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Dieser gegenwärtige Augenblick
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleDieser gegenwärtige Augenblick
  • DateMitte bis Ende 1917
  • CategoryManuskripte
  • ClassificationTyposkript
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben
  • Amount3 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC H 42/79
  • Other NumberBG-HHE I 9.27
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

„Dieser gegenwärtige Augenblick
ist die Umkehr der alten Welt in die neue Welt.
Kongresse über Kongresse in Stockholm; Resolutionen der Völker und Parlamente zur Herbeiführung des Friedens: als Status quo ante; keine Annexionen, Recht der Völker auf Autonomie; Streit um die Schuldfrage. Die Entente mit Amerika, die Demokratisierung Deutschlands fordernd, erklären ihren Kampf als Befreiung der Völker vom Joch der preußischen Militärherrschaft; die Mittelmächte stellen sich scheinbar auf den Standpunkt einer Demokratie. Dieser Augenblick, voll anscheinender Verwirrungen, trägt in sich schon die gefallene Entscheidung Umkehr; Führung der Welt: Erde, in die Welt: Himmel.
Der Krieg; Regenerationsvorgang, notwendiger Explosionspunkt aller vergangenen Machtwillen. Die Schuld liegt zu gleichen Teilen an: Nichtbegreifen; Gewalt statt Ausgleich, Annäherung. »Aus der Sphäre der innersten, höchsten Realität fließt alles Wirken in die Realität der Welt als eine Fiktion. Die Auswirkung in der Welt - Menschlichkeit, Zeit - Welt überhaupt gehorcht der Stimme des Geistes, der wahren Realität, die Sinn, Bedeutung, Wert, ausstrahlt und zurückstrahlt, erkennen läßt durch das Spiel sinnloser Organe >Zufall<, die unerschütterte Richtquelle, ewige Schöpfer-Person, Geist- Gott«[1].
»Der Organismus: Mensch auf dieser Erde, die tausendfach verflochtenen, sich durchkreuzenden Gedankensysteme, (Regierungsformen, Kapitalwirtschaft, bürgerliche Gesellschaft als ebensoviele Machtwillen,) bilden ein Geistreich, so ungeheuer schwer erschütterbar, beharrend, daß seine Fehler, Änderungen die sich daraus erzwingen, sich dem Gottgeist entgegenstemmen, balancierend, dem Bewußtheitsblitz in der Gott - Person langsam, ausweichend Waage halten, seine Realität zuerst übertäubend in der Welt[2]; als Status quo ante, zu dem zurückkehren unmöglich ist.« Die Beschaffenheit dieses Status, zugleich sein Werden bis zum gegenwärtigen Augenblick, zeigte F. M. Dostoiewski 1877 in seinem »Tagebuch eines Schriftstellers« unwiderleglich. Er schrieb unter dem Titel »Deutschland, die protestierende Macht«: »Diese Aufgabe Deutschlands, seine einzige, hat es gegeben, solange es überhaupt ein Deutschland gibt. Das ist ein Protestantentum, nicht allein jene Formel des Protestantismus, die sich zu Luthers Zeiten entwickelte, sondern sein ewiges Protestantentum, sein ewiger Protest, wie er einsetzte mit Armin gegen alles was Rom und römische Aufgabe war, und später gegen die Völker, die Roms Idee, eine Formel und sein Wesen übernahmen. Das alte Rom war die erste Macht, die die Idee einer universalen Vereinigung der Menschen hervorbrachte, und die erste, die glaubte, sie praktisch in Gestalt einer Weltmonarchie verwirklichen zu können. Diese Formel jedoch fiel vor dem Christentum, aber bloß die Formen der römischen Monarchie, und sie wurde durch das neue Ideal einer wiederum universalen neuen Vereinigung in Christo ersetzt. Dieses neue Ideal zerspaltete sich in das östliche, das Ideal der vollkommenen geistigen Vereinigung der Menschen, und das westeuropäische, römisch- katholische des Papstes. Diese westliche Verkörperung der Idee vollzog sich, ohne den christlichen geistigen Ursprung ganz zu verlieren, indem sie diese Idee mit dem altrömischen Erbe verband. Das Papsttum verkündete, daß das Christentum ohne die universale Beherrschung der Länder und Völker nicht geistig, sondern staatlich, nicht verwirklichbar wäre. Und da begann dann wieder der Versuch einer universalen Monarchie - ganz und gar im Geiste der altrömischen Welt, aber doch schon in einer anderen Form. Auf diese Weise ist das östliche Ideal: zuerst die geistige Vereinigung aller in Christo, dann Kraft dieser Vereinigung, die zweifellos sich aus ihr ergebende rechte staatliche wie soziale Vereinigung verwirklichen. Nach der römischen Auffassung ist das Ideal das umgekehrte, zuerst eine dauerhafte staatliche Vereinigung in der Form einer universalen Monarchie und dann nachher auch eine geistige Vereinigung unter der Obrigkeit des Papstes, des Herrn der Welt. Seit der Zeit hat dieser Versuch in der römischen Welt immer Fortschritte gemacht und sich ununterbrochen verändert. Mit der Entwicklung dieses Versuches ist der wesentliche Teil der christlichen Grundsätze eingebüßt worden. Als die Erben dieser Welt das Christentum geistig verwarfen, da verwarfen sie auch das Papsttum; das geschah in der französischen Revolution, die im Grunde nichts war, als die letzte Gestaltveränderung der altrömischen Formel der universalen Vereinigung. Doch die neue Idee verwirklichte sich nicht. Es gab sogar einen Augenblick, da alle Nationen, die die römische Bestimmung übernommen hatten, fast verzweifelten. Oh, versteht sich, der Teil der Gesellschaft, der 1789 für sich die politische Suprematie gewonnen hatte - die Bourgeoisie - erklärte, daß weiter zu gehen nun nicht mehr nötig sei. Dafür aber schlugen sich alle Geister, die nach den unvergänglichen Gesetzen der Natur zur ewigen Beruhigung der Welt bestimmt sind, zu den Erniedrigten und Umgangenen. Diese Geister verkündeten nun ihr neues Wort, gerade die Notwendigkeit der Allvereinigung der Menschheit auf den Grundsätzen der allgemeinen Gleichheit, mit der Teilnahme aller und jedes Einzelnen an der Nutznießung der Güter dieser Welt. Zur Verwirklichung aber beschlossen sie, sich jedes Mittels zu bedienen, d. h. durchaus nicht nur mit den Mitteln der christlichen Kultur vorzugehen, sondern vor nichts mehr zurückzuschrecken.
Was hat das nun alles in diesen 2000 Jahren mit den Deutschen zu tun gehabt? Der charakteristischste Zug dieses großen stolzen und besonderen Volkes bestand schon seit dem ersten,.. ,«[3]“ [Hier bricht das Typoskript ab].

[1] Aus der Sphäre... Geist-Gott entspricht dem ersten Absatz des gleichnamigen Typoskripts (vgl. Nr. 9.25).
[2] Der Organismus... in der Welt entspricht dem dritten Absatz des obengenannten Typoskripts.
[3] Dostojeweski schrieb sein Tagebuch eines Schriftstellers in den Jahren 1873 und 1876/77 und noch je ein Heft im August 1880 und Januar 1881. Eine Auswahl aus dem gesamten Tagebuchmaterial erschien in deutscher Sprache bei Pieper in drei Bänden: Politische Schriften (1907), Literarische Schriften (1913) und Autobiographische Schriften (1919). Zum Kapitel Deutschland - das protestierende Land vgl. Dostojewski: Tagebuch eines Schriftstellers. München, 1963. S. 357f.