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Der geistige Proletarier
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleDer geistige Proletarier
  • Date[07.02.1919]
  • CategoryManuskripte
  • ClassificationTyposkript
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben
  • Amount1 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC H 56/79
  • Other NumberBG-HHE I 12.8
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

„Der geistige Proletarier.
Der empörende Instinkt, die Notwendigkeit des Sich-wehrens gegen Formeln, das Aufbäumen gegen Bedrücktsein verhindern das Sichsetzen des Einzelnen auf Recht und Besitz. Die unendliche Beweglichkeit, die feste konsolidierte Zustände nicht kennt, der Rebelleninstinkt allein steht außer jeder Klasse und macht den Geistesproletarier, nicht den Intellektuellen, der stets Bourgeois bleibt. Der Intellektuelle schreit nach Vergeistigung des Menschen, aber dies ist nur eine Religion des Jenseits in uns, so wie vorher das Jenseits außer uns zur Bemäntelung und Ablenkung von irdischen Mißständen helfen mußte. Die Religion des Geistes als asketische Beruhigung und Rezept, durch die Weltrevolutio- nierung zu gelangen, die eine radikale Vernichtung des historischen, moralischen und persönlichen Besitzstandes darstellt - die Intellektuellen bedürfen dieses geistigen Schwindels, um die bittere Pille des Nichts zu versüßen. Wir wollen keine Geisteshierarchie, wir wollen diese Unwahrheit nicht. Der Geist wird als neues Mittel zur Stabilisierung der Bourgeoisie mißbraucht. Wir wollen die Variabilität der Werte und des Geistes, weil wir den Unwert und den Unsinn, ja auch Not, Tod und Elend höher schätzen als Ethik und Glück der bürgerlichen Welt. Jeder wird sich seiner Sinne bedienen müssen - bestehen oder fallen. Das Gefühl der Sicherheit, das die Bourgeoisie und den Kapitalismus ermöglichte, beginnt aus Europa zu verschwinden. Der empörerische. Mensch spricht nicht von einer revolutionären Verfassung. Jede Verfassung muß nach einer gewissen Zeit wieder neue Revolutionen hervorrufen, weil der Weg der Gesellschaft zur Gemeinschaft führen muß. Und darum: ich kann heute nur von Mir, Mein u.s.w. sprechen. Aber deshalb bin ich doch Dein, Dir, Du. Darum spreche ich von der Verwirklichung des Ich, das hinter jedem Menschen steht. Wenn wir alle Ich sind, keine Werkzeuge einer fremden Autorität - dann gibt es keine Proletarier mehr; aber um Ich, Mensch zu werden, muß der ökonomische Zwang revolutionär zerschlagen werden. Der schaffende Mensch, der Wege zur Befreiung sucht, der etwas anderes ist als der Intellektuelle, der ordnet sich dem Recht der Masse, dem Proletariat bei - um alle bourgeoisen Hemmungen zu zerstören. Dann wird jeder Sich und seine Beziehungen zur Gemeinschaft erkennen, und frei von technischen Zwängen eine Religion oder Moral oder Skepsis oder Wissenschaft auch erleben. Dann wird es den Proletarier und den Intellektuellen nicht mehr geben. Der heutige Klassenkampf des Proletariats richtet sich gegen die faule Sicherheit der Bourgeoisie und deren gemeine Besitzverehrung. Als solcher schließt er alle Empörernaturen und alle freien Menschen in sich ein. Aber der Intellektuelle, der die freie Erde mit seinem Geist verleimen möchte, - der ist immer der Feind des Proletariers gewesen und darum ist der Ruf »Proletarier und Intellektuelle vereinigt Euch« - Schwindel! Und er kann sich nur wenden an die Bourgeoisproletarier. Aber aus der Wucht des Geschehens entspringt die Notwendigkeit der Umgestaltung der Welt durch den Menschen der Gemeinschaft, der die Aufhebung der fremden Macht in innerste eigene Autorität und aus dem Zwang dieses Ich heraus die Freimachung des Erlebens aller fordert!“