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Brief von Raoul Hausmann an Hedwig Mankiewitz. [Berlin]
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitelBrief von Raoul Hausmann an Hedwig Mankiewitz. [Berlin]
  • Datierung13.06.1922
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben, Tinte
  • Umfang1 Blatt
  • KonvolutTeilnachlass Raoul Hausmann
  • InventarnummerBG-RHA 273
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, und Spendenmitteln, 1991
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

»„Der neue Mensch kann sehr vieldeutig sein, brutal zugleich und zart; hart, unbeugsam und weich, sicher und unruhig - er muss aber ganz eindeutig sein in der Abwehr der Verbogenheit, des Unterdrücktseins, des Nachgebens und der Passivität."
Notiz von mir Anfang Juni.

Kamerad - ich freue mich über Deine Antwort, über Dein antworten, das ist schon sehr viel und sehr schön, gleichgiltig, dass Du einiges ganz entschieden nicht ganz verstanden hast. Ich sehe mich umgeben von Schläfern, ich aber bin kein Schläfer, Ich bin erwacht-und nun bin ich von dem rasenden Wunsch erfüllt, auch andre aufzuwecken. Dazu habe ich nicht sechzig Jahre Zeit, ich weiss und habe immer gesagt, ich könnte und müsste anders funktionieren - aber das kann man nicht allein, dazu bedarf man der anderen. Das ist keine Ausrede. Und darum will ich mich und andre über sich selbst hinausschleudern und reisse an ihnen und fordere von ihnen und jeder muss fühlen und wissen, dass ich ihn weiss und noch errate - und darum muss er wissen, ich biege ihn nicht zurecht, ich gebe mich ja viel mehr hin, freiwillig, als es die andern tun. Wer das nicht weiss, der mag sich gegen mich kehren, ich will nicht mich, in ihm, ich will nur ihn selbst in ihm. Und daher darf ich fordern, wo geschlafen wird. Ich sage Dir weiter, gewiss, es waren nicht nur äussere Dinge, in Hannover, denn durch die Gespräche über H.H. wurde manches wieder deutlich - aber diese Frau ist für mich gewesen, vorbei. Das hindert nicht, mich manchmal verantwortlich für mich selbst zu fühlen. Mut? Ich habe Mut. Ich habe mich selbst bis zum Grund gesehen, und ich bin durch die bösesten Gefahren gegangen - ich fürchte mich nicht. Ich bin nur von den vielen Schlafenden angewiedert, ermüdet und empört. Dies will ich Dir sagen, damit wir, wenn ich bei Dir bin, nicht mit Discussionen uns aufhalten brauchen.
N.B. Spasseshalber eine Charakteristik meiner Schrift von einer Gerichtsgraphologin, die nichts von mir weiss: wahrheitsliebend ohne jegliches Pathos, ganz entschieden, starker Mensch, fähig die Sachen selbst zu sehen, klar, gegen sich schroff, viel verlangend ohne Hochmut gegen andre, nicht Eindruck machen wollend, ohne Eitelkeit. Starker Stolz, sich selbst nur in gewisser Höhe ertragend. Stark verschlossen. Sehr beherrscht und sehr weit. Bei aller Strenge gebändigtes, starkes Empfinden, kann schroff sein, aber immer nur aus inneren Forderungen an sich selbst, die manchmal überspannt sind.
Nun, was überspannt ist, das muss ich schon selbst wissen. Nun zu Bloch, ich hatte vor einem Jahr oder mehr mit Friedlaender einen grossen Krach, weil ich Friedlaenders Kritik über den Geist der Utopie unter aller Kanone fand und ihm schrieb, er hätte sich entsetzlich blamiert und verstünde rein nichts von Blochs Buch. Trotzdem, unter uns, würde ich Bloch ablehnen, man kann nicht so über diese Dinge schreiben. Und dann müsste ich wissen, wie er die „Utopie" gelebt hat, sonst ist er ein Ästhet. - Warum glaubst Du, ich suchte keine Schönheit? ich suche sie aber in den Eingeweiden zuerst. Dann erst in den Äusserungen. Darum schreit man Karl Brösel. „Dada war ein Verzweiflungsakt." Ist denn dies ein - Einwand? Wer verzweifelt hier nicht? Serner, letzte Lockerung ist tiefer als jeder „Geist" der Utopie. Und Tanz ist Kraft. - Ich gab Elfriede Deinen Brief. Es war einen Augenblick lang schwer, aber ich hab sie gehalten. Ich wollte keine Unklarheit. Ich liebe Dich. Du bist schön.
Sei ganz klar. Dein Ra
Ich habe an der Ostsee gemietet.«