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Kunsthandel "De Bron" Hannah Höch. Nieuwe Rotterdamsche Courant, Rotterdam, 22.5.1929 [Nr. 140]
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Nieuwe Rotterdamse courant

  • TitelKunsthandel "De Bron" Hannah Höch. Nieuwe Rotterdamsche Courant, Rotterdam, 22.5.1929 [Nr. 140]Rezension der Ausstellung von Hannah Höch in der Galerie De Bron, Den Haag, 11. Mai - 7. Juni 1929.
  • Datierung22.05.1929
  • GattungDruckerzeugnis
  • SystematikZeitungsseite
  • MaterialPapier, gedruckt
  • Umfang1 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • Andere NummerBG-HHE II 29.45
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Zugehörige Objekte

Übersetzung aus dem Holländischen:
"Kunsthandel «De Bron»
Hannah Höch
Man schreibt uns aus 's-Gravenhage
Es ist keine Zeit für Schläfer und Modische, für leicht Benebelte oder für Hastige. Es ist eine schöne Zeit, um wacher zu sein und in seinem Treiben Ruhe zu bewahren. Gleichzeitigkeit der Extreme: die alte Schönheit, die in dieser Form niemals wiederkehrt, wohnt, wie alles vergangene Leben, mit einer schwermütigen Stille der Erinnerung in uns. Die Aussicht auf neue Schönheit, die noch keine Erinnerung, wohl aber Erwartung beinhaltet, nimmt uns mit in ferne Welten, die wir vielleicht niemals erreichen werden.
Kunst wie die, die zur Zeit die Räume von De Bron füllt, Kunst von Hannah Höch, gibt uns stark das Gefühl, mit zwei Welten verbunden zu sein, von denen die eine die Macht der stillen Erinnerung auf uns ausübt, und die andere die Spannung birgt von Reisen in eine Region, in der wir nicht wohnen, aber vielleicht einmal wohnen werden, vielleicht aber auch nie - wer kann das schon sicher wissen.
Sie ist eine Künstlerin mit einer starken Vorstellungskraft. Den Formen, die sie dadurch findet, ist vor allem Kombinationsvermögen eigen. Die Motive strömen ihr aus dem Durcheinander des modernen Lebens entgegen. In der Ästhetik ihrer Bilder zeigt sie nicht die Ruhe [wörtl.: Stillstand] einer Landschaft, von Stillebengegenständen oder einzelner Menschen, also nicht dasjenige, was sie drumherum träumt oder durch es hindurch sieht; keine Mystik der Realität, kein Dekor schöner Gefühle. Ihre Realistik des Lebens beruht auf Haltungen und Standpunkten, [sie beruht auf] Haß, Empörung, Liebe, Freude, Trauer. Durch Kombinationen von Lebensgestalten erstellt sie ein zusammengesetztes Bild.
Das Gemälde Journalisten enthält eine Reihe von Haltungen und Ansichten, Verbildlichungen, die auf einem innerlich gebildeten Urteil über das, was sie gesehen und erfahren hat, beruhen. Die Ausführung ist so genau, daß nichts zufällig geblieben ist und in dieser Gestaltenreihe nichts entbehrt werden kann. Das Werk beweist damit seine organische Notwendigkeit, seine «geschaffene» Herkunft. Es ist Kunst, die Frage der Schönheit stellt sich immer neu [wörtl.: ist nie dieselbe gewesen].
Dieselbe Darstellungskraft wird man in den Tierdarstellungen von Hannah Höch finden, oft kleine Aquarelle von großer Farbschönheit und Zeugnisse einer nicht alltäglichen Begabung. Ihr Bild der Journalisten hat viel von den Tierdarstellungen. Ist es Zufall, daß trotz der völlig unterschiedlichen Formenwelt, Assoziationen an die Übergangszeit, in der Hieronymus Bosch und seine Artgenossen lebten, entstehen?
Gebiert nicht jede Zeit großer Veränderungen in den Grenzbereichen seine monströsen menschlichen und tierischen Darstellungen, satanische Vermischungen, Bevölkerung einer Welt, in der die Bestie unaufhörlich Geist zerstört, mit mißgebildeten Geschöpfen, Gnomen, Quälteufelchen, die den freien Blick unaufhörlich verdüstern und von denen die Welt sich offenbar jedesmal wieder durch Bilder befreien will oder muß.
Kunst, die dem äußersten Ende einer vergangenen Epoche Auf Wiedersehen sagt und aus Mangel an tiefwurzelnder neuer Lebensschönheit Bruchstücke aneinandersetzt, Versatzstücke und Scherben des Lebens, das wir in der Gegenwart selbst sind.
So hat ihr Bild von Rom [Roma] mit Mussolini, alten Säulen, Frauen in Badeanzügen usw. viel von einem gemalten Druck, der mit kompositorischem Geschick aus Zeitungsschnipseln zusammengesetzt wurde. Die Künstlerin vermischt Scherben der Welt und des Lebens, alt und neu, Macht, Rührseligkeit, Traum und Erinnerung. Dieses Werk hat etwas von dem Eindringlichen und Harten von Reklamebildern, etwas von der Flüchtigkeit und Kürze von Revuebildern.
Die Darstellungen (Vorraum, Schornstein) des Menschenlebens, das Gehen der Paare, das wackelige Gleichgewicht zwischen endlich und unendlich kommt uns näher, gehört zu einer Sphäre, zu der wir mehr Verbindung haben. Auch die aus farbigem Papier hergestellten Bilder sind, was die Farbe und die verhältnismäßige Verteilung der Farbstückchen betrifft, sehr gut. Das Eigentliche - die Geistesspannung, das innere Sehen und Ordnen - wird natürlich mit jedem Mittel, das von dem schaffenden Menschen als brauchbar erkannt wird, offenbart. Es stellt sich die Frage, ob sie dieses Ergebnis auch auf andere Weise erreicht hätte. [Höchs Kunst] ist natürlich weder Witz noch Kunststück; sie bedeutet für viele Menschen jedoch, daß sie sich mehr über das Malkunst-Imperium klar werden müssen, das bis vor kurzem die Betrachtung und Bewertung [von Kunst] für sich beanspruchte.
Übrigens greift Hannah Höch hier offenbar nicht nach dem Höchsten. Wir erachten solcherlei Farbrhythmen als fragmentarisch. Sie sind beispielsweise auch Bestandteil der Arbeit eines guten Glasfenstermachers. Die Frage von Farbverhältnissen und Farbbewegung, das Gruppieren und Ordnen ohne falsche Stückchen, drängt sich auf, aber ohne daß hier besondere Aufmerksam verlangt wird. Fragmentarisch-kompositorisch gesehen jedoch, ist das Werk sicher gut zu nennen.
Den besten Eindruck hatten wir übrigens mehr von ihren kleinen als von ihren großen Arbeiten, denn diese machen die Absichten der Künstlerin im vollen Umfang und mit all ihrer Bedeutung sichtbar. Mit den kleinen Arbeiten meinen wir hauptsächlich die schönen Aquarelle in dem kleinen Raum zur Straßenseite. Treffend in der Typisierung, oft genial in der Ausführung, fein in der Farbgebung und von einer wundersamen Vorstellungsgabe - auf einer kleinen Oberfläche zusammengebracht. Markige, begabte Arbeit, die an sich schon eine Ausstellung rechtfertigen würde."