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Von deutscher Grabmalskunst
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleVon deutscher Grabmalskunst
  • Date24.03.1911
  • CategoryManuskripte
  • ClassificationManuskript
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Amount1 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC H 52/79
  • Other NumberBG-HHE I 7.13
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

Mit der Veröffentlichung des Programms der Dritten Kunstgewerbeausstellung 1904 wurde eine Diskussion um die Grabmalskunst angeregt, in deren Folge sich zahlreiche Werkstätten für Friedhofskunst bildeten. In Dresden gründete sich die Vereinigung bildender Künstler für monumentalen Grabmalsbau, der auch Johannes Baader angehörte. 1904 initiierte in Wiesbaden der Mediziner W. von Grolmann die Wiesbadener Gesellschaft für Grabmalskunst. In Berlin hatten es sich die Werkstätten für Friedhofskunst zur Aufgabe gemacht, anspruchsvolle, industriell herstellbare Grabdenkmäler zu entwickeln.

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Von deutscher Grabmalskunst
Seit nicht gar langer Zeit - kaum 10 Jahre mögen darüber vergangen sein - erstand in Deutschland wieder ein allgemeines Interesse für das Grabdenkmal; denn von der Mitte des vorigen Jahrhunderts bis zum Anfang des jetzigen war in diesen Dingen ein Verfall eingetreten sondergleichen: als Grabmal galt meist nur ein Stück schwarzen, polierten Granits in Form eines Ofens oder der abgebrochenen Säule oder des Kreuzes; und ein Friedhof war eine möglichst trostlose, nur hin und wieder von einer weißmarmornen Figur unterbrochene, Anhäufung solcher Fabrikware auf großen Plätzen, die durch möglichst nach dem Lineal gebaute Wege in kleine Felder zerschnitten und spärlich bepflanzt waren. In älteren und kleineren Städten allerdings war es ein weniges besser: da waren noch genug Grabmäler aus älterer Zeit vorhanden - sie standen in ihrer tüchtigen Handwerkskunst merkwürdig ruhig und vornehm gegen die neuen Steine. Aber es schien lange, als hätte man dafür keine sehenden Augen, bis um die Jahrhundertwende herum durch Anregungen von England aus auf allen Gebieten der angewandten Kunst und der Architektur ein Umschwung eintrat, eine Secession von dem gedankenlos durch 40 Jahre geübten Schematismus und der trockenen Nachahmung aller Stile - da eroberte sich eine geringe Anzahl Künstler der jungen Generation mit heißem Bemühen auch das so schwer zu bearbeitende Feld der Grabmalskunst. Der Kampf ward so rasch geführt, daß nach ein paar kurzen Jahren der Sieg erwiesen werden konnte auf der denkwürdigen Dresdner Kunstgewerbeausstellung 1906.[2] Zu dieser Generation, die Namen umfaßt wie Kreis, Dülfer, Schumacher, Möhring, Römer, Klimsch, Kurz[3] und andere, zählt von Anfang an wol als einer der vielseitigsten und begabtesten der Berliner Architekt Johannes Baader, der durch seine eigentümliche und besondere Befähigung auf diesem Gebiet unter ihnen eine besondere Stellung einnimmt. Er ist am 21. Juni 1875 zu Stuttgart als der Sohn eines angesehenen und rührigen Handwerksmeisters geboren. Seine zahlreichen Arbeiten bewegen sich vom einfachsten Grabstein bis zum reichen und feierlichen Mausoleum oder Crematorium, stets getragen von einem freien und schönen Gefühl für die landschaftliche Umgebung, deren Charakter der Künstler seine Werke aufs innigste zu verschmelzen weiß. Als eines der ersten ausgeführten Denkmäler des Künstlers sei das zu Harzburg[4]genannt; hoch über der Stadt gelegen, überragt es ruhig und ernst die umgebenden Berge und Täler mit dem Brocken im Hintergründe. Ein anderes, nicht minder vorzügliches Werk ist die Familiengruft zu Eberswalde[5]; vor einem Wald schlanker märkischer Fichten aus bläulichem Granit errichtet - imponierend in seiner wuchtigen architektonischen Gliederung, darf es als eines der reifsten und stimmungsvollsten Werke aus dem Anfang der ganzen Bewegung gelten. In die frühere Schaffensperiode dieses Künstlers fällt noch das Denkmal für den Geographen Freiherr von Richthofen zu Berlin, und das Denkmal Albert zu Wiesbaden[6], die beide originelle Lösungen für größere Friedhöfe bieten. Für das Wiesbadener Denkmal schuf Professor Franz Metzner (von dem auch die Broncereliefs der beiden Seiten und des Christus von der Mitte des harzburger Denkmals herrühren) zwei figürliche Reliefs, die Rückwand schmückt ein Mosaikgemälde von Paul Rössler. Diese drei Künstler gründeten zusammen mit Oswin Hempel seinerzeit die dresdner Vereinigung für monumentale Grabmalskunst[7] und fanden reiche Anerkennung für ihr Zusammenwirken. Von ihren Mitgliedern ist Prof. Franz Metzner in weiten Kreisen durch seine Arbeiten für das Völkerschlachtdenkmal zu Leipzig bekannt geworden, Hempel wandte sich mehr der Architektur zu, in der er vorzügliches leistet. In das Jahr 1906 fällt noch eine große Arbeit Johannes Baaders, die leider nur Project geblieben ist: der Entwurf für ein Crematorium der Stadt Berlin, der eine vollkommen neue und technisch ausgezeichnete Einrichtung zeigt und eigentlich dazu berufen war, die bis dahin noch nicht einwandfrei gelöste Frage der Urnenhallen in bessere Wege zu leiten.[8]

Seit der Dresdner Ausstellung 1906 waren nun 2 Jahre vergangen, in denen segensreiches für die deutsche Grabmalskunst geschah, vor allem macht sich die reinigende Kraft der durch die Wiesbadener Gesellschaft (Dr. v. Grolman)[9] vertretenen Ideen geltend; in München bekamen Namen wie Obrist guten Klang, man schritt zur Schaffung eines Waldfriedhofes, ebenso wie in Hamburg der berühmte Ohlsdorfer Friedhof erstand, und die berliner Grabmalsschau 1908[10]
zeigte erneut, wieviel Gutes schon errungen war. Weittragende Bedeutung erhielt diese Ausstellung, weil sie als der Ausgangspunkt einer neuen, kurz darauf ins Leben getretenen Vereinigung der besten deutschen Grabmalskünstler zu gelten hat, der unter dem Namen »Werkstätten für Friedhofskunst« (C. Schilling)11 Männer wie Bernoully, Baader, Seeck, Schmarje, Taschner und Pfeiffer angehören. Unter den von den Werkstätten ausgeführten Arbeiten seien von Johannes Baader zwei Denkmäler aus dem letzten Jahre genannt; ein Mausoleum für Filehne12, eine reife und glückliche Schöpfung voll Maß, und ein Denkmal für den Friedhof in Lodz, das durch die freie Behandlung des Materials wie durch freie abgewogene Verhältnisse ausgezeichnet ist. Professor Seeck und Bernoully schufen für die Werkstätten vornehm sachliche Steine. Inzwischen hatte sich aber noch ein neues Bestreben nach ganz einfachen, guten und doch leicht herstellbaren Massensteinen am Werke gezeigt, und im Kunststein, namentlich im farbigen Cementguß war ein geeignetes Material gefunden worden, dessen Wirkungsmöglichkeiten auf der Berliner Ton- und Cementindu- strieausstellung erprobt wurden; hier sei auch der großen Verdienste Professor Franz Seeck’s gedacht, der dort einige gute Arbeiten zeigte. Auf dem Gebiet des Kunststeins gilt als einer der ausgezeichnetsten Künstler der Berliner Bildhauer Richard Kuöhl, dessen gemütvolle und naiv-urwüchsigen Arbeiten ihn hierfür als besonders begabt erweisen. Er ist zu Meissen im Jahre 1880 geboren, und seine zahlreichen anderweitigen decorativen Plastiken und Glasfenster erfreuen sich großer Schätzung; neben ihm und Seeck und Wackerle besitzen wir noch viele tüchtige Kräfte, die gutes schaffen, auf sie näher einzugehen verbietet uns hier jedoch der Raum. Aber noch sind große Aufgaben zu bewältigen, und Vieles muß noch erkämpft werden, doch diese Tatsachen zeigen, wie gut es um die deutsche Grabmalskunst bestellt ist, und welche große Hoffnungen wir auf die weitere Entwicklung setzen dürfen. Sie muß noch vor allem das Vertrauen aller Volkskreise erwerben, die in der entscheidenden Stunde ratlos all den auf sie einstürmenden geschäftlichen Anpreisungen und Katalogen gegenüberstehen und dadurch der auch in diesen Dingen so nötigen Überlegung und Einsicht beraubt werden; wie vielen von Ihnen aber könnte geholfen werden, wendeten sie sich z. beisp. in Berlin an die Werkstätten für Friedhofskunst! Wir haben aber Zeichen, daß Hände am Werk sind zu helfen, und nicht nur auf diesem engen Gebiet - wollen wir also freudig der Zukunft vertrauen!
Raoul Hausmann 24. März 1911“.

[1] Entspricht dem 25.3.1911, 8.43 Uhr.
[2] Programm der Dritten Deutschen Kunstgewerbeausstellung, Dresden 1906, ist abgedruckt in: Kunstgewerbeblatt: N.F. 15.1904. S. 198-200.
[3] Wilhelm Kreis, Martin Dülfer, Fritz Schumacher, Bruno Möhring, Georg Römer, Fritz Klimsch und Otto Kurz sind Architekten, Bildhauer und Kunstgewerbler; desgleichen die weiter unten erwähnten: Ludwig Bernoully, Franz Seeck, Walter Schmarje und Eduard Pfeiffer.
[4] Harzburg: Grabmal Haecker 1901-1903. Abbildung in: Johannes Baader: Oberdada. A.a.O. S. 12/Abb. 3.
[5] Familiengruft zu Eberswalde: Mausoleum Schreiber 1904. Abbildung in: Johannes Baader: Oberdada. A.a.O. S. 13/Abb. 7.
[6] Denkmal Albert zu Wiesbaden 1903. Abbildung in: Johannes Baader: Oberdada. A.a.O. S. 13/Abb. 5/6.
[7] Die Dresdner Vereinigung für monumentalen Grabmalsbau wurde 1904 auf Initiative von J. Baader gegründet.
[8] Abbildung in: Johannes Baader: Oberdada. A.a.O. S. 15/Abb. 10 und 11. [9] 1905 wurde die Wiesbadener Gesellschaft für Grabmalskunst von dem Mediziner W. von Grolman gegründet.
[10] Ausstellung für Grabmalskunst beim königlichen Kunstgewerbemuseum. Berlin, 1908.
[11] Die Werkstätten für Friedhofskunst waren bei Carl Schilling in Tempelhof einquartiert. Der Gruppierung gehörten Künstler wie Ernst Barlach, Hermann Hosaeus, August Gaul, Max Landsberg, Hugo Lederer, Bruno Paul, Walter Schmarje, Constantin Starck, Ignatius Taschner u.a. an. Die Tätigkeit der Werkstätten wurde auch vom damaligen Direktor des Kunstgewerbemuseums Peter Jessen tatkräftig unterstützt.
[12] Mausoleum Arndt in Filehne. Abbildung in: Johannes Baader: Oberdada. A.a.O. S. 10/Abb. 1.