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Die Gesetze der Malerei
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
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„Die Gesetze der Malerei.
Der Maler muß die Fähigkeit besitzen, das Wesentliche seiner Epoche genau wahrzunehmen. Wir führen den historischen Materialismus in die Malerei ein. Die Malerei ist eine Erfindung des Mittelalters; sie erreichte ihr Ende in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts. Michelangelo war es, der die Furiosität und die Ungenauigkeit, die individualistische Sauerei einführte. Der Verursacher dessen, was man Expressionismus nennt, war Rembrandt; sein direkter Fortsetzer ist Kandinsky. In Europa fängt die Malerei erst bei Ingres wieder an, ihre Weiterentwicklung findet sie endgültig durch Carra und Chirico. In Deutschland gibt es vereinzelt Bilder von Thoma, Steinhausen und Haider, aber der Drang nach Sinnigkeit verhinderte eine klare Einstellung gegenüber den wahren Aufgaben der Darstellung. Die Malerei ist Verbildlichung des materiellen Raumes durch die Beziehungen der Körper. Die Begriffe der Körper fand man durch die Regeln der Stereometrie und der Perspektive, die erst eine klare Auffassung des Sehens und des optischen Milieus ermöglichen. Die materialistische Malerei basiert auf der Plasticität und Festigkeit der Wahrnehmung und nicht auf der Unentschiedenheit der subjektiven Impressionen oder seelischen Exkurse. Wenn man schon gezwungen sein sollte, eine Metaphysik anzunehmen, so liegt sie in der Materie selbst begründet und ist nicht von ihr getrennt darzustellen. Die Malerei ist eine Sprache, die die optischen Vorstellungen der Masse zur Eindeutigkeit zu steigern hat. Wir verwerfen den Standpunkt der abstrakten Kunst oder des Part pour Part ebenso, wie den Satz »la nature vue ä travers d’un temperament«. Die Malerei ist kollektiv. Die Malerei hat als Gegenstand: Dunkel, Licht, Körper, Farbe; Figur und Umgebung, Entfernung und Nähe, Bewegung und Ruhe. Die Perspektive ist Zügel und Steuer der Malerei. Die Perspektive ist ein beweisführender Gegenstand. Wir wissen genau, daß man die Versehen besser in den Werken anderer erkennt, als in den eigenen, und um solcher Unwissenheit zu entgehen, sorge man vor allem dafür, daß man ein guter Perspektivist sei und die Masse der Menschen und anderer Tiere kenne. Außerdem sei man ein tüchtiger Constructeur, um Gebäude und Maschinen darzustellen: zum genaueren Studium verschmähe man nicht, sich der Photographie zu bedienen. Der Maler muß trachten, universell zu sein, weil es nicht angeht, daß er eine Sache gut macht und andere schlecht. Wer dieser Universalität nicht Rechnung trägt, wird immer nur einen Abdruck des schon einmal gemachten herstellen. - Jede Sache, die in Grenzen gezwungen ist, ist schwerer als jene, die keine Regel kennt. Die Plasticität erfordert eine Kenntnis der Regeln des Schattens, die Mathematik der Größenverhältnisse der Körper zueinander wird durch die Stereometrie gewährleistet.
Die Construction der Körper setzt sich in die Zeichnung um. Die Beleuchtung ist ein Schema zum Verdeutlichen des Plastischen der Körper. Die Farben sind dazu da, das Feste zu geben; man verwendet sie nicht, um einen Rausch darzustellen. Alle Schatten sind braun, die Helligkeiten graublau. Die Farbenskala ist: Schwarz, Van Dykbraun, Umbra, Terra di Siena, Indischrot, Ocker, Preussisch- blau, Indigo, Grüne Erde. Für besondere Fälle treten noch Zinnober, Cadmium und Kobaltblau sowie Chromoxydgrün hinzu, aber stets in sehr sparsamer Weise. Um die Bewegung der Körper richtig darzustellen sei man ein guter Beobachter, der sich auch der Photographie zur Kontrolle bedient. Vor allem sei man selbst gewandt in allen Leibesübungen; wie schon Leonardo sagt, macht man alle körperlichen Ungeschicklichkeiten und Fehler unbewußt in seiner Malerei sichtbar. Hieraus erklärt sich auch die Vorliebe für die Willkür und Formlosigkeit der Expressionisten.//
Wir treten in unserer Zeit für eine klare und bestimmte materialistische Malerei ein. //
Raoul Hausmann //
George Grosz//
Rudolf Schlichter //
John Heartfield“.