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Kunstzaal d'Audretsch. Rotterdamsche Courant. Rotterdam, [November 1935]
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Nieuwe Rotterdamse courant

  • TitleKunstzaal d'Audretsch. Rotterdamsche Courant. Rotterdam, [November 1935]Rezension der Aquarell- und Photographieausstellung von Hannah Höch in der Galerie d'Audretsch, Den Haag, November bis 14. Dezember 1935
  • Date11.1935
  • CategoryDruckerzeugnis
  • ClassificationZeitungsausschnitt
  • MaterialPapier, gedruckt
  • InscriptionHandschriftliche Anmerkung von Hannah Höch: "[Het] Vaderland".
  • Amount1
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Other NumberBG-HHE II 35.16
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
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Übersetzung aus dem Holländischen:

"Kunsthaus d'Audretsch
Hannah Höch
Man schreibt uns aus 's-Gravenhage:
Photomontage. Kein besseres Diskussionsthema für «den langen Winterabend». Fangen Sie einmal an, darüber mit Leuten zu reden, die so ganz genau wissen, was «das geeignetste Ausdrucksmittel für diese Zeit (ist)», (Der Germanismus [gemeint ist "geeignet", holl. "geëigend"] wird Sie nicht verwundern, Sie wissen, daß diese Menschen mit Vorliebe Germanismen verwenden). Sie werden Ihnen sagen, daß Kunst nicht «weltfremd» und nicht «unwirklich» sein darf, daß Einfachheit und Verständlichkeit zwingende Verpflichtungen für den zeitgenössischen Bildenden Künstler sind, vor allem, daß er nicht nur Privilegierte, sondern die Massen erreichen muß, wozu eine «unzweideutige» Aussage nötig ist. Sie werden darlegen, daß zwar eine Zeichnung oder ein Gemälde größere «Verbildlichungsmöglichkeiten» besitzt als die Photographie, die sich eher der objektiven Realität nähert, doch daß die Photomontage die freie Darstellung der Malerei mit der Objektivität des photographierten Bildes vereint. Alles was auch ein Kunstwerk anderer Art nötig hat, insbesondere das einer solchen bildenden Kunst, die, um in befriedigendem Maße ihrer Absicht und Bestimmung, wie z. B. zielsicherem Formenbau, gleichgewichtiger Komposition und reinem Rhythmus von Hell und Dunkel, zu folgen, ihre Legitimation [wörtl.: Bestehensvoraussetzung] nicht aus ihrem Verhältnis zum Raum schöpft, sondern aus dem zur Fläche, ist - so werden sie weiter behaupten - für die Photomontage ebenfalls unentbehrlich, die, so sie diesen Forderungen nachkommt, dem besagten anderen Kunstwerk in nichts nachsteht.
Wenn Sie nun schüchtern zu Bedenken geben, daß selbst die vortrefflichste Photomontage, die mit Einsicht, Kenntnis und Verstand sowie einem feinen Gefühl für die Einheit der einzelnen Teile übereinstimmend oder kontrastierend zusammengestellt ist, denn doch die Spannung [wörtl.: Schwingung, Wirbel] der (kaum spürbaren) bewegten und dennoch beherrschten Handschrift verliert, in der sich das Gefühl des Zeichners (oder Xylographen oder Ätzers) verrät, und daß obendrein die Farbe in der Malerei wie der Klang einer rührenden und gerührten Stimmung oder das feuchte Glänzen eines sanften, leuchtenden Auges sein kann, dann sind sie [die anderen] imstande, dagegen anzuführen, daß die objektive Wirklichkeit, die in dieser Form auf subjektive Art - verhältnismäßig subjektiv, d.h. immer in Anerkennung der Rechte der Objektivität - wiedergegeben ist, oft suggestiver ist, als die individuelle willkürliche Interpretation, und daß, was die Farbe betrifft, das Streben gerade darin bestehen muß, diese zu eliminieren, und daß sie ihre Aufgaben auf diejenigen Ausdrucksmittel übertragen muß, die dafür besser geeignet sind, namentlich das Licht.
Nehmen wir letzteres an, wohlwollend außer acht lassend, daß das Licht, eine der herausragendsten Funktionen des Kosmos, kein Ausdrucksmittel und die Farbe ebenfalls nur das Medium ist, um dessen Wesen oder den «Inhalt» zu offenbaren, wie stark würde uns verwundern, daß Hannah Höch, der es doch sicher nicht an Vermögen und treffendem Ausdruck mangelt, trotzdem die Farbe offensichtlich nicht entbehren kann. Nicht nur hat sie - wenn wir es richtig sehen - «gewöhnliche» Farbphotos für ihre grotesken Klebebilder zerschnitten, um dadurch, wo sie es für nötig hielt, die attraktive und zugleich eindringliche Wirkung ihrer wahrlich phantastischen Kompositionen zu verstärken, sondern obendrein hat der Pinsel ihr gute Dienste erwiesen. Gute Dienste, in der Tat: Überall wo er angewendet wurde, wenn er im jeweils besonderen Fall mit soviel empfindsamer Überlegung gebraucht wurde, wie z. B. [dort, wo die Künstlerin] einen zarten rosavioletten Schatten gezogen hat, um eine kleine Negerplastik und ihren dreifarbigen Sockel zu höhen. [Er ist] so sicher getroffen, exakt im gewünschten Ton, daß es ganz so scheint, als ob dieser, eher noch als das Bild selbst, dem Bild seinen Ausdruck verleiht.
Daß es die Farbe ist, die das Werk von Hannah Höch so suggestiv macht, beweisen freilich nicht allein ihre Photomontagen, sondern auch und vor allem ihre Aquarelle. Was die Klebebilder betrifft, könnte man vielleicht noch einen Augenblick meinen, daß die wundersame Kombination von Bruchstücken einer Negerplastik und Körperteilen von weißen bis sonderbar hybriden Wesen die Aufmerksamkeit stärkstens fesseln sollte. Sollte es so gewesen sein, dann muß z. B. der große, unfarbige Kopf, bestehend aus einem «Neger»-Schädel, halbwegs über ein weißes Gesicht gelegt und auf ein Fußstück gestellt, das wiederum zu einer Neger-Holzskulptur gehört, suggestiver sein, als «Der Sieger», die dreifarbige Darstellung eines Athleten. Eigentlich jedoch ist das Umgekehrte der Fall. Der erstgenannte Kopf scheint eine der Montagen, die am wenigsten das Interesse wecken; viel bemerkenswerter ist zumindest eine in übereinstimmender Weise zweideutige Darstellung eines Tänzers, ebenfalls aus der Reihe «Aus einem ethnographischen Museum». Wenn man sich klar macht, wodurch diese Darstellung nicht nur direkter anspricht, sondern auch tiefer ins Bewußtsein eindringt als, um noch eines zu nennen, der doch so gestische «Antike Läuferfries» so muß die Antwort erneut lauten: durch die Farbe.
Auch wenn dies nur Äußerungen von Vermutungen sein mögen, so können die Aquarelle das Gesagte bestätigen. Seit der ersten Ausstellung, die Hannah Höch in unserem Land hatte - vor rund sechs Jahren -, wissen wir, daß sie in ihren Aquarellen einiges mehr erreicht als in ihren Gemälden. (Allerdings haben wir in letzter Zeit kein Gemälde mehr von ihr gesehen.) Die letzteren stellten noch etwas Intellektuelles dar und schienen eher Erfindungen als Schöpfungen der Vorstellung zu sein; die Aquarelle konnte man damals und kann man auch jetzt im Kunsthaus d'Audretsch - wo keine Gemälde, einzig Aquarelle und auch unkolorierte Zeichnungen sowie Photomontagen und Klebebilder zu sehen sind, gern betrachten als mehr oder weniger spontane Äußerungen einer vielleicht nicht sehr umfassenden und ebensowenig kühnen, doch immer erfindungsreichen, spielerischen Phantasie. Auch wegen ihrer Arglosigkeit, die soviel angenehmer ist als die manchmal aufdringliche Quasi-Gewichtigkeit der oft tendenziösen Gemälde, sind sie es, bei denen der latente Widerstand des Betrachters gegen etwas, das ihm eine Einsicht, eine Auffassung oder ein Urteil zu suggerieren versucht, sich fügt und sich ergibt.
Es scheint typisch, sowohl für die Bedeutung als auch für die beträchtliche Beschränktheit des eigenartigen Talents von Hannah Höch, daß sie am meisten dort überzeugt, wo sie es am wenigsten darauf angelegt hat und wo es einfach ist. Das kann man mühelos feststellen, wenn man beispielsweise ein irgendwie Redon-artiges, grau in grau gehaltenes, phantastisches Blumenbild oder «Ewiger Kampf», das an Hieronymus Bosch denken läßt, mit «Die klugen Jungfrauen» vergleicht oder mit einem geistvollen Bildchen wie dem, wo man eine paar karikaturistische Frauen sieht, und das «Nachbarsgespräch» [adäquater: "Klönschnack übern Gartenzaun"] heißen könnte