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["Der Mensch in seiner Form ist ein Bruder des Kosmos"]. [o. O.]
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Otto Freundlich (1878 - 1943)

  • Title["Der Mensch in seiner Form ist ein Bruder des Kosmos"]. [o. O.]
  • Datevermutlich 1921
  • CategoryManuskripte
  • ClassificationTyposkript
  • MaterialPapier, Durchschlag, maschinengeschrieben
  • Amount2 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC H 41/79
  • Other NumberBG-HHE II 21.75
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

"Der Mensch in seiner Form ist ein Bruder des Kosmos. Meine Vorstellung von Natur ist immer innerlich verbunden mit dem Vorstellungs-Erzeuger, und dieser ist der Sinn der Bewegung, ein sechster Sinn, der Bewegung denkt und Bewegung macht. Er ist sowohl Vater des Blutkreislaufs als auch Vater des Gedankenlebens. Es kommt also bei der Darstellung des Menschen die bisher nicht gemachte Forderung hinzu, ihn als äussere Totalität mit meiner inneren Körpertotalität in Beziehung zu setzen. Meine innere Körpertotalität ist die des gesamten Erdballs plus der des unendlichen Raumes. Bringe ich den Menschen vor einem Stück Rasen, Wald und Himmel zur Darstellung, in naturalistischer Weise, so will ich den Schein erwecken, dies Stück Rasen, Wald und Himmel sei Totalität, und mich selbst, dessen Gleichnis ich in diesem Bilde sitzend, stehend oder liegend darstelle, mich selbst zwinge ich zu Gunsten der naturalistischen Weltfälschung eine Fälschung meines Menschenerlebnisses vorzunehmen. D. h. da der Naturalist das Erlebnis des universellen Raumes und die Vorstellung des gesamten Erdballs nicht in sich schliesst, so hat sein Naturerlebnis die selben Mängel wie der Naturalist selbst. Haben wir aber das Erlebnis des universellen Raumes und mit ihm die Vorstellung des ganzen Erdkörpers, so ist dieses Erlebnis gleichzeitig der Komplex von Bewegtheiten, kosmischer Bewegtheiten und tellurischer Bewegtheiten. Niemals wird die geometrische Erklärung zu den wirklichen Kraftbeziehungen des Geistes hinaufreichen. Denn von dem Augenblick an sind alle Kraftbeziehungen geistig, sobald das Verhältnis von Ursache und Wirkung als subalterne Erklärung von Vorgängen höherer Ordnung ausgeschaltet wird. Aber alle alle Vorgänge sind Vorgänge höherer Ordnung.//
Nun gut, geben wir zu, dass wir einen solchen Weg einschlugen, um uns der höheren Ordnung zu nähern. Geben wir zu, dass alle Voraussetzungen mit denen wir denken, experimentieren und analysieren nur innerhalb des Denk- und Vorstellungskreises Gültigkeit haben, der nur ein begrenztes Ausmass unserer Denk- und Vorstellungsfähigkeit beansprucht. Die ursprünglich geprägten Denk- und Vorstellungssymbole sind zu wahren Tyrannen der grossen Seelenmächte geworden, deren Lebensquell es ist, mit den grossen Ganzheiten und Unendlichkeiten in Verbindung zu bleiben, in denen sie die Gottheit lebendig fühlen.
Geben wir es zu, dass die triumphierende Logik ihre eigene Jugendqual vergessend, mit der sir kindlich, jung und ehrlich um das Erfassen des Unfassbaren rang, dass diese Logik in dem eigenen Erlahmen ihrer jungen Wünsche sich das quietiv einer altersscharfen Selbstanalyse schuf, die ihre Kraftlosigkeit zur Norm nahm, und sie als eine Forderung nicht nur aufstellte, sondern sie physiologisch umsetzte. Wir werden diese Logik nicht anders überwinden, als dass wir uns physiologisch, also auch psychisch, also auch geistig ihrem Bann und Einwirken entziehen. Und das tun wir dadurch, dass wir uns weigern, in ihrer Systematik zu denken; dass wir uns weigern, ihre Ergebnisse nachzupräfen, dass wir ihr die Möglichkeit aberkennen, irgend welche Wahrheiten zu erfassen oder gar zu beweisen, die in unserm Prozesss der sich umbildenden Physis, Psyche und Geistigkeit am Werke sind.//
Wir verzichten auf diese Logik und ihren Kausalnexus und wir erklären, dass sie für uns aufgehört hat zu existieren. Wir fangen von vorne an, mit der Umbildung unseres Leibes durch den Geist, der immer stärker an allen Türen rüttelt, die lange vor ihm verschlossen waren.
Otto Freundlich."//

Veröffentlicht in: NG : Veröffentlichung der Novembergruppe / H. S. v. Heister; R. Hausmann (Hrsg.). Hannover. - Mai 1921, H. 1, S. 18; s. Kunst der Zeit : Organ der Künstler-Selbsthilfe; Zeitschrift für Kunst und Literatur / J. J. Ottens (Red.). Berlin: Ottens. - 3. Jg., 1928, H. 1-3 (Sonderheft: 10 [Zehn] Jahre Novembergruppe), S. 64 f.; s. 28.65.//