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Zur Herkunft eines Menschen von heute. [Berlin]
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleZur Herkunft eines Menschen von heute. [Berlin]
  • Date08.06.1921
  • CategoryManuskripte
  • ClassificationManuskript
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Amount5 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC H 53/79
  • Other NumberBG-HHE II 21.66
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description

"Zur Herkunft eines Menschen von heute
Ob nun biogenetisches Grundgesetz oder geistige Kosmogonie der Okkultisten - der Mensch, der nach Bewusstwerdung ringt, muss alle Formen der leiblichen und geistigen und socialen Vergangenheit und Gegenwart durchlaufend erlebt haben, ehe er sich ein Instrument der Befreiung erschaffen kann. Und so waren wir alle Laotse, Buddho, Nietzsche, Strindberg und Tolstoi - bis wir bei uns selbst und damit beim neuen Menschen anlangen konnten. Alle Analyse kann nur zur Synthese führen, wenn wir sie mit dem Gesamten unseres Lebens erfüllt haben - nur aus der aufgelösten Psychophysis kann ein neuer Mensch kommen. Der ist aber dann kein «Individualist» und nicht «einzig.»
Und so kann man denn, wenn man bei den verbindlichen Anschauungen angelangt ist, über Nietzsche, Strindberg und Tolstoi lächeln - denn dort, wo sie conventionell dachten, sind sie schrecklich, und ihre Unconventionalität ist nur von der Art, wie sie jeder Mensch erlangt, nach der Überwindung der conventionellen, klassenmässigen Hemmungen. Grösser war die Weisheit des Laotse oder Buddho und, merkwürdig - ein Satz, der in verschiedener Form zwar, aber im gleichen Sinne, sowohl bei Laotse als auch bei Buddho vorkommt, war das heimliche Leitmotiv auch Nietzsche’s, Strindberg’s und Tolstoi’s. Es ist dieser: «Nicht durch Feindschaft kommt Feindschaft zuende, durch Freundschaft kommt Feindschaft zuende.»
Nietzsche, Strindberg und Tolstoi haben nur eben diese Weisheit «zeitgemäss» verkleidet und verdorben - das war ihre ganze Weisheit. Denn der Satz enthält die freiwillige Loslösung vom Descendenz-Ressentiment, von dem, was im Einzelnen historisch-materialistische Belastung ist. In der freiwilligen Loslösung von der Revanche, von der causalen Kette, liegt eine psychophysische Verwandlungsfähigkeit. Nur haben weder Nietzsche noch Strindberg noch Tolstoi jemals synthetischen Ernst mit diesem Leitsatz gemacht - und von uns auch Keiner. Fortwährend bleiben wir, wie diese «grossen Geister» auch, analysierend, wertend und moralisch. Hier hört aber die Moral auf - und die continuierliche Gesundheit beginnt. Gesundheit ist aber nichts weiter als der rhythmisch-dynamische Ausgleich von Psyche und Physis und ihrer beider bewusstes Mitschwingen mit den Universalkräften, mit dem Werden und Wachsen mehr, als mit dem Sein. Wir aber wollen Charaktere sein, Gewordene, statt Werdende - wir verlangen noch nach Moral. Hier ist nur eine Frage zu tun: wieviel Degeneration, also historische Herkommensbelastung, weist ein Mensch geistig und leiblich auf.
Psychoanalyse - was kann uns Psychoanalyse mehr gewesen sein, als ein Mittel zur Entwirrung der verschlungenen Antriebe unserer Psycho-Physis. «Abreagieren» - diese Weisheit finden wir schon im Nirvana des Buddho. Aber weder im Abreagieren noch im Nirvana liegt das «Heil», sondern nur darin, dass man sich freiwillig von der analytischen Richtung des Denkens wegbegibt - zur Anschauung der Dinge, der Kräfte. Nur aus der Anschauung und wie weit sie ursprünglich werden kann, vermögen wir den Übereinklang des Geistes und der Materie zu gewinnen, der uns aus der geistig-leiblichen Abstammungsbelastung hinwegführt in eine Lebensform, eine Bewegtheit, in der wir des analytischen Abreagierens auf analytische Lebensauffassungen nicht mehr bedürfen. Solange wir analytisch die Lebensvorgänge festlegen wollen, bleiben wir Rechner, die am Ende die Zeche zahlen; denn die Rechnung, die sich uns präsentiert, wird stets grösser sein, als die, die wir präsentieren können. Solange wir Menschen der Revanche, der Concurrenz bleiben, solange werden wir ungesund, also moralisch-degenerativ werten und auch sein. Und solange wir so denken, so abgesplittert aus einem Menschlich-Verbindlichen, wird unser Verlangen nach «Gerechtigkeit» bestehen - und nie erfüllt werden. Denn die Gerechtigkeit kommt, als Strafe, vom Vater her, der Wunsch nach ihr ist auch nur ein «männlicher Protest» - und je weiter wir in der Concurrenzidee gehen, desto mehr Gewicht wird in uns der Vater erlangen - also desto mehr werden wir in den Vererbungs- und Moralhemmungen verstrickt werden, statt eben «freiwillig» zu einer «Freiheit» zu gelangen. Alles Hemmende erben wir durch Hineingeborenwerden; wir sollten es erlösen können in uns, und hier ist vielleicht die Mutter, als Vererberin der Physis, uns wichtiger - wie überhaupt in dieser «männlichen Gesellschaft» die Frau ohne Worte, ohne «Denken» mehr Degeneration aufheben kann, als der Mann - eben durch ihre Physis, die «naturnäher» ist - und deshalb von «Natur aus» die Concurrenz nicht kennt, sondern «das Glück, unrecht zu haben» auf eine manchmal wunderbare Weise zur Entwaffnung der Gewalt zu gebrauchen weiss.
Nun aber kommt die Liebe, in ihrer «Blindheit» wie wir sagen, oder wie wir sie sehen wollen. Lieben kann man an einem Menschen nur das, was dem Rhytmus der eigenen Bewegtheit entspricht, und hier liegen noch grosse körperliche, atomhafte Geheimnisse verschleiert - die wir durch unsere moralische Auffassung der Liebe nicht entschleiern können. Wir legen in dieses psychophysische Wunder - den Gleichtakt zweier Körper - unsere ganze conventionellsociologische Belastung hinein - und töten damit dieses Wunder mit Sicherheit. Liebe - wäre vielleicht eine «physische» Form der freiwilligen Loslösung von den Hemmungen - aber wir nehmen das «Physische» noch zu grob und den Gleichtakt der Leiber noch zu - bürgerlich. Und darum können wir heute nur einen Menschen «lieben», wenn wir von ihm lernen, den Weg der Loslösung gehen lernen.
8. Juni 1921."