Resultate:  1

Fotomontage. Ausstellung im Kunstgewerbemuseum [o. O.]
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Max Osborn (1870 - 1946)

  • TitelFotomontage. Ausstellung im Kunstgewerbemuseum [o. O.]Zeitungsausschnitt [Quelle unbekannt] mit handschriftlicher Hervorhebung von Hannah Höch.
  • Datierung04.1931
  • GattungDruckerzeugnis
  • SystematikZeitungsausschnitt
  • MaterialPapier, gedruckt
  • Umfang1
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHE II 31.40
  • Andere NummerBG-HHE II 31.40
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Zugehörige Objekte
Weitere Abbildungen

"Fotomontage
Ausstellung im Kunstgewerbemuseum
Sie ist ein echtgeborenes Kind unserer Zeit, die ihr Auge so scharf auf das Tatsächlich-Wirkliche eingestellt hat, daß sie auch ihre Phantasterei am liebsten mit sachlichen Mitteln bestreitet. «Montage»: d. h. Künstler und Handwerker sind vom Ingenieur abgelöst. Man klebt Fotografiertes zusammen, wie man Maschinenteile verschraubt. Was dabei herauskommen kann, ist in Wahrheit unübersehbar lustig, anstachelnd, erregend, interessant.
Die Ausstellung der Staatlichen Kunstbibliothek im Lichthof des Nachbarhauses, zu der Curt Glaser und die Seinen von dem in Berlin lebenden Holländer Cesar Domela-Nieuwenhuis die Anregungen empfingen, rückt die Erscheinung und Versuche dieses amüsanten Gebiets, die seit zehn Jahren rings um uns aufblühen, zum erstenmal in die Ordnung systematischer Betrachtung. Voran stehen Proben der Vorläufer, denn wie jedem Arrivierten, macht es auch der Fotomontage jetzt Spaß, sich eine Ahnenreihe herzustellen. Im rheinischen Hause meiner Eltern stand noch ein «Quodlibet», ein mehrteiliger Wandschirm, mit tausendunddrei Ausschnitten von Buntdruckbildern beklebt, die wir Kinder eifrig vermehrten. Schade, daß man nicht ein solches Stück aufgestellt hat. Dafür erscheinen schnurrige Federzeichnungen und Stiche des 18. Jahrhunderts, die irgendeine Bilddarstellung aus einem zufälligen Wust von Druckpapieren jeglicher Art auftauchen lassen. Besonders beliebt war am Ende dieses Zeitraums solches Gewirr mit gezeichneten (bald auch wirklichen) Assignaten der französischen Revolutionsepoche. Im 19. Jahrhundert wird dann bald die junge Fotografie zu derartigen Scherzen bemüht. Man sieht ergötzliche Beispiele. Wie sollte sich das Mitgliederbataillon der verehrlichen Münchener Charcutier-Vereinigung anders in ein Gruppenbild zwingen lassen, als indem man die einzelnen fotografierte und die ausgeschnittenen Köpfchen in eine vorgezeichnete, mit Tischen und Stühlen besetzte Waldlandschaft von «malerischer» Stimmung einklebte? Wie früh man den Witz begriff, den die Methode erlaubte, beweisen die Doppelbilder, auf denen ein Fotografierter im angeregten Gespräch mit sich selbst erscheint, oder das Blatt von etwa 1880, auf dem Studenten einen Kommilitonen sachgemäß zersägen.
Aber der entscheidende Auftrieb erfolgte erst nach dem Weltkrieg. Er gehörte in das Kapitel der allgemeinen Formzertrümmerung dieses Kultureinschnitts. Die Kubisten hatten unmittelbar vorgearbeitet, wenn sie Formteile von realen Objekten durcheinanderschüttelten und in den Gespenstersalat dieser Verschränkung listig und naiv ein paar Banalitäten, eine bedruckte Zeitungsecke, eine Zigarre oder nur eine dicke schwarze Zahl einsetzten. Kurt Schwitters übersetzte sich das in zusammengeklebte materielle Stoffteile, die sich auch dazu herabließen, ein Straßenbahnbillet oder eine Garderobenmarke in ihren erlauchten Kreis aufzunehmen. Aus solchen Anregungen entwickelte der göttliche Dadaismus, dieser Ehrentitel bleibt ihm, die eigentliche moderne Fotomontage.
Es war ein höchst anarchistisch-individualistisches Formenspiel, das hier getrieben wurde. Und es ist nun überaus lehrreich, zu verfolgen, wie aus diesem Spezialulk von Eigenbrötlerin Einflüsse auf alle möglichen Provinzen des Lebens sickerten, um deren Boden zu befruchten. Die verrannten und närrischen Kunst-Kollektivisten hätten hier ein Exempel, um zu lernen. Sie werden freilich in diesem Fall keine finstere Frage stellen, weil die Sowjetrussen sofort die glänzende Brauchbarkeit der Fotomontage für Propagandazwecke erkannt und in Anwendung gebracht haben. Wieviel ausgezeichnete Wirkung auf diesem Weg für das Plakat, für das Inserat, für den Buchumschlag, für Werbemittel jeder Art, für die Karikatur, auch im Zusammenhang mit der Gebrauchsgraphik, zu erreichen ist, wissen wir; die Ausstellung versammelt gute Stichproben. Das Agitatorische hat dabei ebensoviel Vorteil wie das Sachliche - imposant der riesige Klebevorschlag von Domela-Nieuwenhuis für ein Idealplakat der Berliner Museen.
Aber der eigentümliche Kontrast, der durch die dokumentarische Richtigkeit fotografischer Aufnahmen und die unbegrenzte Willkür der Zusammensetzungsmöglichkeiten entsteht, ist so reizvoll, daß die Künstler ihn vornehmen, um auch ohne Zweck ihre Einbildungskraft spazieren zu führen. Der Ueberblick im Kunstgewerbemuseum ist sehr unterhaltend. Wie Hannah Höch und Raoul Hausmann uns in ironisch-unheimliche Gegenden entführen, wie Albert Bennemann einen Sinfonie des Berliner Straßenverkehrs dichtet, wie Herbert Bayer, R. Nilgreen und manche andere sozusagen authentisch belegte Spukgeschichten ersinnen, läßt uns nicht los. Die raffiniertesten Effekte bringen dann die fotografischen Verschmitztheiten, die man vom Film lernte, das Ueberblenden, Uebereinanderkopieren, Vervielfältigen desselben Motivs usw., und die tollen «Fotogramme», die namentlich Moholy-Nagy fabelhaft meistert: Aufnahmen ohne Apparat, d. h. hergestellt lediglich durch beleuchtete Objekte vor dem lichtempfindlichen Papier.
Max Osborn."