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Psychologie Dada
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitlePsychologie Dada
  • Date14.07.1920-18.12.1920
  • CategoryManuskripte
  • ClassificationManuskript
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Amount21 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC H 75/79
  • Other NumberBG-HHE I 13.78
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

Blatt 8-19 auf der Rückseite des Programmzettels: Heiterer Abend.

„»Psychologie Dada« 14.12.20
Der Dadaismus ist innerhalb der bürgerlichen Kultur das Analog zum Protest des Kindes in der Vaterrechtsfamilie - nur, da der Dadaist ein bewußter Mensch ist, kein Kind, so gleicht er das protesthaft-kritische, den Zwang zur Anpassung, durch Lachen, Ironie, aus und erhebt sich über den bloßen Proteststatus schöpferisch, auch wenn er »nichts leistet« - einfach durch sein unbekümmertes Sein; aber eben durch sein Sein innerhalb dieser bürgerlichen Kultur, trotzdem er sie nicht anerkennt. Der Dadaist ist mehr als das protesthafte Kind, er ist nicht mehr nur analytisch, er psychologisiert nicht mehr - und damit fällt für ihn ein Teil des gesamten Lebens fort - er kennt keine Verantwortung, denn die »Realität« entschuldet ihn; das Tatsächliche, die Umstände, sein Milieu, sein Herkommen hängen ihm teils an, so daß er sie ablehnt aus Übermut und Ironie, und doch seine Verantwortungslosigkeit, eben seine Ironie, sich aus ihnen holt und durch sie stärkt. Der Dadaist ist somit innerhalb nunmehr des »Menschen« eine taktische Einstellung, die Standpunkte um des in ihnen sich zeigenden Unlebendigen willen ablehnt, ohne aber die Welt deswegen verändern zu wollen, da er zwar äußerst beweglich ist, ihm aber auch Lethargie - aus Gründen der Gegensätzlichkeit, der ihm so sehr notwendigen Widersprüchlichkeit plausibel ist. Ohne den Widerstand der Umwelt wäre keine Bewegung denkbar, also ist der Dadaist ein bewußter Taktiker, der seine Mittel genau sich und der Welt anmißt, anders als das Kind, das eben »erleidet« - der Dadaist ist kein infantiler Typus. Dada ist »praktische Selbstentgiftung« (Dada 3)1 eben vom Leiden und der Verantwortung. Dada ist ein westeuropäischer Zustand, antiöstlich, antiorientalisch; Dada ist die Keimblase eines neuen Menschseins: außerhalb des moralischen, christlich mittelalterlichen »Sündenballastes«. Dada ist die Negation des bisherigen europäischen »Sinnes« des Lebens, als eines Mischmasches aus allem Möglichen; Dada ist infolgedessen die unumgänglich notwendige ehrliche Einstellung des »geistigen Menschen« zur Welt »wie sie ist« - die lachend ablehnende, die aber keine entgiltige sein kann, weil ihr das Bewußtsein der Verantwortung gegen sich selbst fehlt. Zwar ist der Dadaismus aus dem Gefühl, den europäischen Schwindel nicht mehr mit verantworten zu können, geboren - aber ihm fehlt eben das klare Bewußtsein, das Darüberhinaus eines gnostischen Menschen. Der Dadaist ist ein anständiger Nihilist, der zwar - Tragik ablehnt, aber fortwährend tragisch wird, der gerade dann, wenn er vernichtet, »Unsinn« produciert, schöpferisch - also im griechischen Sinne tragisch wird. Dada ist die lachende Verzweiflung, die sich erhängen müßte - weil es unsinnig ist und lustig, andre zu ärgern - mit dem Tode und sei es der eigene; Dada aber hat eine Tendenz zur Untragik, zur selbstgewollten und geforderten Verantwortung am Sinn des unerklärten Lebens - unmystisch, aber auch ungnostisch, Dada ist die Entwicklungsbasis zum Menschen, der seiner Verantwortung am Gesetz seiner Gebundenheit in der Freiheit und dem Unfaßbaren nicht ausweicht, sondern jede Last ruhig trägt, zum balancierenden Menschen des Stadiums der Bewußtheit, das um die Metaphysik der Dinge, der Realität weiß. Dada enthält mehr als Dada.“

„17.12.20
Das integrierendste Moment des Dadaismus ist sein Streben vom kosmischmetaphysisch gefaßten Individuum fort zur Identität von Welt und Gesetz, Zahl und Sein. Das Gesetz der Welt liegt in ihrer begrenzten, errechenbaren Unendlichkeit, wie dies in der Arithmetik z. B. möglich ist, der Dadaismus ist seine eigene Gegenläufigkeit, er will fort und fort Bewegung, er sieht die Ruhe nur in der Bewegung und er ist logischerweise amusikalisch, atemporär, aindividuell. Er ist die einzig mögliche erreichbare Wirklichkeit, indem er die absolute Freiheit des Individuums zurückführt aus ihren zwangsläufigen Relationen zur Welt, zum Maß, zur Identität.
Das primitive Element im Dadaismus, das sich etwa in der Verwendung von bloßen Lauten, Geräuschnachahmungen, im direkten Verarbeiten gegebenen Materials wie Holz, Eisen, Glas, Stoff, Papier in der Malerei äußert, ist kein Realismus, auch kein Abstraktum, sondern entspringt eben aus dem Streben nach Identität, erhält im individuellen Akt der Creation gesetz- und zahlenmäßige Funktion.
Der Dadaist ist ein Mensch, der nur zu gut die Unmöglichkeit des apriorischen, unendlichen Ich begriffen hat, der aber von der Gegebenheit der Welt aus, als einer Endlichkeit, die Relationen dieser scheinbar aus dem nihil explodierenden und in dieses nihil zurückstürzenden Welt als eigene Angelegenheit, als sichere Gegenläufigkeit balanciert, unbekümmert um irgendwelche Theoreme von transzendent-kosmischer oder rational-veristischer Prägung. Dem Dadaisten ist die Unerklärbarkeit der Zahl, des Gesetzes, des Raumes Gegenwart, Leben schlechtweg, dessen Identität sich ihm fortwährend wieder dynamisch, (nicht musikalisch) auflöst. Der Dadaismus ist gleichweit entfernt vom Ägyptischen, von der Renaissance, von der Gotik und von der Realistik. Ihre Gesetze sind ihm nicht rationell genug. Der Dadaist als objektiv Wertender sieht den Mittelpunkt des Weltgeschehens stets aus der Null, dem Nichts, hervorgehen und dahin zurückkehren - er wird in der Praxis z. B. einer arithmetischen Gegebenheit nun zwar von dieser Null ausgehen, aber 4 stets 4 benennen und identificie- ren - nicht aus Realismus, nein, deshalb, weil ihm die Zahl 4 nicht als bloß positiv, sondern ebensogut als negativ bewußt wird; er wird an die dingliche Zahltatsache nicht eine succesive Kette oder Reihe angliedern, weil +4 ihm sofort -4 vergegenwärtigt. Sein Unterschied vom »Denker« oder »Philosophen« liegt darin, daß er keinesfalls über diese Tatsache lange nachdenkt oder in Verzweiflung gerät - er könnte ja auf diese Art nie zum Leben gelangen, wäre bewegungslos, und diese Ambivalenz dynamisch-statisch ist ihm doch das Wesentlichste. Er wertet auch nicht mehr irgendwie rot gegen grün, er spielt nicht gut gegen böse aus, nicht Schuld gegen Unschuld - er kennt das Leben prinzipieller und läßt es doppelt, aber in sich parallel gelten. Ausschalten möchte er nur das Einseitige - weil es dumm zu sein scheint, den Einseitigen schädigend. Der Dadaismus ist die einzige Lebensanschauung, die dem westeuropäischen Menschen entspricht, weil sie bis aufs letzte die Identität alles Seins durchführt und dahinter, hinter einem Schleier von Lachen und Ironie noch das Unerklärbare, das Magische, dessen man nicht »Herr« werden kann, (weil man dann die Schöpfung selbst wäre) ahnen läßt, anders als im Buddhismus z. B. mit seinem Ablösen der diesseitigen Schuld in einem jenseitigen oder auch »rein innerlichen« Nirvana.
An dieser Stelle nun wird man uns den psychoanalytischen Einwurf machen: dada ist infantil. Wenn wir schon überhaupt geneigt sind, auf Einwände, besonders psychoanalytischer Art zu antworten - so könnten wir diese Einwände am besten auf ihre eigene Methode, freudisch beantworten. Wir könnten dann diesem Friseurgehilfen am verfilzten Lockenkopf der natürlichen Gesundheit etwa sagen:
»Der Dadaist haßt die Dummheit, und liebt den Unsinn«
R. H."

„18.12.20
Keine Frage wird häufiger an einen Dadaisten gestellt, als diese: was ist der Dadaismus, was will der Dadaismus, wie hat man den Dadaismus erfunden? Wenn nun auf die ersten zwei Fragen eine Antwort erteilt werden kann, um irgendetwas vom Dadaismus lethargischen, unbeweglichen Menschen über den »Verstand« weg begreiflich zu machen - so ist die dritte Frage unbeantwortbar, denn das Unerklärliche am Dadaismus ist eigentlich dies, daß er allgemein flagrant war und ist und ihn niemand erfinden konnte. Eine Namengebung ist keine Erfindung - es bliebe für den Dadaismus gleichgiltig, ob er dada oder bebe, sisi oder ollollo benannt worden wäre - die Sache bliebe die gleiche. Und diese Sache drängte sich ganz von selbst, man wäre versucht zu sagen »intuitiv« in irgend einem gleichgiltigen Jahr 1916 in der sehr nebensächlichen Schweizerstadt Zürich einigen hellen Köpfen auf - ein paar jungen Männern mit guten Ohren und Nasen, klaren Augen und Mündern - sofern man in diesen Organbeziehungen etwas finden will, waren Ball, Huelsenbeck und Tzara mehr als andere prädestiniert, den Dadaismus aus etwas Vagem, allgemein schon lange Vorhandenem zu einer faß-, greif- und sichtbaren Anschaulichkeit zu bringen, übermütig und elastisch genug waren sie dazu. Lange Zeit hindurch hätten aber auch diese drei Creatoren des Dada nicht zu sagen gewußt, was nun eigentlich Dada sei, ja, noch im Jahre 1918 in Berlin, in einem schon weit vorgeschrittenen Stadium gab es bei uns keine präcise Bewußtheit über die Absichten von Dada in uns selbst. Aus dieser Tatsache schließen nun ehrwürdige Philosophen, strebsame Psychoanalytiker und überhaupt ernsthafte Menschen auf alles Unmögliche, vor allem unsere Unzulänglichkeit; leider kommen sie nie zum nächstlie- genden Schluß, dem ihrer traurigen Behaftetheit mit hergebrachten Werturteilen und moralischen Kategorien. Stets wird uns vorgehalten: ihr wollt kämpfen oder zumindest werben, aber ihr seid euch über Dada oder euch selbst so unklar, daß wir ernsthaften Menschen den Sinn nicht einsehen können und uns abgestoßen fühlen - hierauf haben wir nur Worte und Gesten des Beifalls. Dada ist die Faust aufs Auge und der Tritt in den verlängerten Rücken gerade gegenüber jenen sittsamen Kulturgreisen - die teilweise Unerklärbarkeit des Dadaismus ist so erfrischend für uns, wie die wirkliche Unerklärbarkeit der Welt - möge man das Unerfaßbare nun Tao, Brahm, Om, Gott, Kraft, Geist, Indifferenz oder sonstwie nennen, es bleibt im letzten Schwindel. Dada wirbt nicht, Dada ist ein Wirbel, der aus seiner eigenen Peripherie geboren, hervorgegangen aus einem allgemeinen Daseinszustand die Menschen in sich hineinreißt, sie umherschleudert, durcheinanderrüttelt, sie entweder auf die eignen vier Beine stellt - oder liegen läßt. Der Dadaist will letzten Endes keine endgiltige intellektuelle Erfassungsmöglichkeit für Dada haben oder bieten, aus dem Bewußtsein der unendlichen Beweglichkeit seiner selbst, vor allem von Dada, das ihm - schrecklich zu sagen - morgen anders aussieht, als es heute ist - und dieses sein Schicksal, sich zu bewegen, sich zu verwandeln, nimmt er unerschrocken und voll Selbstironie als sein Schicksal innerhalb dieser Welt, die aus Raum, Zeit, Maaß und noch etwas mehr oder auch weniger zu bestehen scheint, auf sich; er nimmt es nicht aus Fatalismus oder Unfähigkeit auf sich, sondern in ihm erfüllt er das Leben, wie es heute wirklich, mit ihm und den Dingen identisch, ist. Der Dadaist sieht in der ihm vorgeworfenen Dummheit keine Schande, er kennt zu genau die Gründe und Hintergründe derer, die ihm Unfähigkeit, Bierulk, Unfug und Bluff vorwerfen - er hat genug Degout vor den Heiligtümern der großen Männer unserer, ach, so sehr halben europäischen Kultur; der Dadaist kennt alle Positiva und Negativa dieser abendländisch-bürgerlichen Kultur - und schließlich hat er Gründe genug, um dieser Kultur auch einmal unironisch hinter die Kulissen zu leuchten.
Es ist müßig, die Frage nach der Dimensionalität oder Undimensionalität der Zahl überhaupt zu stellen; so alogisch dies erscheinen mag, hat die Tatsache des Zahlgedankens unweigerliche Relationen zum Leben unserer Welt als einer Welt mit Dimensionalität. Adimensional könnten wir uns nicht, auch nicht »bloß Angenommenes« vorstellen. Wenn die Identität durch mathematische Curven, durch Zahlwesen oder dergleichen gestellt und erfüllt wird - so ist diese Identität eben nicht endlich - sondern Unendlich, die endliche Unendlichkeit.//
An die Stelle des apriorischen Ego oder der Individualität, des nihil neutrale oder der Noumen müßte - Identität des gesamten Seins, Zahl, Wesen, Zeit, Ruhe, Bewegung, kurz in diesem Nicht aller Differenzierungen müßte Alles enthalten sein. Es gibt keine Leere, die absolut wäre, wie es keine absolute Person oder das Ding an sich gibt.“


[1] Zitiert aus: Raoul Hausmann: Dada in Europa., in: Der Dada j; ohne Seitenzählung.