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Durch Kommunismus zur Anarchie
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleDurch Kommunismus zur Anarchie
  • Date26.01.1919
  • CategoryManuskripte
  • ClassificationTyposkript
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben
  • Amount2 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC H 96/79
  • Other NumberBG-HHE I 12.3
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

„Durch Kommunismus zur Anarchie.
Die höhere Phase der kommunistischen Gesellschaft ist der Krieg aller gegen alle; er tritt ein, wenn die ökonomische Gleichheit, die Unterschiedswertung zwischen den Arbeitsmethoden des Körpers und des Geistes, die Gleichartigkeit der Lebensmöglichkeit durchgeführt ist: dann entwickeln sich die Gehirne, die Masse wird in lauter Einzelne wieder aufgelöst, auf der Ausgleichswirkung der Lebenstechnik entstehen jetzt lauter Ichs. In dieser Phase wird der Mensch, das Ich, voll von sich Besitz ergreifen. Aber es wird nicht mehr unser primitives Ich sein, das sich autokratisch die ganze Erscheinungswelt allein zueignen will - ein neues Ich wird erstehen aus der Bewußtwerdung der bisherigen Geburt der Tragödie, der Konflikt des Eigenen und Fremden wird vor allen Menschen zugleich aufspringen und von ihnen aufgelöst werden müssen. Der Durchsetzungswille des Einzelnen über sich hinaus gegenüber allen bestimmt die Gesellschaftsform. Die innere Stellung des Menschen zu sich selbst, das Ich, die Erkenntnis der schöpferisch eigenen Autorität allein kann die allgemeine Idee, Formung des Gemeinschaftswesens hervorbringen. Ob Ich, der Einzelne, wisse wie Ich zu allen stehe, aus dieser graduell verschiedenen Bewußtwerdung des Ich entsteht alles. Ob aber diese Bewußtwerdung verankert ist im Ich als der höchste Wille zur überpersönlich lebendig Eigenen Macht oder außer uns projeciert ist als bloße Statik, Erstarrung eines Bewußtseins des blanken Gewaltwillens zur Unterdrückung, dieses entscheidet über die Wahrhaftigkeit der Gemeinschaft. Der Konflikt des Eigenen und Fremden, der Isolierung und der Anpassung, der die einzig entscheidende Triebfeder alles Handelns, alles Wollens ist - dieser Konflikt liegt in uns, in der Stellung zur Urform der Gemeinschaft, in der Familie ist unsere Entscheidung zur Lösung dieses Konfliktes bisher gefesselt. Die Vaterrechtsfamilie ist Vorherrschaft der überwerteten Mannidee, die Fälschung eines bedingten Wesens: des Vaters in den Herrscher. Daraus erhellt ohne weiteres in der weitesten Formung der Gemeinschaft als überpersönliche Idee, die Herrschaft der blinden autoritativen Gewalt, der Gewalt des Fremden, des Scheines: als wäre unsere innerste Autorität, unsere innerste Beziehungsform zu allen Menschen in der Tat durch einen sterilen Begriff, eine Täuschung vollkommen genug erfüllt und ausgedrückt. Sie führt zu blinder Unterordnung des Ich, des Eigenen, unter den Zwang des Fremden, der Subordinationsidee des Militarismus und Kapitalismus, des bisherigen Staats und über die Diktatur der proletarischen Masse, in der das Ich, der Eigene zunächst noch verschwindet. Das eigene Erleben, das Ich, ist aber nicht nur ökonomisch fundiert, es ist nicht gleich zu setzen der bisherigen Auffassung des Anarchisten von einer ökonomischen Autonomie, es ist nicht förderalistisch; sondern das Ich ist die zentrali- stischste Sache der Welt. »Das Recht kann nie höher sein, als die ökonomische Gestaltung und dadurch bedingte Kulturentwicklung der Gesellschaft.« (Engels) - Dieser Satz ist falsch. Das Recht, wenn es keine bloße Konvention sein soll, das weder »Naturrecht« noch »bürgerliches Recht«, sondern nur »variables,« unterschiedenes Recht sein kann, besteht nach dem Ausgleich der gröbsten Ungerechtigkeiten nach der Überwindung der ökonomischen Schwierigkeiten erst im höchsten Sinn als Recht durch die Selbstverantwortung des Ich vor sich selbst. Dieses Ich ist der Empörer, der Autonom, aber es ist durch die Schule des Zentralismus, durch die Kompromißstellungen des Kommunismus gegangen und stellt die Gesamtheit, alle, vor die Forderung des eigenen Erlebens. Nicht nur die Produktion als Arbeit ist der Inhalt des Menschenlebens, wie der Kommunismus lehrt, nicht die Erhaltung des Lebens ist der Sinn des Lebens - sondern die Arbeit des Menschen ist die Ausbreitung des eigenen Erlebens, die volle Entfaltung seines Willens, sein Ich und Du, seine Balance über dem Abgrund des Mordes, der Gewalt und des Diebstahls, die Eroberung der eigenen Gesetzmäßigkeit, die Auflösung seiner Grenzen, der eigenen Kompromißbildung, die Technik des Wissens um sich selbst - die Revolution gegen die eigene Konvention wird der Krieg aller gegen Mich; Ich soll über Mich siegen!“