Resultate:  1

Der Satiriker und die Satire in Deutschland
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitelDer Satiriker und die Satire in Deutschland
  • Datierung1920
  • GattungManuskripte
  • SystematikManuskript
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Umfang1 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC H 36/79
  • Andere NummerBG-HHE I 13.76
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

„Der Satiriker und die Satire in Deutschland//
»Deutschland ist nicht das Land, in welchem eine bessernde Satire es wagen dürfte, das Haupt mit der Freiheit emporzuheben, mit welcher sie gewohnt ist, die Lasten und Thorheiten der Menschen zu strafen. In Deutschland mag ich es nicht wagen, einem Dorfschulmeister diejenige Wahrheit zu sagen, die in London ein Lord-Erzbischof anhören muß.« Rabener, 1759.1 »Satiren zu schreiben ist von jeher vielleicht in keinem Lande der Welt undenkbarer, oder richtiger gesagt, gefährlicher gewesen, als in Deutschland. Das Volk im Allgemeinen hat in seiner naiven Ehrlichkeit wenig Sinn für Satire und Ironie, diese ist ihm unbehaglich, und es mißversteht sie gar leicht, weil es in seiner geistigen Unbeholfenheit geneigt ist, alles wörtlich zu nehmen. Man könnte die Mehrzahl der Schwänke Eulenspiegels als Satiren auf diesen Charakterzug oder auf diese schwache Seite des Volkes betrachten; denn wie letzteres jedes scherzhafte oder ironische Bild der Sprache sogleich buchstäblich nimmt, so besteht auch Eulenspiegels Witz meist im buchstäblichen Verstehen bildlicher Redensarten.«
Wenn ihm z. B. der Schuster, bei dem er als Geselle arbeitet, sagt, er solle zuschneiden »groß und klein, wie die der Hirte austreibt«, also von jeder Form und Größe, so versteht Eulenspiegel die bildliche Redensart wörtlich und schneidet aus ihm übergebenen Leder nicht Schuhe, sondern allerlei Tierfiguren »groß und klein, wie sie der Hirte austreibt«. Bei einer ironischen bildlichen Rede wird dem Deutschen so unbehaglich zu Mute, daß er sich wie verraten und verkauft vorkommt. Man darf es in diesem Lande wirklich eher wagen, 100 x grob, als ein einziges mal satirisch zu sein. Indessen darf sich der satirische Autor gegenwärtig schon etwas mehr erlauben, als etwa zur Zeit Rabeners; im gewöhnlichen Verkehr ist aber dies Volk der Deutschen der Satire gegenüber auch heute noch ebenso unbeholfen, und daher empfindlich, wie zur Zeit unserer Meth trinkenden Vorfahren - Loki war so verrufen, wie der Teufel und so kommt denn aus alter Vererbung ein kecker Witz unter keinen Umständen auf - das macht die Gespräche der ehrsamen Deutschen so schwerfällig und langweilig. Bei »wenig Witz« ist immer »viel Behagen« - sie gefallen sich selbst sehr in ihrem Mangel an geistiger Rührigkeit und ihrem Überfluß an unzeitiger Empfindlichkeit. Wo nun der Witz ganz ausbleibt, da sieht man alles zur Spielkarte greifen oder sich der stereotypen Phrasen bedienen - und die Leute erquicken einander mit »sinnigen« Gesprächen und dem Donner der conventioneilen Redensarten, die so recht wie ein Protest gegen alles klingen, was notwendig zu bedenken wäre oder gar Geist ist. Dies ist die Sachlage bei einem Volk, das sich in der Umwälzung der gesellschaftlichen Zustände und der Kultur befinden will. Man kann nun in Deutschland immer noch nichts bedeutenderes auf dem Gebiet z. B. der Literatur aufweisen, als das, was man gemeinhin »Expressionismus« nennt, und was als feierliches Wortgeballe zum Himmel stinkt - stinkt, weil es eine klägliche Unentschiedenheit, eine schwammige Unschärfe besitzt, die es nicht tauglich erscheinen lassen, den so oft citierten »neuen Geist« zu repräsentieren. Jede neue Literaturperiode, als Vertreterin eines neuen Wollens und neuer Ideen pflegt sich durch die Bekämpfung des Bestehenden, in der Form der Satire, anzukündigen und gleichsam einzuführen. Wie aber sollte dies heute geschehen, wo man nicht einem Dorfschulmeister, sondern dem Schutzpolizisten der »freiesten Republik der Welt«, Deutschland Rede und Antwort zu stehen hat? Wenn es in der früheren deutschen Literatur dennoch nicht an Versuchen fehlte, satirische Kritik zu üben, dann geschah es doch nach der Regel »Wasch mir den Pelz und mach mich nicht naß«. An eine Satire im großen Stil, eine Bekämpfung der Mißstände des allgemeinen und politischen Lebens darf man dabei freilich nicht denken, auch heute nicht - in jeder Beziehung hat der deutsche Geist, je länger, je mehr, immer kleinere Maßstäbe angenommen, sich in immer engere, immer klassenmäßigere Schranken zurückgezogen. Wir können den fortschreitenden Verfall des deutschen Geistes seit dem 17. Jahrhundert an der Geschichte der deutschen Satire studieren. Moscherosch2, Logau3, Grimmelshausen, Rabener - was sind sie gegen etwa nur den einen Swift! Die Satiriker Deutschlands waren ungleich zahmer als er, sie hielten sich vorzugsweise an die kleinen, spießbürgerlichen Thorheiten, Schwächen und Untugenden, welche zu den allgemeinen, staatlichen und politischen Verhältnissen, die Swift anzugreifen unternahm, kaum einen Bezug haben, darum auch erklärt Rabener: Märtyrer der Wahrheit wolle er nicht werden, er schließt ein für alle mal aus von seiner Satire »die Fürsten und Obrigkeiten, die Geistlichen und Lehrer«. Es sei Hochmut, erklärt er, wenn Schriftsteller von ihrem finsteren Winkel aus schärfer zu sehen glaubten, als diejenigen »welche den Zusammenhang des Ganzen vor Auge haben«.“//

[1] Gottlieb Wilhelm Rabener (1714-1771), satirischer Schriftsteller der Frühaufklärung; auf ihn bezieht sich Hausmann im Folgenden.
[2] Johann Michael Moscherosch (1601-1669), barocker Erzähler und Satiriker.
[3] Friedrich Freiherr von Logau (1604-1655), bedeutendster dt. Epigrammatiker des 17. Jh. Verfasser zahlreicher satirisch-zeitkritischer Sinngedichte.