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Entgegnung auf Lenins Polemik gegen den Anarchismus mit handschriftlicher Überschrift und Korrekturen
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitelEntgegnung auf Lenins Polemik gegen den Anarchismus mit handschriftlicher Überschrift und Korrekturen
  • Datierung[26.01.1919]
  • GattungManuskripte
  • SystematikTyposkript
  • MaterialPapier, handgeschrieben, maschinengeschrieben
  • Umfang1 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC H 58/79
  • Andere NummerBG-HHE I 12.4
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
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„Entgegnung auf Lenins Polemik gegen den Anarchismus.
Der Lehre von der Kommune steht die Lehre vom Ich entgegen. Dieses Ich, das sich der Welt gegenüber durchsetzen will, kann nur anarchisch verstanden werden, d.h. die Gesellschaft ist eine Kompromißbildung, der gegenüber das Ich seinen Trieb zum Zerstören, also seinen schöpferischen Trieb, betätigt.
Innerhalb der Gesellschaft, des Kommunismus, wird immer wieder das einzelne Ich auftreten, man wird es nicht beseitigen können, weil stabil gewordene Kompromisse den Boden ergeben, auf dem die zerstörerischen Tendenzen dieses Ich wachsen und sich ausbreiten. An der Spitze jeder Gesetzgebung müßte der Satz stehen: die Wahrheit des menschlichen Lebens ist die Kompromißbildung. Dies ist die Wirklichkeit und die letzte Logik, die uns heute sichtbar ist, muß notgedrungen zum Kompromiß des Kommunismus führen. Der Empörer, der sich nicht vergesellschaften läßt, das bin Ich, wenn Ich sage: Ich morde, vergewaltige und stehle jederzeit. Wie weit ich es durchführen kann, das ergibt sich aus dem Verhältnis meiner Macht zur Macht der anderen. Hier bilden sich Kompromisse von selbst. Mein Gegensatz zur Gesellschaft, zum Kommunismus liegt in Mir, und diese Macht wird der Kommunismus nicht in seine bestimmte Kompromißbildung einordnen können, schon deshalb nicht, weil z. B. die »Nutznießung« des Kommunisten, also sein Gegensatz zur Besitzbildung, wesentlich darin besteht, daß er den Diebstahl durch die »Nutznießung« ganz verallgemeinert, um ihn dadurch aufzuheben. Aber diese Nutznießung ist nur eine andere Form des nie grundsätzlich vermeidbaren Diebstahls als der Besitz, und der von allen eingegangene Kompromiß. Dem gegenüber hat die Macht des Einzelnen ihre Grenzen - und die Macht aller Einzelnen gegen einander müßte von selbst zum Kommunismus führen, würde von selbst diesen Kompromiß bilden müssen, aus der der einseitigen Machtausübung latent innewohnenden Gegenmacht heraus. Der Kommunismus, der aus dem Klassenkampf des Proletariers gegen die kapitalistische Ausbeutung hervorgeht, wird in seinem Verlauf die Masse durch die Diktatur des Proletariats im Augenblick des Fortschreitens in die höhere Phase selbsttätig auflösen in lauter Einzelne, diese Masse also anarchistisch wieder umbilden. Die Einzelnen werden durch die erworbenen Erfahrungen ihre Macht nicht mehr naiv für grenzenlos halten, sondern um die, jeder Einzeltat von selbst anhaftende Kompromißbildung wissen; sie werden ihre Macht innerhalb oder über einer gewissen Erfahrungsconvention gebrauchen. Keine Tat ist an und für sich unbedingt, auch für die radikalste Tat gilt die Wahrheit des menschlichen Lebens der sich selbstbildenden Kompromisse. Nach der Überwindung der ökonomischen und Klassengegensätze wird der Krieg aller gegen alle beginnen, wird die Grundlage der Menschlichkeit revidiert werden müssen. Das anarchische Ich ist trotz des Wissens und die ihm anhaftenden Kompromißstellungen inopportun. Auf dem Wege der Auflösung der Masse ins Ich wird vielleicht einmal der Kommunismus höchst opportun erscheinen. Die Diktatur des Proletariats beendet nur die Klassengegensätze. Dann wird der Mensch, das Ich, sich beweisen.“//