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[Die westlichen Zeitungsleute...]
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • Titel[Die westlichen Zeitungsleute...]
  • Datierung27.03.1917
  • GattungManuskripte
  • SystematikManuskript
  • MaterialPapier, handgeschrieben, gezeichnet
  • Umfang3 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC H 78/79
  • Andere NummerBG-HHE I 9.17
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

Manuskript zur Russischen Revolution.
Auf den Rückseiten befinden sich zwei Aktskizzen in Tusche.

"27-3-17
Die westlichen Zeitungsleute haben allen Grund, besorgt zu sein wegen der russischen Revolution[1]; denn ist sie auch erst von den russischen Liberalen begonnen, so wird sie doch weitergehen, den russischen Menschen erfassen, und das ist ein für uns kaum vorstellbarer Mensch. Beginnt dieser Mensch zu erwachen, sich seines Menschseins erst voll bewußt zu werden, dann tut er es gründlich, wir dürfen nicht als »Westler« und »Civilisierte« auf ihn herabsehen ... Lautet vorläufig auch das Programm Miljukows[2] Weiterführung des Krieges als Grundlage zur Existenz des neuen Rußland und sagt er auch wörtlich: Wir wünschen mehr als je den Besitz Konstantinopels[3] der für unsere Freiheit unumgänglich notwendig ist, und fordert er auch die Befreiung der unterdrückten Nationalitäten Ostereichs, so ist dies doch bloß der allererste Schritt zur Bildung eines vielleicht noch nie dagewesenen Staatsorganismus. Denn schon beginnt die Agitation der Radikalen. Auch wenn der Temps meldet: »Die Arbeiter und Soldatenausschüsse fahren fort, die Handlungen der Regierung zu behindern. Sie verbreiten Aufrufe, deren Programm, das im heftigsten Tone gehalten ist, besorgniserregend ist.« Kornilow4 hatte mit den Ausschüssen Besprechungen, um auf die Gefahren aufmerksam zu machen, die Rußland aus der verlängerten Agitation erwachsen können. Die provisorische Regierung erläßt zahlreiche Aufrufe, um den Extremisten »Vernunft zu predigen«, so wird dies kaum einen »Wirrwarr« als Folge haben, wie der Westen glaubt. Falls der starke russische Mensch, und gerade der steckt sogar in den militärischen und politischen Autoritäten ebenfalls, ganz im Gegensatz zum Westen, auf dem Wege fortschreitet, den er jetzt aus Lässigkeit und Verwirrung heraus betrat, so kann er und er allein Europa zwingen, sich ihm auf diesem Weg aus dem Materialismus und der Unmenschlichkeit heraus anzuschließen - Wenn nun der russische Mensch nicht eher ruhte? Dann würde er siegreicher und strahlender das wahre Ideal des Menschstaates auf Erden durchsetzen, ein Ideal der Art, wie es die Waldenser, Hussiten, Wiedertäufer und die böhmischen Brüder durch Jahrhunderte in Europa zu erreichen suchten - Auf diesem Wege könnten die »Vereinigten Staaten von Europa« liegen, die Selbständigkeit aller und jeder Nationalität, mit Rücksicht des Wirkens im ganzen, gegründet auf die Verantwortlichkeit Aller zu Allen; Respektierung der Ordnung »Volksgemeinschaft« durch Respektierung des einzelnen Menschen, als Teil dieser Gemeinschaft und als wissend oder unwissend verantwortlicher Bruder aller Glieder dieser Gemeinschaft und aller Menschen ... Der neue europäische Mensch wird vielleicht in Rußland geboren, schöner als aus der französischen Revolution, der Mensch, der erkennt, daß in allen Menschen der Keim Gottes liegt, der Mensch, der, erwacht, den seelenlosen Zwang der materialistischen und militaristischen Maschine abschüttelt - der freie Mensch, der in der Seele Gott erkennt und die Erde! Vor dem bange der Westen!“

Notiz auf der Rückseite des ersten Blattes: „Bin nur rasieren gegangen, gleich wieder zurück“.
Notiz auf der Rückseite des dritten Blattes: „Die russische Revolution ist der spontane Schritt aus der Sackgasse der europäischen materialistischen egoistischen Isoliertheit!“

[1] Märzrevolution in Rußland. Bildung einer bürgerlich-liberalen Regierung unter dem Fürsten Lwow. Abdankung des Zaren.
[2] Erster Außenminister der Regierung Lwow.
[3] In Geheimverträgen mit der Entente wurde Rußland der Erwerb Konstantinopels zugesprochen.
[4] I. G. Kornilow (1870-1918), russischer General. Wurde im März 1917 von der revolutionären Regierung zum Kommandeur des Militärbezirks Petersburg ernannt. Verhaftete die Zarenfamilie. Im August 1917 Oberbefehlshaber des russischen Heeres. Marschierte im November mit Kerenski gegen Petersburg. Wurde von den Bolschewisten im Dezember 1917 entscheidend geschlagen.