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Brief von Elfriede Hausmann an Raoul Hausmann. [Dollerupholz]
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Elfriede Hausmann-Schaeffer (1876 - 1952)

  • TitelBrief von Elfriede Hausmann an Raoul Hausmann. [Dollerupholz]
  • Datierungvor 25.9.1919
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • Materialhandgeschrieben, Tinte auf Packpapier
  • Umfang1
  • KonvolutTeilnachlass Raoul Hausmann
  • InventarnummerBG-RHA 308
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, und Spendenmitteln, 1991
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

Tinte auf Packpapier einer nach Berlin adressierten und nach Dollerupholz weitergeleiteten Drucksache des Verlags Der silberne Spiegel, Dresden an Raoul Hausmann.

»Lieber süßer Mensch, gestern war ich ein rasender Roland und eine glühende Feuersäule, schade, daß ich allein war, aber manchmal macht auch das nichts. Heute bin ich elend caput, will aber vielleicht trotzdem nach Streichmühle wanken, hoffend, daß Dich -dieser Brief noch trifft. Ich schrieb Dir wenig, da ich schon auf Dich wartete. Mich dürstet nach Deinem Körper und Geist. Nun erhielt ich heute noch Deinen Brief vom 6ten", der mir alle Deine Schwierigkeiten wieder vor Augen führt. Wie leid ist es nur, daß ich nicht mit Dir reden kann. Gestern erhielt ich einen Liebesbrief von Baader, den ich so ehrlich beantwortet habe, als ich konnte, Du kannst ihn ja lesen. Und nun möchte ich Dir noch etwas sagen, der Du meine tiefste und zarteste Liebe bist. Alles was mit mir noch geworden ist, danke ich Dir. Aber ich kann nicht stehen bleiben, wenn Du selbst so lebendig bist, ich muß mich Dir da irgendwie mehr gleichstellen als bisher, ohne Dir auch nur etwa eines Haares Breite weniger zu geben. Bisher war ich Dir im Nachteil, deswegen mußtest Du mich quasi auch so oft erkennen, wenn ich dann aber all Deine Liebe so verstehen kann, daß auch ich mich erweitern kann, darf, muß, weil mir vielleicht noch ein einziges Erleben fehlt, so täte ich noch einen Schritt vorwärts, der mir vielleicht viel harte Arbeit bringt, der mich aber auch Dir gegenüber freier machen würde. Und mir scheint immer, daß diese Freiheit noch erlangt werden muß, wenn ich nicht an Dir kaputt gehen will, denn resignieren und warten, das ist alles Schwindel und Askese, und sterben kann ich auch noch nicht. Du ließest mich kommen in einem Augenblick, wo Du dadurch meine Lebendigkeit gerettet hast. Nun aber bin ich lebendig geblieben, und der gestrige Brief von Baader hat einen Brand in meine Seele geworfen, und ich glaube ihm eigentlich etwas schuldig zu sein. Vielleicht sitzt hier der Punkt, der uns alle befreien und erlösen könnte, fast kommt es mir so vor, und vielleicht hätte ich ihn eher finden müssen. Nun es kommt ja auf das „überhaupt" an. Vielleicht hast Du dann die Ruhe, mich eine Zeit lang zu vergessen (wir werden uns niemals vergessen) und daher Kräfte gewinnen. Verstehe mich nicht falsch, es ist nicht Edelmut, es ist heißestes Wollen, nach vorwärts zu kommen. Du hast mir am letzten Abend so ins Gewissen geredet, ich hätte ihr gegenüber nicht genug getan, alles aber was ich tun sollte, war nicht für mich das richtige, besonders nicht das dauernde verzichten, ich hätte dann glatt sterben müssen, wie sie es wohl verlangt. Noch bin ich lebendig und Leben bedeutet mir kämpfen und lieben. Vielleicht auch brauchst Du mir garnicht zu vergessen, indem nur eine größere Freiheit in uns alle kommt. Sieh, ich glaube immer, Du bist mit ihr fertig, und bist es doch nicht und so will ich schnell sein. Dich jeweilig zu entbehren, das wird mir immer sauer sein, denn ich liebe Dich Dich Dich, ich kann aber noch mehr lieben. Sag mir Deine Antwort selbst oder schreibe sie mir, Du köstlichster der Menschen. Ich liebe Dich. E.«