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Ansichtspostkarte von Johannes Baader an Raoul Hausmann. Hamburg
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Johannes Baader (1875 - 1955)

  • TitleAnsichtspostkarte von Johannes Baader an Raoul Hausmann. HamburgAbbildung: Offene Raubtierschlucht, Carl Hagenbecks Tierpark, Steilingen-Hamburg
  • Date20.08.1912
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben, Tinte
  • Amount1
  • FondsTeilnachlass Raoul Hausmann
  • Inventory NumberBG-RHA 316
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, und Spendenmitteln, 1991
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

»200812.457.L.W.221
Es ist unglaublich, daß man so gute Gedanken haben kann wie Adalbert Luntowski[2] im Hamburger „Allgemeinen Beobachter" v. 15. VIII.1912, und nachher plötzlich ab-schnappt mit dem Satz: „Wird nicht kahler Egoismus als Schmuck des modernen Menschen verkündigt?"[3] Sagen Sie ihm das! Und sagen Sie ihm weiter, seine Freunde sollen mit der „Schöpfung" eines „Kulturparlaments" (Driesmans)", das laengst da ist, sich doch nicht unnötig bemühen. Aber die Kerls reden ja nur, anstatt daß sie dächten.

Greetings [Dreieck-Skizze[5]]«

[1] Diese und die Postkarte 12/1 sind die ersten im RHA erhaltenen Dokumente, die Baaders Hang zu mystifizierenden Zahlenspielen belegen. Während sich die Zahlenkette als Datum und Uhrzeit entschlüsseln läßt, harrt »L.W.22« noch der Lösung. 1919 führte Baader eine neue Zeitrechnung ein, um »das erste Jahr des Weltfriedens« und gleichzeitig »Tod und Auferstehung des Oberdada« als Beginn einer neuen Ära zu würdigen. Möglicherweise hat sich Baader dabei von Nietzsche inspirieren lassen, der bereits mit dem Jahr 1888, als er seinen Antichrist abgeschlossen hatte, eine neue Zeitrechnung beginnen lassen wollte. Baaders Zeitrechnung, die er bis zu seinem Umzug nach Hamburg 1924 beibehielt, ist u.a. auf dem Plakat Club der Blauen Milchstrasse für die Dada-Soiree am 12. März 1919 erläutert (Abb. in: Ausst.-Kat. Hausmann 1994, Kat. 93, S. 167).
[2] Es handelt sich um den konservativen Kulturkritiker Adalbert Luntowski (1883 Danzig - ?), der unter dem Einfluß der um die Jahrhundertwende wiederentdeckten Romantik Thomas Carlyle übersetzte (1911) und die Schriften Karl August Varnhagen von Enses und des preußischen Generalfeldmarschalls Fürst Blücher herausgab (1912). Luntowski gehörte zu den Anhängern einer völkisch-national geprägten Kulturkritik, die sich - in Opposition zur materiali-stischen Gründerzeit - auf Denk- und Gefühlsmuster der Romantik beriefen, die mit den Freiheitskriegen erfolgte spätromantisch-nationalistische Verengung reaktivierten und eine nationale Wiedergeburt aus dem Geiste des Antimodernismus forderten.
[3] Baader bezog sich auf Luntowskis Artikel Die Entfesselung der seelischen Befehlskräfte in der Zeitschrift Allgemeiner Beobachter. Halbmonatsschrift für alle Fragen des modernen Lebens (Hamburg, 2. Jg., 15. 8. 1912, H. 8, S.113-115, hier: S. 115). Luntowski stellt darin den schöpferischen »Geistmenschen« gegen den amerikanisierten »Krüppelmenschen«, die Kultur gegen die Zivilisation, den Willen gegen die Vernunft, das ganzheitliche Leben gegen wissenschaftliche Zersetzung. Vor diesem neuromantisch und nietzscheanisch-lebensphilosophisch eingefärbten Hintergrund unterstützte Luntowski das Bestreben Heinrich Driesmans' zur Gründung eines »Kulturparlaments«.
[4] Der Kulturkritiker Heinrich Driesmans (1863 - ?), ebenfalls dem völkisch-nationalen Lager zugehörig, befaßte sich bevorzugt mit den Themen Biologie und Eugenik und veröffentlichte zahlreiche Arbeiten zur Kultur- und Rassenfrage, beispielsweise Eugenik. Wege zu Wiedergeburt und Neuzeugung ungebrochener Rassekraft im deutschen Volke (Gautzsch b. Leipzig: Felix Dietrich 1912). In seinem Artikel Zum biologischen Neuaufbau des deutschen Volkes. Sammlung eines Kulturparlaments auf dem Kongreß für biologische Hygiene im Allgemeinen Beobachter (Hamburg, 2. Jg., 1. 5. 1912, H. 1, S. 1-4) rief Driesmans zur Schöpfung eines »Kulturparlaments« auf, das als »Lehrstätte für Rassenforschung und Rassenhygiene« der bereits erfolgten menschlichen »Entartung zu [...] minderwertigen Individuen« entgegentreten sollte (S. 3). Driesmans' Vorbild war der in seinem Artikel mehrfach erwähnte Orientalist Paul de Lagarde, der im 19. Jahrhundert fanatisch für eine von jüdischer »Überfremdung« gereinigte völkische Einheit eingetreten war. Die von Lagarde vertretene Ideologie blieb auch im 20. Jahrhundert virulent und bildete eine der politisch-kulturellen Wurzeln des Nationalsozialismus. -
Lit.: Peter Emil Becker, Zur Geschichte der Rassenhygiene. Wege ins Dritte Reich, Stuttgart/New York: Georg Thieme 1988. 5 Der »Weltbaumeister« Baader verwendete das gleichschenklige Dreieck (vgl. Abb. S. 40) als kosmische Metapher für die »Pyramide der fünf Fixsterne«, die er 1913 zum »Denkmal des Weltfriedens« ernannte, da durch ihre »offene Spitze der Same der Neugeburt in die geöffnete Welt« ströme (Baader 1977, S. 35). 1918 verdankte noch der dadaistische Club der Blauen Milchstrasse seinen Namen diesem kosmischen Samenstrom, den Baader an anderer Stelle als »Zauber der BLAUEN MILCHSTRASSE« bezeichnete (Baader 1991, S. 12). In seiner 1924 im Felix Stiemer Verlag, Berlin-Friedenau, erschienenen Broschüre Das Geheimnis des Z. R. III. Die Geheimbotschaft Deutschlands an Amerika läßt Baader das »Denkmal des Weltfriedens« als geheime Fracht eines Luftschiffs nach New York bringen. Auch noch 1953, zwei Jahre vor seinem Tod, verwendete Baader sein spezielles Trinitätssymbol, diesmal als Fundament der »Weltesche« der germanischen Mythologie (Baader 1977, S. 173)."