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Brief von Raoul Hausmann an Hanns Fischer. [Berlin]
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitelBrief von Raoul Hausmann an Hanns Fischer. [Berlin]
  • Datierung13.04.1924
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben, Durchschlag
  • Umfang3 Blatt
  • KonvolutTeilnachlass Raoul Hausmann
  • InventarnummerBG-RHA 629
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, und Spendenmitteln, 1991
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung

»Am 13. April 1924
Lieber, bester Herr Fischer!
Wundern Sie sich über mein langes Schweigen nicht! Ich werde Ihnen so ein kleines historisches Bild, oder besser einen Abriss der Kriegs- und Geistesperioden der letzten 14 Tage entwerfen. - Zuerst mal habe ich den Vortrag des Herrn Turel mit angehört - eine Rezension darüber habe ich verfasst und lege sie Ihnen bei, schicke sie auch Turel und Henning zu. Ueber die beiden Herren können wir vorläufig mal die Akten schliessen. Dann schrieb ich an Herrn Geheimrat Kemmann, dass ich noch einmal mit ihm eine Besprechung haben möchte, legte ihm auch mein optisches Manuskript bei, doch hörte ich bis heute nichts von ihm. Aber dann fängt das historische Spektrum an vom schwärzesten Schwarz bis zum weissesten Weiss die tollsten Wellenberge und Täler aufzuzeigen. Die Fahrt auf diesem Ocean in diesen 14 Tagen war eine so bewegliche, dass ich jetzt noch ganz seekrank davon bin, d.h. wirklich im vollsten Ernste. Mir ist z.B. von dem Mewes'schen Buch speiübel. Das Buch von Mewes zerfällt für mich in drei Teile. 1. Teil: Material. Das ist glänzend. 2. Teil: Resultat. Das ist kläglich. 3. Teil: Polemik oder Ueber-zeugung oder wie man den Dreck bei ihm nennen soll, derartig infernalisch, dumm, niedrig, gemein und altmodisch, dass ich wirklich bedaure, dieses Pamphlet gelesen zu haben. Nun war ich gerade mit dem Aufstellen der systematischen Grundlagen für mein Buch beschäftigt, und da ich gleichzeitig las: Mewes, Helpach, Valier, Schwab, Fritz und Welteislehre, so hat sich in meinem Kopfe ein Riesenknäuel gebildet, für das ich die Bezeichnung universale Funktionalität schlecht anwenden kann, für dessen Entwirrung aber die Rechnungen der vorhin genannten Autoren doch noch zu einfach sind. Nicht, dass mir irgendetwas zweifelhafter oder unklarer geworden wäre als es vorher war, aber, wie will man da so einfach eine Gesetzmässigkeit aufstellen?! Zudem habe ich die Ab¬sicht, das Buch möglichst wenig wissenschaftlich, dafür aber umso bildhafter zu gestalten. Ich meine das so, dass ich eine Philosophie geben will, die so wenig intellektuell gefärbt ist wie möglich, die gewissermassen aus dem Bildstoff von selbst herausspringt und hervorleuchtet. Ich kann also zunächst nichts weiter tun, als daran zu arbeiten. Manchmal erscheint mir die Form eines gewissermassen naturphilosophischen kleinen Romans die allerbeste - Wie denken Sie darüber? Dann habe ich des öfteren und lange mit Herrn Baader gesprochen, und es freut mich, dass er sich in die Welteislehre immer besser hin¬einarbeitet und es freut mich auch, Ihnen dies mitteilen zu können. Was uns dabei am meisten fehlt, ist das Hörbiger'sche Hauptwerk. Können Sie vielleicht dafür Sorge tragen, dass ich es so schnell wie möglich und für jeden ixbeliebigen Preis erhalte? - Nun zur Welteislehre selbst dies: Ich halte sie oder vielmehr ihre Grundgedanken für eine wirklich überwältigende Sache, die dem mehr oder weniger planvollen oder planloseren Suchen von Mewes, Helpach, Fliess, Alliata usw. usw. erst die wirkliche zusammenfassende Grundlage, die eigentliche Funktionsmöglichkeit zu verleihen - nichtsdesto weniger aber kann ich die Welteislehre nur als grossartiges, aber unbewiesenes Gedankengebäude betrachten. Sie sagten hier in Berlin zu Henning, Turel und Rätsch: Die Welteislehre bestehe bloss aus bewiesenen Tatsachen! Nun bin ich ein unbedingter Gegner dieser drei Herren und nicht im mindesten gesonnen, deren Partei zu ergreifen. Aber, ich muss Ihnen doch sagen, die Beweiskraft der Welteislehre liegt nur in der Logik ihres Gesamtgedankens. - darüber hilft nichts hinweg! Und ich muss Ihnen sagen, ich betrachte es als eine schwere Schädigung der Welteislehre, wenn man so, wie z.B. Sie es tun ausspricht: Der Schlüssel zur Welteislehre liegt in der Tatsache, dass die Oberfläche des Mondes aus Eis ist! Verstehen Sie mich wohl: Ich zweifle garnicht daran, aber ausser gedanklichen Beweisen habe ich in der gesamten Welteis-Literatur keinerlei experimentell-physikalischen oder sonstigen Beweis für diesen Gedanken gefunden. Ich will es noch deutlicher aussprechen. Medizinalrat Siegfried sagte mir vor etwa 14 Tagen: Ich habe über die Welteislehre mit einem Herrn gesprochen, von dem ich nicht wusste, dass er am geodätischen Institut zu Potsdam beschäftigt ist. Ich setzte ihm gerade auseinander, dass mir die kosmische Herkunft des Hagels und der Wolkenbrüche sehr einleuchtend scheinen. Darauf wollte sich dieser Herr totlachen und bewies mir mathematisch, dass Eis im drucklosen Weltraum überhaupt nicht vorkommen könne und die ganze Welteislehre Quatsch sei. Ich kann das nicht entscheiden; jetzt bleibt mir nur übrig, ja oder nein zu glauben. - Sehen Sie, dass ich [ist] es, was ich meine! So geht es sehr vielen gutwilligen Wissenschaftlern: Solange in der ganzen Welteis-Literatur nicht die Einwände, die Nölke gegen die Möglichkeit kosmischen Eises macht, auf das Klarste und Eindeutigste widerlegt werden, werden sehr viele gutwillige, gebildete Menschen hilflos lächerlich gemacht und dabei ist es meiner Meinung nach doch eine Kleinigkeit, die Klärung in diesem Punkte eindeutig und einwandfrei herbeizuführen! Das muss ein Punkt sein, den nicht nur Hörbiger kennt, sondern der vor einem jeden Leser eines Welteis-Lehrbuches klar werden können muss. Klipp und klar! Aber darüber findet man in der ganzen Welteis-Literatur nichts. Hier finge aber erst der Beweis und die Tatsächlichkeit an! Im übrigen möchte ich Sie bitten, mir doch schnellstens die beiden Briefe Hörbigers an Sie über die Untersuchungen von Vegard zu schicken. Ich glaube, dass Hörbiger der Spektral-Analyse noch viel zu herkömmlich gegenübersteht, was ja kein Wunder wäre, denn man kann natürlich nicht alle Einzelgebiete bis auf den Grund erforschen und beherrschen. Sie sagten mir nämlich in Berlin: Hörbiger bewiese in diesen beiden Briefen, dass die Vegard'schen Untersuchungen Unsinn seien, und wenn Sie damit meinen Aufsatz über Welteislehre, Zacharias und Vegard vergleichen, so scheint mir im Gegenteil, dass die Vegard'schen Untersuchungen etwas anderes bedeuten. - Dann noch ein Punkt. Eine gewisse Gefahr von nicht zu unterschätzender Grösse für die Ausbreitung der Welteislehre besteht darin, dass sie vom Verlag Voigtländer als deutsches Weltbild bezeichnet wird. Sehen Sie, so einfach liegt die Sache nicht, wie Mewes oder Hittler oder Ludendorff meinen. Schlag den Juden tot, und dann ist der Deutsche ein Engel! Schon dadurch stellt sich der Deutsche ein sehr schlechtes Zeugnis aus. In meinem Buche könnte ich auch nur zeigen, und das erscheint mir als die höchste pädagogische Aufgabe, die es gibt, dass, wie alle Völker auf der ganzen Erde, auch der Deutsche bestimmten individualistischen und mammonistischen Krankheiten durch eigene Ratlosigkeit, durch eigene Schwäche, eben durch die Abkehr von seinen eigenen Daseinsbedingungen erlegen ist. Und wenn er gesunden will, muss er den Weg beschreiten, den alle beschreiten müssen: Erkenne Dich selbst! Erkenne Dein Wesen und das Wesen der Welt! Erkenne Dich in der Welt und die Welt in Dir! Ich brauche Ihnen nicht zu betonen, dass ich dies nicht Marxistisch-Internationalistisch meine, aber ich könnte mich natürlich nie dazu verstehen, meinem Buch den Unterton zu verleihen: Hörbiger, Mewes und Hittler'sches Funktionsgesetz für den nationalsocialistischen Universalwelteisstaat Deutschland! Das klingt dumm, verzeihen Sie, muss aber deutlich ausgesprochen werden. Seien Sie mir nicht böse, ich liebe die Deutlichkeit. Dabei versteht man sich manchesmal falsch, das schadet aber nichts. Antworten Sie mir ganz rückhaltlos und aufrichtig, so wie ich Ihnen rückhaltlos und aufrichtig schreibe. Wo ich mich geirrt habe, werde ich nach gewonnener Einsicht den Irrtum zugeben. Das setze ich aber auch von Ihnen voraus!
Mit den herzlichsten Grüssen Ihr
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