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Die Ablösung des Besitzbegriffes in der Kunst
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleDie Ablösung des Besitzbegriffes in der Kunst
  • Date[1919]
  • CategoryManuskripte
  • ClassificationTyposkript
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben
  • Amount3 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC H 68/79
  • Other NumberBG-HHE I 12.57
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description

„Die Ablösung des Besitzbegriffes in der Kunst.
Den natürlichen Menschen gibt es nicht. Schon das bloße Gegenüberstehen von Mensch und Natur, die Gegenläufigkeit beider, die bewußter wird als die Gleichartigkeit, lassen den Menschen zu Verdrängungen, Überkompensationen greifen. Hieraus entsprangen die ersten sozialen Institute und die Kultur, als ökonomische und ästhetische Schichtung der Vergesellschaftung des eigenen Verkehrswillens. Die sich jeweils bildenden Verständigungskomplexe über das Mögliche und Unmögliche als Sicherungen gegen die den Einzelnen bedrohenden Naturgewalten bedingten im Gesamt-Erleben die ökonomischen und ästhetischen Urteile, die von den Anschauungen über das Besitzrecht unzertrennbar sind. Der naive Besitzbegriff und die Ausbeutungstaktik eines isolierten Machtwillens spiegeln die Abhängigkeit des Einzelnen und der föderativen Gruppe im Staat als geistige und kapitalistische Profitrate. Aber dem Zwang zur Konvention der festgehaltenen Eigentums- und Besitzbegriffe tritt ein andauernder Zwang und Wille zur Auflösung entgegen, der die aktive Entwicklung des Ich aufzeigt und dem konservativen Kompromiß in der Kunst ebenso entgegentritt als in der Ökonomie. Der empörerische Instinkt, die Notwendigkeit des Sich- wehrens gegen erstarrte Formeln, das Aufbäumen gegen Bedrückungen verhindern das Sichsetzen auf Recht und Besitz. Die unendliche Beweglichkeit, die feste, konsolidierte Zustände nicht kennt, der rebellierende Instinkt allein steht immer von neuem außer jeder festgefügten Bildung einer Klasse.
Der stets neuschöpferische Mensch ist der Gegensatz zum Intellektuellen, der auf Grund eines bewußten hergebrachten Bildungsbesitzes Bourgeois bleibt. Der Intellektuelle schreit nach Vergeistigung der Welt, aber dies ist nur eine Religion des Jenseits im Menschen, so wie vorher das außermenschliche Jenseits zur Bemäntelung und Ablenkung von irdischen Mißständen helfen mußte. Die Religion des Geistes als asketische Beruhigung und Rezept, durch die Weltrevo- lutionierung zu gelangen, die eine radikale Vernichtung des historischen, moralischen, künstlerischen und persönlichen Besitzstandes darstellt - dieses geistigen Schwindels bedürfen die Intellektuellen, um die bittere Pille des Nichts zu versüßen. Wir wollen keine Geisteshierarchie, wir wollen diese Unwahrheit eines dummen und habgierigen Nachklassizismus nicht, der nur dem beruhigten Bourgeois als neues Mittel zur Stabilisierung seines Existenzwillens dient. Wir wollen diesen Geist nicht, der sich heute Weimar nennt und die ökonomische Siegesallee meint. Wir wollen die Variabilität der Werte, weil wir den Unwert und Unsinn, ja auch Not, Tod und Elend höher schätzen, als Ethik und Glück der bürgerlichen Welt. Jeder wird sich seiner Sinne bedienen müssen - bestehen oder fallen. Das Gefühl des sicheren Geborgenseins, das die Bourgeoisie und den Kapitalismus ermöglichte, beginnt aus Europa zu verschwinden. Der empörerische Mensch spricht nicht von einer revolutionären Verfassung, weil jede Verfassung nach einer gewissen Zeit wieder neue Revolutionen hervorrufen muß, denn der Weg von der Gesellschaft fort wird zur Gemeinschaft führen. Wenn wir alle gleich, alle Ichs sind, keine Werkzeuge einer fremden Autorität, dann gibt es keine Proletarier mehr; aber um Ich, Mensch zu werden, muß der ökonomische Zwang und die geistige Profitrate beseitigt werden. Der schaffende Mensch, der Wege zur Befreiung aus diesen kapitalistischen Fesselungen sucht, der etwas anderes ist als der Intellektuelle, ordnet sich dem Recht der Masse, dem Proletariat bei - um alle bourgeoisen Hemmungen revolutionär zu zerschlagen. Dann wird jeder sich und seine Beziehungen zur Gemeinschaft erkennen und frei von technischen Zwängen einer Religion oder Moral oder Skepsis oder Wissenschaft auch erleben. Dann wird es den Proletarier und den Intellektuellen nicht mehr geben. Der heutige Klassenkampf des Proletariats richtet sich gegen die faule Sicherheit der Bourgeoisie und deren gemeine Besitzanbetung. Als solcher schließt er alle Empörernaturen und freien Menschen in sich ein. Aber der Intellektuelle, der die Welt mit seinem Geist verleimen möchte - der ist der innere Feind des Proletariats, und darum ist der Ruf: Proletarier und Intellektuelle vereinigt Euch! - Schwindel, Schwindel wie der geistige Arbeiterrat oder ein Arbeitsrat für Kunst. Und dies alles kann nur an den Bourgeoisproletarier gerichtet sein.“