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Wat ter wereld ???
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Het Vaderland

  • TitelWat ter wereld ???Rezension der Ausstellung von Hannah Höch in der Galerie De Bron, Den Haag, 11. Mai - 7. Juni 1929 in Het Vaderland - Avondblad C, 's-Gravenhage.
  • Datierung28.06.1929
  • GattungDruckerzeugnis
  • SystematikZeitungsausschnitt
  • MaterialPapier, gedruckt
  • Umfang1
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • Andere NummerBG-HHE II 29.47
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Zugehörige Objekte

Übersetzung aus dem Holländischen:
"Kunst und Literatur
Was um alles in der Welt???
Von verschiedener Seite ist unsere Redaktion gefragt worden, was um alles in der Welt die Malereien, die zur Zeit in den Vitrinen der Kunsthandlung De Bron, van Speykstraat Ecke Zoutmanstraat gezeigt werden, zu bedeuten haben. Was um alles in der Welt ... eine unbescheidene Frage ... Die ganze Welt in einer einzigen kleinen Frage zusammengefaßt und einem Gemälde in Chris Lebeaus Auslage vorgeworfen. Dort stellt zur Zeit die deutsche Künstlerin Hannah Höch aus - und das muß gesagt werden - es sind schon schwieriger zu verstehende Werke bei Chris Lebeau zu sehen gewesen.
Als ich vorbeiging, um die fragliche Leinwand mit Expertenblick aufzusaugen, um all die verborgene Mystik und vage Abstraktion mit einem intellektuellen Kescher zusammenzufischen, blieb ich vor einem einfachen Blumenstilleben stehen. Nun ja ... Hannah Höch gehört nicht gerade zu den Naturalisten. Ihre Blumen blühen in den Gedanken und nicht in der Natur oder den Gewächshäusern der raffiniertesten Züchter. Und doch wird weder das geübte noch das ungeübte Auge - mit oder ohne guten Willen - daran zweifeln können, daß es sich hier um ein Blumenstilleben handelt. Wo um alles in der Welt solche Blumen wachsen? In der Vorstellungskraft der Künstlerin. Ist es Hannah Höch nicht zugestanden, Blumen in der Phantasie zu ziehen und nicht in einem Gewächshaus? Können wir nicht einfach den festgefahrenen Gedanken loslassen, daß eine Blume eine Margerite sein muß, oder wenigstens eine Rose, eine Fuchsie, eine Pfingstrose oder eine Dahlie.
Nun ja, ich vermutete, daß das Gemälde, das die Neugier des Publikums geweckt hatte, gerade mit diesem sehr verständlichen Blumenstilleben ausgetauscht worden war und lief nach drinnen. Tatsächlich! Kurz zuvor standen drei Leinwände, die ... nun ja! ... es ist besser als erwartet. Was man alles auf einem Bild sieht:
Ein Kruzifix mit einer gespaltenen Maske als Kopf, eine Flugmaschine unter einem Glassturz, eine Radioantenne und ein Bündel Wolkenkratzer in einem Weinglas ... tja, dann kann man anfangen zu puzzeln. Aber ist das wirklich notwendig? Zunächst einmal: ist es wirklich ein so schwieriges Unterfangen, hier ein mehr oder minder sarkastisches Zeitbild zu entwirren? Das Kruzifix mit der gespaltenen Maske: der verhaßte Gottesdienst. Die ängstlich bewachte Flugmaschine: die ebenso sorgfältig wie scharfsinnig behütete Maschine und das Radio ... Doch halt! Erst eine zweite Frage: ist es gut, ein Gemälde so zu zerlegen. Macht der Betrachter Bootjes-Examen? Ist es seine Aufgabe zu inventarisieren?
Es ist wahr: die menschliche Sucht, alles was konkret ist und sich in überdeutliche Worte - oder besser noch in Ziffern - fassen läßt, führt schnell dazu, nach Auslegungen zu suchen, die dazu passen wie ein Schlüssel ins richtige Schloß. Und die Kunst Hannah Höchs, die Stück für Stück sehr deutlich erkennbare Gegenstände zusammensetzt, weckt diese Neigung. Aber ist es nun gerade das, was unseren Kunstgenuß erhöht? Ist das der Weg, um Kunst zu verstehen?
Ein amerikanischer Tourist fragte diesen Sommer einen Mann von Cook, wieviel Fliegen auf der Schwanzquaste vom Stier von Potter [1] saßen.
'S ist wohl passiert und Ihr sollt's närrisch finden. Sie wissen sehr wohl, daß der Stier von Potter ein großes Kunstwerk ist, ungeachtet der Anzahl der Fliegen. Aber der Amerikaner kann nur in Zahlen denken. Und jede Fliege wird für ihn zu einer Million - einer Million Dollar.
Ich will die verehrten Interessenten der Kunst von Hannah Höch nicht des Amerikanismus schelten, aber hier geht es noch einen Schritt weiter: Sie wollen ein Traumspiel demontieren.
Ich wiederhole: Die Kunst von Hannah Höch gibt Anlaß dazu, denn diese Künstlerin malt mit «Neuer Sachlichkeit» [auf deutsch] (ein Fachterminus für diese sehr konkrete und einfache Malerei) und bietet dabei doch Zusammenstellungen, die nur einen psychologischen Zusammenhang haben. Daher geht es um Psychologie und nicht um Erklärungen. Hannah Höch bietet uns ein Bröckchen von ihrem Geist an, und da es Kunst ist: von ihrer Seele.
Nun bleibt nur noch eine Frage, die von Interesse ist:
Gefällt Ihnen diese Mentalität, dieses Seelenleben? Stößt es Sie ab, oder zieht es Sie an? Diese Frage mache jeder mit sich selbst aus. Und wenn Sie sich davon angezogen fühlen, dann reicht das aus, um die Kunst mit Zuneigung bewundern zu können. Wenn nicht, dann ist für Sie eine andere Kunst - oder gar: keine Kunst - von Belang. Daran kann auch eine Hannah Höch nichts ändern - und niemand sonst. Das läßt sich nicht mit einer in glatte Worte gefaßten Erklärung auflösen. C'est à prendre ou à laisser [man nimmt es oder man läßt es]. Deshalb ist es Kunst. L. W."

[1] Paulus Potter (um 1625-1654), holländischer Maler, der als Gegenstand seiner meist kleinformatigen Bilder vornehmlich Weiden mit Vieh wählte. Die dargestellten Tiere sind mit äußerster Genauigkeit wiedergegeben.