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Tentoonstelling Hannah Hörch. "De Bron". De Residentiebode, Den Haag, 18.5.1929 [Nr. 10630].
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Rusticus [pseu]

  • TitelTentoonstelling Hannah Hörch. "De Bron". De Residentiebode, Den Haag, 18.5.1929 [Nr. 10630].Rezension der Ausstellung von Hannah Höch in der Galerie De Bron, Den Haag, 11. Mai - 7. Juni 1929. Anbei: Belegzettel des Ausschnittbüros "Vaz Dias [...]".
  • Datierung18.05.1929
  • GattungDruckerzeugnis
  • SystematikZeitungsausschnitt
  • MaterialPapier, gedruckt
  • Umfang1 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • Andere NummerBG-HHE II 29.42
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Zugehörige Objekte

"Kunst und Wissenschaft
Ausstellung Hannah Hörch
«De Bron»
Hannah Hörch genießt in Deutschland eine gewisse Reputation. Man kauft dort, so vernahmen wir, sogar ihre Arbeiten. Es scheint also Interesse zu bestehen an dieser etwas außergewöhnlichen Kunst, die den gewöhnlichen Menschen vor Rätsel stellt, ja, die selbst den in Sachen Kunst Geschulten vor Rätsel stellt. [Rätsel,] die ein Teil nicht sofort und ein anderer Teil auch nach langer Überlegung nicht zu lösen vermag.
Von einem finsteren englischen Dichter hieß es einst, daß es zwei gab, die ihn verstanden. Das waren: er selbst und Gott. Aber als er das Zeitliche gegen das Ewige getauscht hatte, verstand ihn nur noch Gott.
Hannah Hörch wird auch ihre künstlerische «Gemeinde» haben und sie bekleidet darin eine würdevolle Priesterschaft, an deren Bedeutung keinen Augenblick zu zweifeln geraten wird, sofern man fortan nicht mit der Reputation des geistig Unmündigen durch das Leben gehen will - eine Schande, die ultra-sensible Naturen offenbar unmöglich ertragen können. Doch das Glück ist ihnen hold. «Begreifen» braucht man diese Kunst letztendlich nicht. Auch sie darf ihr letztes Geheimnis behalten. Und wer sich ihr gegenüber in tiefsinniger Orakelsprache äußert (so wie sie selbst), sie gar aufklärt oder sich in eine Sphäre rätselhaft-tiefsinnigen Schweigens hüllt, erwirbt sicher und gewiss ein Diplom von höchster Autorität.
Armer criticus, der Du sprechen mußt! Was bleibt ihm anderes übrig, als diesen Bann von Geheimniskrämerei zu brechen und zu sagen, daß er es auch nicht weiß - so wenig wie der Gewöhnliche, so wenig wie die Künstlerin selbst. Zugegeben, Hannah Hörch hat zu den jüngsten Puzzeln ein neues hinzugefügt, das nur auf eine Weise zu lösen ist: durch Unverständlichkeit. Hier scheint reine Tintenfischnatur berufen zu sein, die es vermag, neben wenig Licht zusätzlich noch viel Dunkelheit zu verbreiten.
Doch ernsthaft und zur Sache: Diese Hannah Hörch hat Talent. Sie ist nicht nur eine geschmackvolle Koloristin, sondern sie hat Geist, den Geist einer sensiblen Natur, mit einer Phantasie, die manchmal von einer etwas makaberen und diabolischen Fröhlichkeit sein kann.
Das beste ist vielleicht im Gang vom kleinen Kabinett zu sehen, wo die spontansten Äußerungen ihres Talentes hängen: kleine Kritzeleien, manchmal etwas mit ein wenig Wasserfarbe überarbeitet, verspielt sensitiv, mit einem Durcheinander von suggestiven Linien, wie zum Beispiel «Nebel», manchmal diabolisch kühn, wie «Die schöne Hexe», Witzeleien, die gerade noch so durchgehen. Oder die dekorativ aufgefaßten Sachen, stilvoll und mit Geist, wie die «Puppe mit Spielzeugbaum».
Es ist wirklich schade, daß solche Törichtheit so häufig auf törichte Weise dargestellt wird oder Abnormität auf abnorme Manier. Ein Irrtum, dem viele Zeitgenossen aufsitzen. Man denke nur eben an die Teufeleien der mittelalterlichen Künstler, denen ein Zusammengehen von Mechanischem und Organischen auch nicht fremd war, aber wieviel positiver waren diese, wieviel organischer sind ihre wahnsinnigen Verbildlichungen.
Charakteristisch für das kindliche Niveau von Kunst sind die Köpfe; [hier sind sie] zusammengesetzt aus einzelnen Schnipseln farbigen Papiers, manchmal von Hand überarbeitet. Es zeugt von ihrem [Hannah Höchs] Talent, daß sie etwas von so unergründlichem und gefährlichem Charme schafft, wie in diesem Frauenkopf; daß sie den Schritt zum Mosaik nicht resolut und konsequent vollzieht, bezeugt allerdings die fehlende Ernsthaftigkeit und mangelnde Energie.
Manchmal scheint es, als ob sie zu einem kleinen Wettlauf gegen die Welt antritt, eine Welt, die auseinandergenommen wird, durcheinandergeschüttelt wird - schief, das Unterste zu oberst -, um dann neu zusammengesetzt zu werden, so wie Narren es zu tun pflegen, wenn sie ihre Grimassen zeigen. Dann wieder stehen photographische Wirklichkeit und [innerliche] Vorstellungskraft unversöhnt nebeneinander ...
Aber lassen wir es dabei bewenden. Es wird über dieses Werk noch viel gesagt werden, auch vieles, was besser ungesagt bliebe.
Mehr als ein vorübergehendes Interesse wird letztlich auch Hannah Hörch nicht wecken können, ein Los, das sie mit vielen außergewöhnlichen Naturen in dieser schnellebigen Zeit teilen muß.
Rusticus"