleon als wie auf eine Synthese von Unmensch und Uebermensch. Gewiß! zu solchen Synthesen kann es niemals durch einen sanften, friedfertigen demokratischen Vertrag kommen, es ist dies ein ebenso erbärmlicher und lächerlicher Gedanke, wie derjenige, daß es zu einer solchen Synthesis des Furchtbarsten und Entzückendsten am Menschen, am Unendlichkeitstier, überhaupt nicht kommen dürfe: dieses Verbot, wiewohl es bloß borniert ist, verdiente unsittlich zu heißen. Tatsächlich können diese Synthesen bloß autokratisch erreicht werden, und Nietzsche sowohl wie Napoleon scheiterten an einem Defekt ihrer Autokratie (Selbstbeherrschung, Selbstüberwindung). Selbsterkenntnis ist eine fatale Kunst: Schicksal will Schicksal verstehen, es ist das vis-a-vis der Welt, des Unendlichen selbst! Wer sein Selbst - sei es in noch so grundloser Weise determiniert: ob durch eine Art Erdkaisertum oder durch ewiges Repetierenlassen - endlich versteht, endet: d.h. an die Stelle dieses Mißverständnisses tritt als Korrektur desselben der Tod. Indem man an das (...) selbst, das Zeichen Unendlich setzt, explodiert dieses »Selbst«, seine gesamte latente Kraft wird offenbar, und wem es gelingt, ohne diese Kraft abzuschwächen, sich zum Zentrum ihres Wirbels zu machen, der wird sie, d.i. das Schicksal beherrschen, weil er es ist: mit Willen und Wissen; wie es ohne Wissen und Willen gang und gäbe ist. Es wird also darauf ankommen, mit welcher Kraft man Person ist! Wir sind mit kosmischer Kraft Person, und wenn Selbstvergessenheit und -Verlorenheit nicht so unendlich wären, wenn Unendlichkeit nicht ihr eigenes Negativ bei sich trüge-vor. unserer Gottähnlichkeit würde uns grausen: ja, das Grausen ist philosophisch so motiviert. (...) Die zweite Abhandlung erwartet geradezu von Zarathustra (warum versteckt sich Nietzsche vor sich selber?) die große Gesundheit, Einsamkeit, Erlösung vom Fluche des Gottes, des Ideals, das sich das Menschenleben zu seiner Selbstbeschämung erfunden hat. Es ist, wie wenn sich das Leben immer vor seiner eigenen Größe gefürchtet und sich davor in einen Gott geflüchtet hätte, von dort aus sich nur unter Zagen und Zittern mit einer es verwundenden Herrlichkeit beglückend. Nietzsche leitet nun, seiner bloß historischen Methode getreu, den furchtbaren Druck, unter dem das Individuum begraben lag und noch liegt, von seiner Einpferchung in die Sozietät her. Vor dieser Einpferchung ist es, sagt er, das gedächtnisloseste, ganz gegenwärtige, ungeschichtliche, unberechenbare, freie Tier. Innerhalb der Sozietät wird es mit den schmerzlichsten Mitteln verantwortlich, also berechenbar, gedächtnisstark, notwendig, wollend gemacht: endlich darf es wiederum freigelassen werden, es hat nunmehr seine Autokratie erlangt; (...) Die Sozietät war nur das blinde Mittel, das Individuum gewissenhaft zu machen! Hierzu mußte es für jeden Schaden, den es anrichtete, ein Äquivalent geben - so erklärt sich alles Schuldgefühl bei doch ursprünglich und an sich ganz Schuldlosen! Die ursprüngliche Freiheit der vorgesellschaftlichen Tiere findet am Schuldigen das leckerste Betätigungsobjekt, und ihre Grausamkeit wird nur in Schranken gehalten durch die Berücksichtigung der Größe des angerichteten Schadens. Was wir Grausamkeit nennen, ist eigentlich nur das ursprüngliche Wohlgefühl des Menschen in seiner Kontrastierung mit dem gesellschaftlichen Zwange. Jeder Vergewaltigte - und ob er die Zwangsmaßregeln, denen er erlegen ist, auch längst vergessen habe, leidet an einer verhaltenen Tobsucht, welche zu seiner eigenen Überraschung und scheinbar grundlos plötzlich aus ihm hervorbrechen kann - daher die allgemeine und uralte Lust an der Grausamkeit, nach der Nietzsche zufolge sogar noch der Kantische Imperativ riecht. Grausamkeit ist Wollust! Nur Eunuchen werden dieses leugnen; und das Wort Grausamkeit mit seinem modernen Stimmklang kommt ganz gewiß nicht aus dem Munde eines Herkules, es rührt von Furchtsamen, Leidenden her ... Was nun an einem Ende so roh und fratzenhaft sich ausnimmt wie Grausamkeit, verfeinert, ja verzärtelt sich allmählich nach einem anderen hin: Grausamkeit, reguliert, erscheint als Gerechtigkeit; Gerechtigkeit, sanft werdend, als Gnade; somit Schuld als Unschuld, Immoralität als die Moralität selber, die Bestie als Engel, der Baß als Sopran. Alle Gefahr ist nunmehr vorhanden, daß nach dieser, wie Nietzsche es nennt, Selbstaufhebung aller guten Dinge die Ursprünglichkeit ihnen verloren gehe, und sie verweichlicht, verweiblicht fortwirken, ohne die fortzeugende Gewalt ihrer blutigen Quellen. Er öffnet überall die starren Schleusen, die den modernen Humanen, das moralischste, christlichste, liebendste Individuum von seiner ursprünglichen Natur abriegeln - nicht, um die Humanität in einer Sintflut von wilder Natürlichkeit zu ertränken, sondern, um sie zu einem Meer der Lebensliebe, der Naturwonne zu ver- umfänglichen.“