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Puffke propagiert Proletkult (Die Kunst ist heiter; mein Sohn)
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitlePuffke propagiert Proletkult (Die Kunst ist heiter; mein Sohn)
  • Date07.08.1920
  • CategoryManuskripte
  • ClassificationManuskript
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Amount8 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC H 1486/79
  • Other NumberBG-HHE I 13.73
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

Bei drei Manuskript-Blättern befindet sich auf der Rückseite der Programmzettel: Heiterer Abend (mit Elisabeth Klockmann und Raoul Hausmann). Berlin: Berliner Secession, 15.12.1920 /

„Puffke propagiert Proletkult / So zu Weihnachten beim Pfefferkuchenknuspern träumte Puffke ma'n bißchen kulturell: wenn die Menschen die Kunst nicht hätten! Das wäre doch direkt - na eben nicht auszudenken! Die Kunst, das einzige Mittel, aus dem ganzen Schlamassel, der Wirklichkeit heißt, zu flüchten in ein besseres Jenseits! Ja, wir im zwanzigsten Jahrhundert, wir haben die Religion der Kunst. Wie beglückend ist es, neben aller Dummheit, aller Bosheit irgendwo, in Feierecken des Herzens glauben zu können: der Mensch ist gut! Ei, oweia, das tröstete wie Schlagsahne oder Fruchteis. Ja, wer doch auch so dichten könnte! Ich wüßte schon, sagte sich Puffke, wie ich’s machen wollte: alle meine heimlichen Sehnsüchte nach was Höherem, nach dem Feinen, Schönen, Guten würde ich zusammenstellen und mir so recht wie ein Gott vorkommen, zu meiner eigenen Erbauung und zur Erhebung der Andern. Das war ja immer das eigentliche Geheimnis der Dichter, daß sie aussprachen, was durch die häßliche, gemeine Wirklichkeit, das tatsächliche Leben im Menschen unterdrückt ist - daß sie das idealisiert hinstellen! Und, philosophierte Puffke weiter, da jeder Mensch die Welt und Gott im eigenen Busen trägt und Gott sogar erst wird und wächst durch meinen Glauben an ihn, so stellen es die göttlichen Dichter immer so hin, daß man alle ihre schönen Worte auch auf mich selbst beziehen kann, nicht bloß auf sie, die Lieblinge der siebzehn Grazien! Ach, und die Maler, wie verstanden sie Rosa und Himmelblau, Purpurrot und Smaragdgrün zu gebrauchen! Wie verstanden sie es, den Menschen zu verschönern, niedlich zu machen, oder ernste Männer wie mich würdig! Und als nun gar nach dem bösen Kriege die neue, junge, expressive, aktive Kunst aufkam, wie dröhnten die Worte so prall, so heiß, glutig; die Farben, schmolzen und strahlten, Formen kurvten und kubten - ja, das, das war Heiterkeit und fröhliche Feierlichkeit, das war herrlicher Furor, die Kathedrale der göttlichen Seele über dem trüben Alltag der Kohlrübe Armen, der Anderen. Heissa, Hojotoho! hätte ich beinahe gesagt - das war Aufbau, nein, Aufbauismus, bewußter, gewollter, das war nichts so dummes, unangenehmes wie die Politik oder die Ökonomie, die nicht mehr will wie ich will, Puffke - ach ja, Heiterkeit, Fröhlichkeit, Forsche der Seele, mein Sohn! Aber böse Menschen gibt es in Menge und die wollten uns nun unsere Behaglichkeit, unsere hohe Kultur zerstören! Wir haben ein gutes Herz, wir wollten alle diese schönen Glitzerdinge, diese Zauberschätze dem Proleten zugute kommen lassen - der arme Deibel hat’s ja recht schlecht! Er arbeitet zwar heute nicht mehr so viel wie früher, Gott sei’s geklagt - aber er wird wieder mehr arbeiten, wenn wir ihn so recht mit Kunst dickpäppeln! Zwar will ja der Prolete nicht viel von unseren letzten Kunsterrungenschaften wissen - er ist halt noch arg ungebildet - aber es wird schon werden! Eine ganze Menge Menschen helfen uns unter den Proletariern selber. Die von der Roten Fahne möchten auch mal so im Lehnstühlchen sitzen, im Großvaterstuhl, im schönen Schlafrock mit gestickten Pantoffeln und der langen Pfeife - und möchten noch so’n bißchen Mittelalter oder Renaissancekunst genießen! Wie wird erst der deutsche Bergarbeiter Kohle fördern, wenn er so weit ist, daß er’s nicht mehr erwarten kann, abends noch Lübbke-Semraus Kunstgeschichte zu lesen, oder Grünewalds, Dürers, Altdorfers und anderer Meister Handzeichnungen zu vergleichen! Von Rembrandt gar nicht zu reden! Und von dem zu Kokoschka und Meidner ist’s nicht weit! Goethes »Faust« und Nietzsches »Zarathustra« liegen dann im Küchentisch - nicht mehr im Tornister des Soldaten; na, und die Theater werden Nachtvorstellungen geben - und die Arbeiter werden bis ins Morgengrauen Wagner und Busoni hören und werden erheitert und erhoben zur Arbeit gehen! Ein bißchen Kommunismus, sagte sich Puffke, wird man ihnen dann gern gönnen - die Bürger werden ja selbst Kommunisten sein - mit ’ner ordentlichen Profitrate wird’s ja sowieso Essig und auf der ändern Seite hat sich der Arbeiter durch die heitere Kunst so geläutert, daß kaum mehr Klassenunterschiede auftreten. - Ach, Kunst, Kunst, gebt dem Arbeiter die wahre Medizin - Kunst, Kultur, Aufbauismus! Die Sache lohnt sich! Doch, um auf die bösen Menschen zu kommen - es gibt schon in der alten Kunst einige Bücher, die ekelhaft dumm sind. Das sind die Schreibereien von Rabelais oder Swift z. B. - heute können wir ja drüber lächeln, aber vor der Sorte muß man sich in acht nehmen! Diese Halunken waren nämlich ganz negativ - sie lachten über alles, machten die hohe, edle Feierlichkeit, die ganze Son- nigkeit des Gemüts herunter - sie waren Anarchisten, ja, man kann sagen, sie waren so was, wie etwa jetzt die Dadaisten. Dieser Rabelais war z. B. ein Hurer und Säufer, ein Unflat, der gar nicht für die Menge schrieb. Er hatte nichts Hehres und nichts Heiteres - er machte bloß alberne Späßchen über die Wohlanständigkeit! Verstanden wurde er von niemand außer seinen Saufkumpanen, und noch ein paar ganz degenerierten Snobs aus den höheren Klassen - also kurz und gut, er war ein Schädling! Swift wiederum schrieb außer ein paar Büchern, die gerade für Kinder gut genug sind, ganz langweiliges und bösartiges Zeugs, wie, daß man Kinder statt Kalbfleisch als Volksnahrung benütze! Von Swift oder Rabelais oder auch Sterne könnte man sagen, daß schon sie versuchten, eine Bierulkkultur für die ganz blöden und verdorbenen Menschen aufzuziehen - es war ihnen nichts heilig, am wenigsten der Drang nach Ausruhen, der der Menschenseele eignet. Diese Kerls waren in ihren Gewohnheiten ganz pervers, kleinbürgerlich; statt anständig angezogen zu sein, liefen sie mit nackten Weibern stundenlang am hellichten Tage nicht nur in ihren Schlafzimmern herum - welcher wirklich moralische Mensch wird so was tun? Da sind nun wieder mal meine, Puffkes, bürgerlichen Ansichten genau die gleichen, wie die der Roten Fahne. Geschlechtlichkeit gehört im Dunkeln unter ’ne anständige Ehebettsdecke! Und dann die Art, wie die Kerle produzierten: immer unanständig, eilfertig, ohne Überlegung, von Sammlung und innerer Anspannung keine Rede! Deshalb kam auch nie etwas den Menschen Verschönendes raus! Nein, man muß sie ablehnen! Puffke war ordentlich entrüstet! Er wußte: Schön und gut, wahr und moralisch war ein und dasselbe! Schön war die moderne Wirtschaft wirklich, und moralisch war es, zu arbeiten, zu arbeiten, nochmals zu arbeiten in diesen schwierigen Zeitläuften - sonst sank die Dividende! Und Puffke gönnte sich keine Feiertagsruhe mehr - er schwitzte unter der Verantwortung, die er auf einmal gefunden hatte: er mußte den deutschen Proletkult in die Hände nehmen - er war dafür verantwortlich, die Arbeiter durch die Erziehung zur Kunst auch zu wirklich nützlichen Faktoren der kapitalistischen Gesellschaft, zu klassenlosem, lebendigem, berechenbarem, sicherem Arbeitsmaterial im Produktionsprozeß zu machen. Blödsinn, wie etwa Streiks, durfte nicht mehr Vorkommen. - Drum ran mit Sophokles, Aschylos, Platon, Aristoteles, Phidias und so ’nen Dingern an die Arbeiter! Vor allem billig und tagtäglich - nichts glich das proletarische Gemüt und das Klassenbewußtsein mehr und schneller aus! Mit dem ihm eigenen Scharfblick erkannte Puffke sofort, daß durch die Ausbreitung seines Proletkults, dessen, was er für Volkskunst erklärte, die schönen guten, alten Sachen - auch der revolutionäre Geist eintrocknen und rückläufig werden mußte - ja, auf diese Weise war der Untergang der abendländischen Profitratenkultur noch einmal abzuwenden! Puffke war glückselig. Er fuhr sofort mit der Elektrischen (gewissermaßen als einfacher Mann) in die Spartakuszentrale, erklärte, er sei zwar ein ganz einfacher Mann, aber er habe Bildung erworben - sein Vater wäre noch Steinträger in Perleberg - und nun wolle er den deutschen Proletariern zum Glücke verhelfen, zur wahren Kunst und Bildung; zu dem Zwecke stifte er sein bescheidenes Vermögen der Centrale. Dort war man sehr beglückt, drückte dem einfachen Puffke für das Geld die Hände ab, aus Dankbarkeit - und richtete einen deutschen Proletkult ein. Aber Puffke, der viel schlauer war, tat sich hinten rum mit seinem Vetter Stinnes und solchen Leuten zusammen, und die machten das, was die Zentrale wie immer, kläglich schlecht machte, denn das Geld verläpperte sich schnell, in ganz amerikanischem Stil. Bald gingen die Arbeiter nicht mehr ins Kino oder ins Wirtshaus, sie gingen in keine Versammlung mehr, machten keine Demonstrationen mit, die ja doch nur für die Arbeiter gefährlich werden mußten, bei der großen Ordnung, die in Deutschland wieder herrschte - die Proletarier liefen wie besessen zu den alten griechischen Dramen, zu Wagner, sie überfüllten die Bibliotheken und Museen und wollten nur mehr arbeiten, ordentlich arbeiten, - 13 Stunden täglich, ’n bißchen essen und die übrige Zeit wurde Kunst genossen oder man versuchte sich selbst expressionistisch! Die Kultur stieg und stieg wie die Sintflut, sie überschwemmte alle Klassenunterschiede - die Kapitalisten waren ja auch kaum mehr ’ne Klasse für sich, da sie einen Teil ihrer Dividenden zum Besten des werktätigen Volkes in Puffkes Riesen-Non-plus-ultra-Proletkult opferten. Die Denker, triumphierte da Puffke, sind doch dämlich - Spengler läßt zwar die Kultur untergehen - ich aber, Puffke, habe sie sehr einfach wieder aufgebaut! Kapital ist ’ne wunderbare Sache, es verlohnt sich stets!“