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Zur Weltrevolution
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitelZur Weltrevolution
  • Datierung10.06.1919
  • GattungManuskripte
  • SystematikTyposkript
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben
  • Masse32,7 x 20 cm (Blattmaß)
  • Umfang2 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC H 70/79
  • Andere NummerBG-HHE I 12.25
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

Mit einer handschriftlichen Notiz Baaders auf dem ersten Blatt: „Dieser Artikel greift weit über die Gegenwart hinaus (Af. 10)“.[1]

„Zur Weltrevolution
Wir erleben heute die ungeheuerste Revolution auf allen Gebieten des menschlichen Organisierens. Nicht nur die kapitalistische Wirtschaft, sondern auch alle Wahrheit, Ordnung, Recht, Moral, auch alles Männliche und Weibliche ist in Auflösung. Der Besitz verschwindet, die einseitige Ausbeutung verschwindet - jeder ökonomische, moralische, geistige Profit der alten Weltordnung ist im Absterben. An seine Stelle tritt ein neues Sein, das erst hier und da von den von der Selbstzerstörung am wenigsten Schreckhaften gesehen und keimhaft verwirklicht wird. Warum aber gibt es hier keine Führer? (außer denen, die die russische Revolution durchgeführt haben.) Weil hier der Einzelne nicht viel bedeutet. Die ganze Masse ist, sich selbst beinahe unsichtbar, in Umbildung begriffen. Diese Revolution wäre kurz, wenn es sich nur darum handeln würde, Ökonomisches umzuwälzen. Sie ist lang, sie wird die längste und größte Revolution darstellen, die die Erdentwicklung gesehen hat. Alles Gedankliche, die Religion, die Forschung, die Moral, die Justiz war seit Anbeginn der Geist-Geschichte wesentlich auf einer Stapelung, auf einer pyramidenförmigen Staffelung von höchsten Werten und Rechten nur der Eingeweihten und Auserkorenen gegründet. Eine einseitige Richtung nach oben, eine Belastung von oben nach unten in immer breiterer Schichtung ist das Bild dieses Geistes und Lebenszustandes. So drückt der Kapitalist den Arbeiter, der General den Soldaten, der Mann das Weib, unbekümmert um die Rechte und Fähigkeiten der Bedrückten. Alle sind krank und irrsinnig, weil die unterdrückten und gefälschten Gebiete des Lebens sie fortwährend treiben, ihre eigenen Gesetze zu überschreiten. Gesetze sind nur Anleitungen zu Übertretungen. Und der aufgespeicherte Wahnsinn und Haß gegen das Leben führte zur Explosion - des Weltkrieges, der eigentlich nur die unbeabsichtigte Einleitung zur Weltrevolution darstellt. Schuld, willkürliche Urheberschuld trifft keinen Einzelnen, aber die Blindheit der verantwortlichen Politiker und Kapitalisten gegenüber einem Auspowerungsmechanismus wird hier zur Schuld. Und hier liegt eine Schuld nur des Mannes. Sein krasser Wille zur Macht, der sich in Profitgier, Besitzstapelung und geistigen Isolationsgrenzen äußert, ließ für das viele aus dem Bewußtsein absichtlich und gewohnheitsmäßig Ausgeschaltete die tragische Einstellung eines ganz abseitigen, unlebendigen Individual-Idealismus entstehen, sie trieb die sich rächenden Instinkte des männlichen Geistes in einer geradezu körperlich bedingten Art zur Feindschaft gegen sich selbst - die Schwäche einer tragischen Kultur beruht auf einer nur »innerlich-geistig« manipulierten Selbstzerstörungsgeste, die der Frau ganz fern liegt. An dieser tragischen Kultureinstellung wird der Mann als Organisator zugrunde gehen, wenn es ihm nicht gelingt, im Verlauf der Weltrevolution die Gegenkräfte, die bis jetzt durch seine ethischen Idealisierungskünste unterdrückt waren, auch von sich aus frei zu machen. Diese Kräfte eines Seins in Widersprüchen, einer mehr kugelartigen gestirnmäßigen Durchdringung von Körper, Geist, Ökonomie und Sexualität als Gegensatz zur Pyramide (verwirklicht z.B. im Rätesystem, dem ersten nicht auf Schichtung basierten Staatsgedanken) können durch die Frau viel umfassender verwirklicht werden. Die kommunistische Bewegung wird zum Fiasko des männlichen Geistes führen, wenn in ihr nicht eine radikale Umstellung von bloß ökonomischer Gerechtigkeit zu einer Sexualgerechtigkeit vollzogen wird, die die Frau endlich zur Frau werden läßt.
Dieser innerste Kernpunkt der Revolution, die Abdankung des männlichen Geistes und des einseitigen männlichen Ordnungstriebes, muß durch Auflösung der existierenden kleinbürgerlich-moralischen Sexualverhältnisse von Grund aus zu einer neuen Gemeinschaftsbildung, gleichzeitig mit der fortschreitenden Verwirklichung des Satzes »Jedem nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen« nach und nach zu einem neuen Recht wie zu einer neuen Wahrheit überhaupt führen. Der Explosionspunkt liegt außer im Ökonomischen im Sexuellen. Hier hat eine Revolution noch nicht eingesetzt und wir erleben es, daß z.B. in manchen Städten Rußlands die männliche Einehenfamilie aufgehoben ist, daß aber anstelle dessen die Frau einem beinahe trustartigen Besitzbegriff unterworfen wird. Nur ein Klarlegen der Sexualbeziehungen kann hier auflösend technische Fortentwicklungen bringen. Das kommunistische Manifest fordert die Weibergemeinschaft und weist auf die Tatsache hin, daß die Familie und mithin die vor allem männlich bestimmte Moral für den Proletarier wenig Geltung hat. Es ist aber notwendig, daß hier nicht nur allgemein nach Klassen, sondern im Grundlegenden des Menschen verfahren wird. Den Weg dazu zeigt uns der kindliche Sexualkomplex.
In den Jugendfreundschaften z.B. wird die Homosexualität als naturgegebener Trieb des Menschen sichtbar. Beinahe jedes Kind hat homosexuelle Einstellungen, die nicht aus seiner Anpassungstechnik gegenüber der Familie sich herleiten. Die bürgerliche Familie verpönt die Homosexualität und stellt den Sexualkomplex um auf entweder männlich oder weiblich. Das Kind ist eine instinkthaft hochentwickelte Form des Menschen, die Homosexualität ist nicht etwa nur vor oder während der Pubertät vorhanden, aus einem Schwanken über die eigentliche Sexualrolle, sie ist dem Menschen überhaupt eigen. Die Erweiterung seiner Sexualkomplexe durch Homosexualität wird in der Familienerziehung durch eine christlich-romantische Einstellung fort geleugnet. Wie aber die zwangsweise Verdichtung der Sexualität in Monogamie hauptsächlich zur Vereinfachung der männlichen Beherrschungstaktik gegenüber der Frau erfunden und durch Generationen immer weiter gedankenlos fortgesetzt wurde, so wurde durch diese Mechanisierung das Wesen der Monogamie zur Auflösung getrieben. Die geheime-männliche Sexualform, die zur Fortführung der männlichen Gesellschaft benötigt wurde, legte in der Einstellung gegen die Frau deren Organisatons- und Gesellschaftstrieb lahm, so daß wir nur mehr die Entwicklungsformen der Mutter oder Dirne oder einiger Lesbierinnen kennen, die für die Gattungsentwicklung als Weib-Geist nicht in Frage kommen. Die Befreiung der Frau muß gerade hier einsetzen. Die Bildung einer weiblichen Gesellschaft, die zu einer neuen Promiskuität und in Zusammenhang damit zum Mutterrecht (gegen die Vaterrechtsfamilie männlicher Prägung) führt, hängt innigst zusammen mit der Umbildung der bürgerlichen Gesellschaft in den Kommunismus. Die bislang als Sexualtreue gepriesenen Besitzbegriffe erweisen sich als dem Mann bequeme Ausbeutungslügen, die die Frau herabmindern zur Prostituierten in mehr oder weniger fest bezahlter Form, aber der wirklichen Weibsexualität weder bei der Mutter noch bei der freien Frau gerecht werden. Die Erweiterung des kleinbürgerlich-anarchischen Individualismus, der einer Besitznahme bedarf, um überhaupt Eigentum vorstellen zu können, in den Kommunismus wird das unveräußerliche Eigene sowohl der männliehen wie der weiblichen Sexualvorstellungen aufzeigen. Die Familie als Zwangsfaktor wird umgebildet in Gruppen, in Beziehungen, in Wahlfamilien, die durch die Umstellung der Frau von ihrer bislang nur männlich bedingten und reagierenden Sexualität auf eine wirkliche weibliche, deren Wesen genau so der Freundschaft, Kameradschaft, Gefolgschaft fähig ist (in anderen Formen) wie das bisherige männliche Sexual verhalten. Das Aufhören der Hörigkeit der Frau wird zeigen, daß die Frau vielleicht stärker als der Mann befähigt ist, Sitte oder Gesellschaftsordnung zu bilden, nur in einer weniger »vereinfachenden« Art als der Mann. Das Recht und die Moralbegriffe, die sogenannte »Wahrheit« des Mannes werden gänzlich zerstört werden müssen, und werden sich als Unrecht und Unwahrheit erweisen (eben wegen ihrer vereinfachend-auslassen- den Unterdrückungsabsicht). Die Wertungen eines Seins in Widersprüchen werden von der Frau aufgestellt werden, da die Frau wirklich ist, real, im Gegensatz zu der Idealisierungsgeste des Mannes, der nur einige Lebensrichtungen gesetzmäßig erfaßt hat. Die sogenannte Verlogenheit der Frau wird auf der neuen Entwicklungsstufe umgewandelt in eine Fähigkeit zur Verwirklichung, die bisher nur durch den männlichen Vergewaltigungswillen als Lüge aufzutreten gezwungen war. Die »wahren« Männer treten heute für die Ablösung der Besitzrechte des Mannes an der Frau und eine Aufhebung der Minderwertigkeitsfamilie genau so ein, wie für die ökonomisch-kommunistische Gemeinschaft, die gleichläuft mit einer erweiterten Sexualeinstellung.“
[1] Entspricht nach Baaders Zeitrechnung dem 10. Juni 1919.