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Brief von Johannes Baader an Jan Tschichold. [Hamburg]
    • Johannes Baader (1875 - 1955)

  • TitelBrief von Johannes Baader an Jan Tschichold. [Hamburg]
  • Datierung14.06.1930
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben, Durchschlag, mit handschriftlichen. Korrekturen, Blei- und Rotstift
  • Umfang9 Blatt
  • KonvolutTeilnachlass Raoul Hausmann
  • InventarnummerBG-RHA 596
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, und Spendenmitteln, 1991
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung

»DER OBERDADA 14.6.1930

Herrn Jan Tschichold
München, Voitstr. 8

Sehr geehrter Herr! Mein Freund RAOUL HAUSMANN berichtet mir von Ihren Veröffentlichungen, und teilt mir mit, dass er Ihnen geschrieben hätte, nicht von George Grosz, sondern von mir stamme das erste „ K I e b e b i I d ". Hausmann legt mir nahe, Ihnen für Ihre weiteren Veröffentlichungen einige meiner „montierten" Arbeiten zu übersenden. Ich kann dieser Anregung nur in sehr beschränktem Umfang nachkommen, da diese Montagen, die allerdings die ersten waren, sehr bewegte Schicksale hatten, zum Teil überhaupt nicht mehr existieren, zum andern Teil wenigstens nicht mehr in meiner Hand sind.
Die ersten „montierten" Stücke waren meiner Erinnerung nach „Briefe". Die Empfängerin war Frau Elfriede Hausmann, Berlin-Steglitz, Markelstr. 54a. Es ist nicht unmöglich, dass sie noch vorhanden sind.
Aus der Bezeichnung „Briefe" geht zugleich ein ganz bestimmtes Charakteristikum meiner Montage-Arbeit hervor, das sie von anderen Arbeiten ähnlicher und späterer Entstehung wesentlich unterscheidet, ein Moment übrigens, das in seiner besonderen Art gerade heute in der „Montage-Technik" die ausschlaggebende Rolle spielt. Während Grosz, Hausmann, und die anderen „URMONTEURE" zunächst nur Wert auf den chaotischen Rhytmus der reinen Form- und Farbelemente legten, habe ich ausserdem stets einen bestimmten Inhalt mit meinen Montagen verbunden. Es waren „Mitteilungen", die mit dem Werkzeug der ausserordentlich vielen und mannigfaltigen, durch die Montagetechnik gebotenen Assoziationsmöglichkeiten und Assoziationsreize, fähig waren, in kürzester, augenfälliger Form überaus reiche Inhalte zu vermitteln. Auch die nach Stimmung und Zeit verschieden gestaltete Individualsituation des Aufnehmenden, des Empfängers, des Lesers, des Beschauers, wurde dabei von vornherein mit in Rechnung gestellt, und erweiterte so noch mehr den Reichtum des Uebermittelten.
Sie wollen nun gefälligst nicht etwa glauben, dass ich diese Technik inzwischen aufgegeben hätte. Ich weiss mich ihrer immer noch Meister und es ist erst in allerneuester Zeit wieder eine Montage entstanden, die bei aller Knappheit und Einfachheit ihrer einzelnen Bestandteile, und obwohl sie als umfangreiche Heftung in einer einzigen Nacht, in der Nacht vom 2. zum 3. Juni dieses Jahres geschaffen wurde, vor keiner Jury bange zu sein braucht.
Es handelt sich um eine Gabe zum 50. Geburtstag von Albert Soergel (15. Juni), der in seiner Literaturgeschichte „DICHTUNG UND DICHTER DER ZEIT (IM BANNE DES EXPRESSIONISMUS)" d a d a zwölf Seiten gewidmet, meinen, im Jahr 1913 von Ludwig Meidner federgezeichneten, damals noch bärtigen Kopf gebracht hat, meiner Anteilnahme an d a d a mehrfach gedenkt, aber ausser einer Montage von Raoul Hausmann, die einige meiner Zeilen verwendete, nichts von mir abdruckt." Ich benützte mit der Technik der Montage die Gelegenheit zur Ergänzung der Historie, als Soergels Leipziger Verleger, Otto Voigtländer, an die von Soergel behandelten Dichter mit der Bitte herantrat, ihm für eine Geschenkwidmung an Soergel persönliche Aeusse-rungen zur Verfügung zu stellen.
Begründet wurde die mir übersandte Heftung mit der Motivierung: Der Oberdada könne nicht als der vage Begriff glückwünschen, als der er noch in der Satire auf die Tragödie des Expressionismus herumspuke.
Die Geburtstagsmontage für Albert Soergel gibt nun Auskunft über den gesamten Umfang und alle Hintergründe der Bewegung dada, soweit meine Mitwirkung dabei in Frage steht, (und man weiss, dass erst meine, in den Jahren 1918 bis 1921 geführten Grossschläge DADA zum unvergesslichen, wenn auch keineswegs schon verstandenen Bewusstseinsgut der Kulturwelt gemacht haben.)
Von Otto Voigtländer höre ich heute, dass er morgen in Chemnitz, wo Soergel Literaturprofessor an der dortigen Gewerbe-Akademie ist, dem Geburtstagskind mein montiertes Konvolut, in ein besonderes Stück Ziegenleder eingebunden, als Sonderanlage zu den Dichteräusserungen überreichen wird.


Raoul Hausmann schrieb Ihnen, dass die erste Typomontage von mir stamme. Ich darf die Mitteilung Hausmanns dahin ergänzen, dass ich auch der Autor des ersten montierten Buches bin.
Es wurde hergestellt in der Zeit von Anfang Mai bis Ende Juni 1919, trug den Titel „HADO I." (HADO = Handbuch des Oberdada) und wurde am 28. Juni 1919, in der Stunde der Unterzeichnung des Diktats von Versailles, in Berlin veröffentlicht als „Buch des Weltgerichts". Ihm war am 7. Mai 1919, am Tage der Ueberreichung des Diktats von Versailles, ein Pronunziamento als montiertes Blatt vorausgegangen, das heute noch im Besitz von Viktor Hahn, dem Herausgeber des Berliner „Achtuhr-Abendblatts"3 sein dürfte.
Die Publikation des „HADO I." geschah in Form einer öffentlichen Mitteilung, dass das Buch am 28. Juni 1919, nachmittags 3 Uhr in die Hände von Dr. S. Friedländer (Mynona), Berlin-Halensee, Johann Georgstr. 20 gelegt worden sei.
Schon vorher hatte eine Teilpublikation stattgefunden, in der grossen dadaistischen „Trauersoiree", Ende Mai 1919, im Berliner Meistersaal, wo ich bei meinem Auftreten das nahezu, aber noch nicht ganz fertige Buch vor mir auf dem Tisch liegen hatte und daraus vorlas.
Wie der Katalog der „Dada-Ausstellung", Berlin, Sommer 1920, meldet, wurde das „HADO I." im Juli 1919 mit dem, der „Anlage 2" in Facsimile-Druck vorgehefteten Flugblatt, der NATIONALVERSAMMLUNG in Weimar zum Geschenk angeboten. Da sie das Geschenk nicht würdigte, nahm ich mein Buch wieder mit und behielt es bei mir bis ein junger Berliner Lehramtskandidat es zum Studium sich ausborgte, das Geborgte nach seinem Seminarort im Posenschen mitnahm, und es daselbst zurückliess, als die Polen das Posener Land besetzten. Was mit ihm weiter geschah, weiss ich nicht. Immerhin hat der erwähnte Berliner Lehramtskandidat nicht das gesamte Buch nach Posen mitgenommen. Vorher hatte ich die montierte Titelseite und eine Anzahl der besten übrigen montierten Seiten abgelöst. Sie waren mit anderen Montage-Arbeiten Ausstellungsobjekte bei der Berliner „Dada-Ausstellung" 1920, und sind in deren Katalog aufgeführt. Der Katalog dürfte durch Vermittlung des Berliner „Malik-Verlags" noch heute erhältlich sein. Er zählt zu den glänzendsten dada-typographischen Arbeiten, hergestellt durch George Grosz, Raoul Hausmann und John Heartfield. Die abgelösten Hauptseiten des „HADO I" wurden mit anderen Plakatmontagen als Wanddekoration bei einem am 8.9.1920 von mir in Chemnitz veranstalteten Dada-Abend verwendet und sind dort bei einem wilden Aufstand des Saalpublikums inmitten des Abends restlos vernichtet worden. Soweit die Blätter nicht zerrissen wurden, sind sie geklaut worden, und zieren jetzt die Wände oder die Geheimakten irgendeines damaligen Mitglieds der Chemnitzer Gewerbe-Akademie, deren Studierende die Hauptaktivisten jenes Aufstands waren.
Das Seitenmaterial des Buches bestand aus sehr vielen Titelblättern, hauptsächlich Berliner Zeitungen aus der letzten Kriegs- und der ersten Nachkriegszeit. Die Blätter waren ineinandergelegt, so dass sie Form und Dicke eines grossen Buchs bekamen, dessen Kopfseite, und dessen Hauptseiten, auf der Grundlage des Zeitungstextes, mit den allerverschiedensten chromotypographischen Montagen belegt waren.


Der Katalog der Dada-Ausstellung („DADA-MESSE"), Berlin 1920, zählt ein zweites „HADO" auf, das auf Lehrer Hagendorfs Lesepult in der Ausstellung ausgestellt war.14 Die Grundlage der Montagearbeit bildete hier eines jener von den Verlegern als „Probebuch" hergestellten Bücher, die im Aeusseren völlig dem fertigen, gebundenen Buch gleichen, im Innern aber nur weisse, leere Seiten enthalten. Meiner Erinnerung nach war es ein Buch von Mittelgrösse mit schwarzem, lederähnlich glänzendem Einband, und teilweisem Goldschnitt. Das als „HADO II." geltende Buch befindet sich im Besitz der Gattin des Dichters Robert S e i t z , in Berlin-Wilmersdorf.
Im gleichen Besitz befindet sich das mit einer Anzahl Montagen durchschossene Original-Manuskript einer auf „Aktenwiedergabe" und chronologischer Ordnung aufgebauten Auto-Biographie aus dem Sommer 1925.
Zwei weitere „HADO" waren bis 1924 im Besitz des Malers und Architekten Willy Z i e r a t h , damals in Berlin-Wilmersdorf, heute unbekannten Aufenthalts (wenigstens mir unbekannten Aufenthalts). Diese beiden „HADO" lassen sich etwa durch das Wort „Album-Form" grob bezeichnen.
Das letzte in Berlin entstandene montierte Buch, „HADO 1924", ein Buch mit Gross-Quart braungrauen Büttenkartonseiten als Montage-Grundlage, ist auf dadaistische Art im November 1924 in den Räumen des Berliner Hotel Esplanade verschwunden, und vielleicht durch Vermittlung der genannten Hoteldirektion in seinem heutigen Aufenthalt eruierbar.
In gleicher Grundform entstand in Hamburg im Jahre 1925 das „HADO 1925". Den Grundstock der Montagen bildeten Buchstaben, Silben und Textteile der roten, grünen, und andersfarbigen Plakate für die „letzte Dada-Matinee", abgehalten am Sonntag, den 18.1.25, in den Hamburger Kammerspielen bei ERICH ZIEGEL am Besenbinderhof. Ausserdem enthielt das „H.1925" viele Original-Dada-Akten und Dada-Relikten aus der Zeit von 1918 bis 1924. Das Buch ist mit vielen anderen Originalblättern und Originalheftungen irrtümlich in einem nicht durchgesehenen Paket durch dritte Personen einem Althändler in Hamburg zum Einstampfen übergeben worden. Was der mir unbekannte Althändler mit dem Inhalt des uneröffnet übergebenen Pakets anstellte, ist nicht bekannt.
Unbekannt ist der Verbleib jener vier grossen, von mir geklebten Schaufensterplakate für die von mir arrangierte erste der grossen „Dada-Soireen", die am 19. Januar 1920 im Saale der „Kaufmannschaft" in Dresden stattfand. (Es folgten im Februar 1920 (18. und 26. Februar), die zwei anderen deutschen Monstre-Dada-Soireen in Hamburg (Curio-haus) und Leipzig (Zentraltheater)). - (Hier muss zugleich erwähnt werden, dass zu der Veranstaltung Dresden die Konzert-Direktion Schönfelder selbständig ein Plakat mit dem vorgeschriebenen Ankündigungswort: „DER OBERDADA SPRICHT ÜBER DADA" hatte drucken lassen, das zu den hervorragendsten dada-typographischen Plakaten gehört, die jemals hergestellt wurden, zugleich aber das erste seiner Art war. Setzer und Drucker des Plakats sind mir nicht bekannt, dürften aber in Dresden noch ausfindig zu machen sein; die Konzertdirektion Schönfelder existiert nicht mehr, dagegen dürfte Herr Schönfelder persönlich noch heute in Dresden wohnhaft sein. Ein Exemplar jenes Plakats besitzt niemand von uns mehr.)
Die zwei „ handgeklebten" Plakate für die Matinee vom 18.1.25 in den Hamburger Kammerspielen, dürften, wenn nicht früher, so spätestens beim Umzug der Kammerspiele vom Besenbinderhof nach dem Kleinen Lustspielhaus in der Grossen Bleichen das Zeitliche gesegnet haben. (Die Plakate für Hamburg 1920 und Leipzig 1920 sind weder von uns selbst hergestellt worden, noch waren sie typographisch von Wert; hier füllte allein der Name „dada" und der von Dresden ausgegangene „Ruf", die Säle). Abgesehen von einer ganzen Reihe verschiedenster, auch von mir selbst vergessener grosser oder kleiner Montage-Arbeiten, endigt hier die Reihe der verlorenen oder halbverlorenen Stücke.


Ich schliesse mit drei, oder vielmehr vier Hauptstücken, die heute in sicherer Hut sind: Mitte Februar 1921 erhielt Graf Hermann Keyserling, Darmstadt, einen grossen montierten Brief von mir, in dessen Mitte der Satz stand: „ICH WERDE IN DIESEM FRÜHJAHR AN IHRER SCHULE DER WEISHEIT LESEN ÜBER DIE QUANTENTHEORIE DES ELEKTRONS USW.", was denn auch, allerdings in etwas unerwarteter, obwohl angekündigter Form geschah, und bis heute fortgesetzt wird. (Siehe die Festgabe zum 200jähri-gen Bestehen des „Hamburgischen Correspondenten" in der hier beigefügten „Sammelmappe". - Seit der diesjährigen Frühjahrstagung der Darmstädter „Schule der Weisheit" ist noch ein zweites Thema dazugekommen, da man auf dieser Tagung erklären musste, nicht zu wissen, was GEIST UND SEELE konkret seien, ich aber es weiss.) - (Den Beweis werde ich Ihnen liefern: er ist kongruent dem Parallelogramm der Ereignisse, dividiert durch die Wurzel des Weltalls in ideeller Konkurrenz mit der Popularität der astronomischen Leitlinie aus dem Gegensatz des Eigen und Fremd, dessen Dissonanz aufgelöst wird in der Aggregationskomponente des Dada.) - (Pardon! So antwortete ich vierzehn Tage lang im Leipziger Kabarett „Der Bauch", in der zweiten Oktoberhälfte 1921, hier muss ich den Beweis durch weniger komprimierte Sätze liefern und werde also sagen: „Die Menschen haben gefunden, dass sie eine Erscheinung sind, in der andere Erscheinungen auf die dreifache Weise von RAUM, ZEIT, BELANG, sich darstellen. - Das Bewirkende der Erscheinung ist der GEIST, die Weise der Erscheinung ist die SEELE. - RAUM, ZEIT, BELANG, sind die Richtungen jeder Erscheinung in unserer Erscheinung; sie sind die Dimensionen, die Weisen, das SEELISCHE jeder Erscheinung in unserer Erscheinung. -Zum Bewirken der Erscheinung gehört auch das Erkennen der Erscheinung, die Einsicht; also ist die Einsicht keine seelische, sondern eine geistige Angelegenheit. - RAUM, ZEIT, BELANG, sind seelische Angelegenheiten, denn sie sind weder BEWIRKENDES, noch ERKENNENDES, sondern RICHTUNGEN des Bewirkten und Erkannten. - Bewusst zu werden in unserer Erscheinung brauchen weder das Bewirken noch das Erkennen, weder die Richtungen, noch die Vorstellungen, die wir uns von ihrer Form machen." ) -
(Fortsetzung bis zum Kapitel „GELD" und „WIRTSCHAFT" auf Wunsch an anderer Stelle, mit der kurzen Vorwegnahme, mit der erschöpfenden kurzen Vorwegnahme: „Wie METER und MINUTE Masstäbe sind in den Erlebnisbezirken RAUM und ZEIT, so ist GELD Masstab im Bezirk BELANG; nur gibt es hier, und nicht nur hier, noch viel an dere Masstäbe! ")


Dies alles leitete der montierte Brief ein, den Mitte Februar 1921 Graf Hermann Keyserling in Darmstadt erhalten und
b e a n t w o r t e t hat.


Der Hamburger Juwelier Karl M.H. W i I k e n s , Hamburg, Neuerwall 2, Ecke Jungfernstieg, ist Besitzer eines Gästebuchs, das seit Februar 1925 zwei sehr reich montierte Seiten von der Hand des Oberdada enthält. - Juweliermeister Wilkens ist auch Besitzer eines geheimen, ebenfalls von der Hand des Oberdada bemontierten Briefordners.


Das „HADO 1928/29" mit dem besonderen Drucktitel: „DAS ZIEL DER MILCH STRASSE", ist als erstes montiertes Buch in den Besitz einer Oeffentlichen Bibliothek
übergegangen. Es zählt seit Herbst 1929 zu den INKUNABEL-BESTÄNDEN der Staats- und Universitäts-Bibliothek Hamburg. Sein Format ist Halb-Folio; sein Grundmaterial unliniertes weisses Folio-Schreibpapier. - Es wird Ihnen sicher auf Wunsch von der Hamburger Bibliothek leihweise überlassen werden.
Mit sehr schönen Empfehlungen

(gez.) J. A. Baader«