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Brief von Johannes Baader an Salomo Friedlaender. [Berlin]
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Johannes Baader (1875 - 1955)

  • TitelBrief von Johannes Baader an Salomo Friedlaender. [Berlin]
  • Datierung23.02.1915
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben, Durchschlag
  • Umfang1 Blatt
  • KonvolutTeilnachlass Raoul Hausmann
  • InventarnummerBG-RHA 595
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, und Spendenmitteln, 1991
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung

"Brief an Dr. S. FRIEDLAENDER. Abschrift.2 23.11.1915
Edler, vortrefflicher Geist! dem ich alles danke, was ich bin und was ich leiste. Deine waltende Vorsorge hat mich geschirmt und getragen, nicht bloss durch die hülflose Kindheit und unbedachte Jugend, sondern auch ins Mannesalter und bis auf den heutigen Tag. Denn, indem Du einen Sohn, wie ich bin, in die Welt setztest, sorgtest Du zugleich dafür, dass er auch als ein solcher in einer Welt, wie diese ist, bestehen und sich entwickeln konnte. Du warst auf den Fall bedacht, dass er nicht eben geeignet sein möchte, durch ein mechanisches Gewerbe seine Kräfte zur Sicherung seiner Subsistenz zu verwenden, und scheinst vorhergesehen zu haben, dass Dein Sohn nicht wünschen konnte, wetteifernd mit den Beschränkten und Mittelmässigen vor Mäcenen und Ministern zu kriechen, um ein sauer abzuverdienendes Stück Brot erst niederträchtig zu erbetteln. Dass ich die Kräfte, die mir Natur gab, ausbilden und zu Dem verwenden konnte, wozu sie bestimmt waren, dass ich dem angeborenen Trieb folgen und für Unzählige denken und arbeiten konnte, während Keiner für mich etwas tat: Das danke ich Dir: - Dass ich der Wahrheit leben konnte, ohne ihr Märtyrer zu werden, das danke ich Dir: dass ich dem angeborenen Triebe zu lernen, zu denken, zu forschen, folgen durfte, ohne dabei darben, betteln oder kriechen zu müssen, oder gar in Versuchung zu geraten, etwas von mir zum Werkzeug fremder Absichten zu erniedrigen und nach diesen meine Lehre zu modeln, oder gar u.s.w. u.s.w. Dieses Alles und so Vieles und so Grosses, danke ich Dir, Dir ganz allein und Deiner Klugheit, Deiner Sparsamkeit und Sorgfalt für die Zukunft. Denn ohne Dich, wenn Du nicht der Mann gewesen wärest, der Du warst, wäre ich hundert Mal zu Grunde gegangen.
Ich habe, wie Sie sehen, lieber Herr Doktor, hier eine Komposition aus SCHOPENHAUER-SCHEN Worten hergestellt3, die ich gestern Abend, am 22. II. 1915 las, weil ich gerne noch die Frage zur Diskussion gestellt hätte, ob nicht jene Unannehmlichkeiten, von denen Sie am 16. Februar sprachen, ihren Grund lediglich darin finden, dass mein Vater nicht diese Vorsicht besass wie HEINRICH FLORIS SCHOPENHAUER, d.h.: mir einen gefüllten Geldsack hinzusetzen[4]; denn darauf kommt der Dank des Herrn Schopenhauer auf seinen Papa doch wohl letzten Endes heraus. Woraus sich wiederholt ergibt, dass alle diese Dinge im Sinn der grossen Indifferenz an sich belanglos sind und nur das bedeuten zu dem sie schöpferisch von der Indifferenz gemacht werden.[5]
Dann hörte ich gestern Abend in Steglitz, ohne dass mir allerdings Hausmann dies persönlich hätte sagen können, denn er war abwesend[6], dass Sie ihm brieflich den Wunsch ausgesprochen hätten, mich zu bitten, die Propaganda für Dinge Ihres eigenpersönlichen Gebiets Ihnen selbst zu überlassen. Ich verstehe wohl diesen Wunsch, aber ich weiss nicht, ob er sich erfüllen lässt; ganz abgesehen von den zufälligen Personen, zwischen denen er auftaucht. Ich habe die Vorstellung, dass alles was ich geäussert habe, eben durch diese Aeusserung meiner Gewalt entrückt ist und ich höchstens noch verlangen kann, dass der Andere, der es in seine Gewalt nimmt, auch die Verantwortung für die Operationen übernimmt, denen er das in seiner Gewalt Befindliche dann später zu unterwerfen für gut findet. Es scheint mir z.B. ganz unmöglich Ihnen oder irgend einem Anderen zu verbieten mit meinen VIERZEHN BRIEFEN[7] anzustellen was irgendwie Ihnen gut dünkt; darüber zu sagen, zu schreiben, zu denken was Sie für gut halten. Erst wenn Sie dann etwas getan haben, das wieder in meine Macht fällt, menschlich gesprochen, kann ich mir wieder überlegen, ob etwas zu tun oder zu lassen sei. Unter meiner Verantwortung. Wie Sie das Vorhergehende unter der Ihrigen taten. - Und der freieste und grösste Geist scheint mir dabei, menschlich genommen, der zu sein, der am wenigsten störend das empfindet, was die sogenannten Anderen mit seinem sogenannten Eigenen anstellen.
Ich würde mich ausserordentlich freuen, wenn es möglich wäre, dass wir uns etwa alle 14 Tage regelmässig sehen und unsere Lichter mit oder ohne Wort, allein oder im Kreis mit Freunden gegeneinander spielen lassen könnten, auf dass jeder Farbe bekenne in der Differenz aus der Indifferenz. Herzlichst
ARCHITEKT JOHANNES BAADER"

[1] Der Philosoph und Schriftsteller Salomo Friedlaender/Mynona (1871 Gollantsch/Posen - 1946 Paris) hatte 1902 über Schopenhauers Kant-Rezeption promoviert und schloß 1915 sein philosophisches Hauptwerk Schöpferische Indifferenz ab, das, durch den Krieg bedingt, erst 1918 (München: Georg Müller) erschien. Darin wird - als weiterführende Konsequenz des erkenntnistheoretischen Denkens von Kant, Schopenhauer und Nietzsche - das Innere des Menschen zum Ort eines schöpferischen Nichts erklärt, an dem, im Zustand der Erleuchtung, alle menschliche Zerrissenheit und jedwede Differenz sich selbst vernichten und durch einen Zustand göttlicher Gleichgültigkeit ersetzt werden. Diesem radikal subjektivistischen Weltentwurf, der das metaphysische Absolute in den menschlichen Geist verlegt, liegt der Glaube an eine polare Identität alles Seienden zugrunde; er basiert auf der Annahme eines ätherischen einheitlichen Urfluidums, das Kosmos, Mensch und Natur durchdringt und vereint. Friedlaender veröffentlichte seine philosophischen Thesen in zahlreichen Essays im Sturm, in der Aktion und anderen Zeitschriften. - In Friedlaenders Grotesken, die unter dem Pseudonym Mynona (Anagramm von »Anonym«) erschienen, gingen Philosophie und Dichtung eine höchst produktive Verbindung ein, um die Welt als scheußlichen Zerrspiegel des imaginierten Paradieses zu verspotten. 1913 publizierte er Rosa die schöne Schutzmannsfrau (Leipzig: Verlag der Weißen Bücher), 1914 Für Hunde und andere Menschen (Berlin: Verlag Der Sturm, Sturm-Bücher, Bd. 3). Friedlaenders Polaritätsgedanke und seine Vision einer Synthese alles Disparaten in der schöpferischen Bewegung durch einen Nullpunkt wurden zu einem zentralen Baustein von Hausmanns »Dadasophie«. Friedlaender und Baader kannten einander seit 1914 und diskutierten, im Verbund mit Hausmann, ganze Nächte hindurch (vgl Ausst.-Kat. Hoch 1989, S. 212). - Lit: Salomo Friedlaender/Mynona 1871-1946, Ausst.-Kat. Akademie der Künste, Berlin (West) 1972; Mynona. Prosa, hg. von Hartmut Geerken,2 Bde., München: edition text + kritik 1980 (= Frühe Texte der Moderne, hg. von Jörg Drews, Hartmut Geerken und Klaus Ramm); Peter Cardorff, Friedlaender (Mynona) zur Einführung, Hamburg: Junius 1988; Manfred Kuxdorf, Der Schriftsteller Salomo Friedlaender/Mynona. Kommentator einer Epoche. Eine Monographie, Frankfurt a.M./Bern/New York/Paris: Peter Lang 1990; Lisbeth Exner, Fasching als Logik. Über Salomo Friedlaender/Mynona, München: belleville 1996.
[2] Die Abschrift wurde von Baader vermutlich eigens für Hausmann angefertigt. Weitere Korrespondenz zwischen Baader, Hausmann und Friedlaender 1915 in: HHE 1, 7.1/7.2, S. 158; 7.6, S. 165-168.
[3] Baader trat dem Schopenhauer-Spezialisten Friedlaender ironisch auf dessen ureigenem Fachgebiet entgegen mit einem (teils wörtlichen, teils aus dem Französischen übersetzten und teils veränderten bzw. gekürzten) Zitat der Widmung an den Vater, die Schopenhauer der zweiten, erweiterten Auflage (Leipzig: FA. Brockhaus 1844) seines philosophischen Hauptwerks Die Welt als Wille und Vorstellung vorangestellt hatte.
[4] Schopenhauers Vater war Großkaufmann, Baaders Vater Klempnermeister. Seit 1913 lebte Baader mit seiner Frau Anna und drei (später vier) Kindern von der Sozialfürsorge.
[5] Baader sah sich vermutlich selbst als ideale Verkörperung einer »schöpferischen Indifferenz«, die Friedlaenders philosophischen Welt¬entwurf noch weit übertraf. Dessen erleuchtetes »Auf-einmal-Erlebnis des Ganzen« sollte dadurch entstehen, daß der Mensch »das Nichts allen Unterschieds in sich hergestellt hat, von allen Wunden der Differenz ausgeheilt ist, ihre Weltkraft im ausdehnungslosen Punkte gesammelt hat.« (Salomo Friedlaender, Das Individuum und die soziale Frage, in: Die Aktion, Berlin, 3. Jg., 20.12.1913, Nr. 51, Sp. 1182-1186, hier: Sp. 1184) Baader erweiterte die mystische Innenschau zur kosmischen Vision: Als das Auge und Sprachrohr Gottes sah er »die Myriaden der Sonnen¬meere der Milchstraße vor meinen Gedanken in der Welt Raum versinken, bis sie zu Nichts warden« und erlebte die Schöpfung von Himmel und Erde »aus dem Nichts, aus dem Punkt.« (Baader 1914, S. 5; vgl. 12/1, Anm. 4)
[6] Er hörte es in Hausmanns Wohnung, vermutlich von dessen Frau Elfriede.
[7] Vgl. 12/1, Anm. 4. Den Vierzehn Briefen Christi war das Motto für die 1915 geplante, aber nie realisierte Zeitschrift Erde 7975 entnommen, die Baader, Friedlaender und Hausmann gemeinsam herausgeben wollten: »Der Mythos der Alten Erde spielt in dieser lebendigen Gegenwart hinüber in das von ihm vorausgesehene, verheißene und vorbereitete Gedicht der Neuen Erde.« (Baader 1914, S. 35; vgl. auch: HHE 1, 7.8, S.176; 7.14, S. 183)