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"R.M.II." [zum roten Mond]. Berlin
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Hoboken-Presse

  • Titel"R.M.II." [zum roten Mond]. Berlin
  • Datierung18.11.[1924]
  • GattungKleinschrifttum
  • SystematikProspekt
  • MaterialPapier, gedruckt, gefaltet
  • Umfang1 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC D 2852/79
  • Andere NummerBG-HHE II 24.33
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

Gestaltung des Prospektes durch und mit Abbildung einer Zeichnung von Fritz Felix Albrecht.

"Illustriertes vierseitiges
Handbuch
und Nachschlage-Album
der
Großen Luft-Auswanderungsfahrt
des
automatischen Riesenluft-Schiffs

«R.M.II.» zum [roten Mond]

Tag der Luftfahrt:
Dienstag, den 18. November 1924
Der Aufstieg erfolgt pünktlich abends 9 Uhr vom Flugverbandhaus, Berlin, Blumeshof 17 (Nähe Bendlerbrücke). Änderung des Fahrplans erfolgt nicht. Keine Auskunft. Rückkehr ausgeschlossen.

Auskunft erteilt:

Luft-Rheederei-Büro «roter mond»-Aero-LLoyd
Berlin W 62, Wittenbergplatz 3, hpt., am Ka - De - We
Fernsprecher: Steinplatz 9157. Geschäftsstunden 11-1, 4-7

Das automatische Riesenluft-Schiff R. M. II.
umfaßt einen mit feinstem, superfeinen Zigarrenlack fournierten Gasometer von 252 003 ckgm Netto-Inhalt, 2 Kombüsen, 63 Wandelgänge, 3 Purpurpeller und 1 präparierten, funkensicheren Abgas-Auspuff. Auf Land fährt es auf 2seitig gummierten Zelluloid-Röllchen. In der Luft, deren Eroberung automatisch vor sich geht, bewegt es sich vor-, rück-, auf-, abwärts sowie hin und her, und zwar wird es regiert von der Hand Mamas (Johannes Mama, Erfinder der bekannten «Mama-Säuglings-Pfeifen»).

Als Reiseziel
dient der «rote mond» im Sternbild des Großkreuzes des Südens. Sternkundige finden diesen Himmelskörper, der nach Kopernikus' Lehre frei beweglich und gravitätisch im Weltenraum schwebt, auf der Prof. Dr. Müller'schen Sternkarte durch Drehung des Segments III, sodaß die Buchstaben R und X übereinanderstehen. Zieht man jetzt durch die Sterne Lakizeupe (Sternbild des Hummers) und [beta] 2 eine gebogene Linie, an deren Endpunkt im südlichen Wendekreis man einen Winkel [delta]=72° Celsius anträgt, so berührt dessen freier Oberschenkel als Tangente den Kulminationsscheitelkreis des «roten monds», der durch die Öffnung O mit bloßem Auge sichtbar ist. Dieser unscheinbare, im rötlichen Lichte schimmernde Nebelfleck, der mit dem rechts daneben stehenden bläulich glänzenden Stern Minimax nicht verwechselt werden darf, befindet sich in einer Entfernung von 0,003 Tausendstel Lichtjahren von der Erde und amortisiert sich bei 12°|°iger Verzinsung bereits in zweieinhalb Tagen, was die verhältnismäßig große Dunstigkeit seiner Atmosphäre erklärlich scheinen läßt.

Eintragung in die Auswanderungsliste

hat persönlich im Büro (s. S. I) nur in der Zeit vom 1.-12. November zu erfolgen. - Für ein beschränktes Auswanderungskontingent werden darauf vom 13.-18. November Mitgliedskarten und Billetts dortselbst ausgegeben.

Ausweise.
Als Ausweise sind amtliche Papiere zur Anmeldung mitzubringen. Als solche gelten u.a.: 1. Impfscheine, sofern sie von einem königl. Tierarzt unterzeichnet sind. 2. Abonnements-Quittungen der «B. Z. am Mittag» bzw. dem «Lokal-Anzeiger». Nachweis der letzten Telefonsperrung dient keinesfalls als Empfehlung oder Referenz. - Von der Fahrt sind prinzipiell ausgeschlossen solche Personen, die nicht die III. Gemeindeschulklasse mit Erfolg absolviert haben.

Unterbringung und Verpflegung:
Es ist während der Luftfahrt möglich, sich an bereitgestellten Tischen zu vier, sechs, fünf bis achtzehn und drei Personen zu isolieren. Die Verpflegung regelt sich im übrigen gemäß Tarif oder Weinkarte. Bei Schwindelanfällen oder dem in seinen Wirkungen sehr gefürchteten Luft-Übel (s. Übels Kochbuch für gebildete Familien, Berlin, 1903 ff.)

Radio
vermittelt bis in die fernsten Himmels-Zeltgegenden hin sämtliche Börsen-, Fieber-, Familien- und sonstigen politischen Nachrichten. Auch «R.M.II.», unser feinst bewährtes Luftfahrzeug, besitzt eine Einrichtung, Antenne genannt, von der alles sofort abgelesen werden kann. Bei Unklarheiten über Zahlen empfiehlt es sich, Kellner oder sonstige Bedienungsmannschaften zu rufen.

Tanz.
Das Tanzen ist bei ruhiger Witterung und normaler Lage des Luftschiffes in allen seinen Räumen, mit Ausnahme der Benzintanks und der Hängematten der Mannschaft, gern gestattet. Es ist Vorsorge getroffen, daß im Falle plötzlich einsetzender Sturmszenen und Regenschirm-Böen im Keller des Luftschiffes Zuflucht gesucht werden kann.

Verboten während der Fahrt
sind 1. Abspringen auf den in Fahrt befindlichen Perron,
2. Kaffee-Zubereitung mittels Spirituskocher (Feuers-Brunst-Gefahr!)
3. Mitnahme von Hunden oder Benzinvorrat, da das Luftschiff genügende Mengen von Brennholz und anderen Heizmatrikeln mit sich führt und mit Benzin doch keine Geschäfte unterwegs zu machen sind.

Dieser Prospekt wurde von dem bekannten Aerologen Fritz Felix Albrecht entworfen und bei der Hoboken-Presse, Charlottenburg, gedruckt. Die Einrichtung des «R. M. II» sowie die Ausschmückung der Himmels- und Beleuchtungskörper schuf im Einverständnis mit dem lieben Gott unter Assistenz von Jürgen Freese und Schülern d. Staatl. Kunstgew.-Schule Otto Josias Nordhaus" [hs. Unterstreichung von Hannah Höch]