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"Frauen in Not". Vossische Zeitung, Berlin
    • Max Osborn (1870 - 1946)

  • Titel"Frauen in Not". Vossische Zeitung, BerlinAnbei: Belegzettel des Büros für Zeitungsausschnitte Dr. Max Goldschmidt, gestempelt: "12. Okt. 1931".
  • Datierung12.10.1931
  • GattungDruckerzeugnis
  • SystematikZeitungsausschnitt
  • MaterialPapier, gedruckt
  • BeschriftungMit handschriftlichen Hervorhebungen von Hannah Höch.
  • Umfang1 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHE II 31.49
  • Andere NummerBG-HHE II 31.49
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Zugehörige Objekte

"«Frauen in Not»
Die Ausstellung bei den Juryfreien
Neben der matten Tondämpfung unserer üblichen Ausstellungen klingt diese Schau wie eine Fanfare. Hier trommelt etwas vom Leben der Zeit gegen die Tür. Alles ist mit Hochspannung geladen. Der Besucher wird, kaum daß er eintritt, feste am Rockzipfel gefaßt und von Saal zu Saal gerissen, ohne daß die Stimmungssteigerung im geringsten nachläßt.
Was der Maler Otto Nagel, gestützt auf die etwas bourgeoise Einrichtung eines Ehrenkomitees mit gewichtigen Namen, zusammengebracht hat, geht unverblümt von sozialpolitischer Tendenz aus. «Das größte Opfer dieser Zeit ist die Frau», ruft Dr. Fritz Schiff im Vorwort des kleinen Katalogs, «das dreifache Schicksal, als Arbeitende, Frau und Mutter, lastet auf ihr». Aber sie sei nicht ohnmächtig, auch sie vielmehr «in der Masse stark», und so soll die Ausstellung aufrufen, bewußt machen, diese Zustände überwinden helfen.
Das sind Absichten neben der Kunst, ganz gewiß. Die schöpferische Fähigkeit des Menschengeistes, Dasein, Traum und Empfindung aus der Phantasie nach- und neuzuschaffen, trägt ihr stolzes Gesetz in sich selbst und nur dort. Sie unmittelbar und planmäßig in den Dienst heterogenen Strebens zu stellen, ist weder bürgerlich, noch proletarisch, sondern schlechthin amusisch. «Das sowieso». Immerhin ist zu vermerken, in welchem Umfang und mit welcher Leidenschaft die radikale Linke künstlerische Mittel mobilisiert, im Theater, im Roman, im Film, im Chorgesang, und neuerdings eben auch in der bildenden Kunst - während die feindliche Ultra-Schwester zur Rechten von solchen Dingen überhaupt nichts weiß.
Aber Wesen und Verdienst dieser Ausstellung beruhen darauf, daß sie von selbst über den propagandistischen Vorstoß erheblich hinauswächst. Das Roh-Thematische, die sture Stofflichkeit, das schreiende Programm fehlen nicht. Doch sie werden zurückgedrängt von einem überraschenden Anmarsch großer Qualität und aufleuchtender Nachwuchsbegabung.Wo Käte Kollwitz einen ganzen Raum mit der Herrlichkeit ihres zeichnerischen Werkes füllt, wo Lithographien von Barlach, Gemälde von A. W. Dreßler, Werner Scholz, Schmidt-Rottluff, Baluschek, Büttner, Heinrich Ehmsen, Zeichnungen von Herbig, Aquarelle von Breinlinger in Gruppen auftreten, wo man sich von Kokoschka, von Max Beckmann, Leo v. König, Jankel Adler Frauenbilder von Rang ausbat und sich, um ins Internationale auszuschweifen, Werke von Chagall und sogar von Munch sicherte (das ist übrigens kein «Ehepaar», wie der Katalog meint, sondern eine der Skizzen zu Ibsens Gespenstern, Schlußszene, also Mutter und Sohn) - ist das Niveau ohne weiteres verbürgt.
Man spürt, was es heißt, eine Ausstellung unter das Zeichen einer Idee zu stellen. Wie die Wirkung der Einzelheiten sich dadurch zusammenschließt und verstärkt. Man klage nicht schwachmütig, es sei gar zu viel «Elend» zu sehen. Die Zeit ist reif dazu, Jammer und Not in künstlerische Darstellungsform zu gießen. Es wiederholt sich aus neuem Geist das, was vor vierzig Jahren die «Armeleutemalerei» hervorrief - freilich nun in fanatisch verschärfter Tonart, mit Salz und Pfeffer und Essig darüber. Wie damals kann man auch heute sagen: wo der Inhalt, nach dem Zweck schielend, auf eigenen Füßen stehen will und sich einbildet, das genüge schon, kommen Wertlosigkeiten zutage - wo aber der Eindruck der Bedrücktheit, des Jammers, der Verzweiflung zum Erlebnis des Malers wurde, das sich in schmerzvolle Luft der Gestaltung umsetzt, wird redliche Kunst herausspringen, die ihren Namen verdient.
Nun, natürlich, man protzt ein bißchen mit verwegener Wildheit des Stofflichen. An der Tür eines Saales prangt die Notiz: «Für Jugendliche gesperrt! Anstoßnehmer werden gewarnt!» Da geht es nicht zimperlich zu, wozu der § 218 sein Teil beiträgt. Ein paar Gemälde von Otto Dix sind da, die so als Reihe das Auge allerdings nicht streicheln, was jedoch nicht hindern darf, die Vehemenz und handwerkliche Meisterschaft dieser Malerei wieder zu bewundern. Er zieht einen Nachahmer hinter sich her: Georg Kinzer aus Leobschütz, der darlegt, was es heißt, Dixsche Derbheit ohne Dixsche Berufung zu riskieren. Eine nicht alltägliche Sache steuert der kecke, junge Felix Nußbaum bei. Er nennt sie schlicht «Bild mit Embryonen». Was es so als Ganzes sagen will, verstehe ich zwar nicht, aber es amüsiert durch den malerisch verfeinerten Witz der Einzelheiten.
Von allen Seiten her blicken talentvolle Neulinge herein. Das Gemälde der Hinterhäuser mit den Frauen in den Fensterrahmen durch die Stockwerke hin von dem Berliner Eickmaier, die Bilder der Fürsorge-Mädchen von Horst Strempel, die Holzschnittmappen des Rheinländers Carl Meffert, die Zeichnungen von Walter Neu und die des Nürnbergers Josef Sauer, die Arbeiten von Gerd Arntz und Georg Ehrlich in Wien, von Hannah Höch, die wir schon kennen, von Lea Langer in Dresden seien herausgehoben. [...]
Von dieser Schau, die in der äußeren Anordnung ganz kunstlos, völlig dilettantisch hergerichtet ist, können wir viel lernen. Sie beweist mit prachtvollem Gelingen, was erreicht werden kann, wenn man sich unverzagt in den Strom des rings brausenden Lebens stürzt. Es ist das erste Mal, daß dies mit solcher Wucht dargetan wird.
Max Osborn."