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Fotomontage van Hannah Höch. In: De 8 en Opbouw, 6. Jg., S. 267 f.
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Johannes Bernardus van Loghem (1881 - 1940)

  • TitelFotomontage van Hannah Höch. In: De 8 en Opbouw, 6. Jg., S. 267 f.Artikel zur Ausstellung von Hannah Höch mit Photomontagen in der Galerie d'Audretsch, Den Haag
  • Datierung23.11.1935
  • GattungDruckerzeugnis
  • SystematikZeitschrift
  • MaterialPapier, gedruckt
  • BeschriftungHandschriftliche Anmerkung von Hannah Höch: "Zeit? Wo erschienen? etwa 1928? 29?"
  • Umfang2 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • Andere NummerBG-HHE II 29.55
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Zugehörige Objekte
Weitere Abbildungen

Übersetzung aus dem Holländischen:

"Photomontagen von Hannah Höch
Zur Komplettierung der letzten Photo-Nummer zeigen wir hier einige Abbildungen von farbigen Photomontagen. Es ist eine Auswahl aus der Sammlung, die bis zum 15. November bei d'Audretsch in Den Haag ausgestellt wird.
Es ist nicht einfach, schon auf den ersten Blick einen vollständigen Eindruck vom Wert dieses Werkes zu bekommen. Sicher ist das Fehlen der Farben bei diesen Reproduktion ein bedeutsamer Faktor. Aber es ist nicht der Hauptfaktor, obwohl Hannah Höchs Farben, sowohl der Gemälde als auch der Aquarelle, ein seltsames Farbgefühl verraten.
Für diejenigen, die ihre Gemälde kennen, ist der Übergang zur Photomontage kein so großer Schritt, da man in diesen Arbeiten gesehen hat, daß sie ein universelles Talent besitzt. Damit meine ich nicht, daß sie alle Genres der Malkunst beherrscht. Ich will mit universell hier andeuten, daß für sie in der Welt des Lebendigen vom Höchsten bis zum Niedersten ein derartig universeller Verband besteht, daß sie in all ihren Werken diese große Verbundenheit zum Ausdruck bringt. Auch das Leblose wird von ihr stark mit einbezogen in die allumfassenden Bildgedanken, die sie als bildende Künstlerin in einer vielfarbigen Symphonie aller irdischen Erscheinungen zu symbolisieren weiß. Ihre Liebe zum Lebendigen bis in die kleinsten Formen ist so heftig, daß das höchste Wesen, der Mensch, dadurch gleichsam entmenschlicht wird. Er wird durch sie manchmal in eine Bestie, einen Erdwurm, ja selbst in eine Kartoffel verwandelt. Inwieweit dieses psychisch als Folge einer innerlichen Abkehr von allem Menschlichen zu deuten ist - ich weiß es nicht - ich glaube jedoch, daß vielmehr ihre Bewunderung für alles, was in der Natur lebt und erscheint, so groß ist, daß es ihr dabei nicht, oder nicht vorrangig auf den Menschen ankommt. Daß sie, sofern sie das Menschliche darstellt, gelegentlich geneigt ist, menschliche Schwächen und Verfehlungen zu zeigen, mag von ihrer Minderwertigkeitskonstatierung herrühren, es bezeugt, daß das Mitgefühl mit Schwachen und Unglücklichen sie zur Darstellung der etwas traurigen Bedürftigkeit des Menschen bringt.
Absolute Größe ist für Hannah Höch nebensächlich. Mensch, Biene oder Blume sind für sie ausschließlich Schöpfungserscheinungen, die nicht an Größe gebunden sind. Sie verkleinert, vergrößert oder verformt sie willkürlich, wobei sie die Einheit von allem durch ihre sublimen Farben festzulegen weiß. Es sind wundersame, fantastische Gemälde und Aquarelle, die auf diese Weise entstehen.
Einen Moment lang mag uns der Eindruck einer inneren Verwandtschaft mit Giotto anfliegen, doch nein, ihre Kunst ist doch ganz anders, heidnischer vielleicht, kosmischer.
Nun, da sie ihre Ausdrucksmittel durch die Photographie erweitert hat, weiß sie daraus sofort Möglichkeiten zu schöpfen, wie niemand vor ihr. Die Photographie, das gänzlich photographische Bild, muß im Gegensatz zu einem Gemälde für einen so universell fühlenden Menschen wie Hannah Höch zu viel Oberflächliches und zu wenig innerlich Seelenvolles enthalten.
Aber in dem Moment, da sie die Defizite der Photografie entdeckt, hat sie die Bilder auch schon zerschnitten und so zusammengefügt, daß aus dem neu entstandenen Bild sofort eine neue Welt spricht. Die einmalige Erscheinungsform, wie die Photographie sie abbildet, wird zu einem kosmischen Bild, wird zu einer Geschichte menschlicher Tragödie, in der sich plötzlich Jahrhunderte und Welten einander nähern, um zu einem allgemeinen Symbol zu werden.
Im «Melancholiker» ist das angefressene [Erscheinungs-]bild des melancholischen Menschen konkretisiert. Mit welch scheinbar kleinen Mitteln ist die einmalige Photographie in Universalität verzaubert worden. In diesem Bild gibt es noch Verwandtschaft mit der Malerei. Wir denken an Redon. Aber wenn wir den Frauenkopf betrachten, dann ist die Verwandtschaft mit der Malkunst sofort völlig vertrieben und vor uns steht das Neue: eine auf diese Weise noch nie mit direkten Mitteln wiedergegebene Frau, die in ihrem reizvollen Leben kein Gehirn braucht, die Frau, die intuitiv begreift, daß ein Auge eher ihr Ziel erreicht als zwei. Das zweite Auge gleicht einem verkümmerten Rest aus früher Vergangenheit, aber das andere, das große Auge, Hannah Höch deformiert und versetzt es, wird plötzlich das Auge von Millionen von Frauen auf der ganzen Welt. In anderen Montagen ist manchmal auch eines der Augen vom angestammten Platz verdrängt [wörtlich: entthront], ja gar total verschwunden, um die Kraft des anderen zu verstärken.
Wie sie Jahrhunderte und Welten einander sich nähern läßt, wird herrlich durch die Vermischung verkleinerter Kongobildchen symbolisiert, die durch jede Hinzufügung von z. B. Beinchen, einem Ärmchen oder einer Hand, plötzlich zu etwas Universellem, vollkommen Neuem werden. Auch hier ist es nur ein Auge, aus dem das Ganze seine Kraft bezieht.
Sollte es möglich sein, daß wir Architekten, die in dieser Zeit wiederholt alte, blinde Gebäude durch Änderungen und Umbau öffnen müssen, ganz besonders durch dieses Werk frappiert werden? Tun wir nicht das gleiche, was diese Photomontagen so lebendig macht? Ist nicht auch in den besten «verjüngten» Bauwerken der «Neu-Sachlichen» plötzlich die alte schlafende Regel durch Berührung mit neuen Hinzufügungen und Durchbrüchen zu universeller Menschlichkeit geworden? Bewahren wir ein offenes Auge für Werke wie das von Hannah Höch.
Ihr Werk ist verwandt mit einem Teil des unsrigen, es packt das Leben, wo es es zu fassen kriegt und wo die Zerrissenheit unserer Zeit attackiert werden muß, um durch die Synthetisierung der Zerrissenheit ein neuen Symbol wachsen zu lassen; ein Symbol, das richtungweisend für stillere und erhabenere zukünftige Kunst ist, wenn wir menschlicher geworden sind.
Ing. J. B. van Loghem"