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Brief von Raoul Hausmann an Franz Jung. Jershöft
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitelBrief von Raoul Hausmann an Franz Jung. Jershöft
  • Datierung15.08.1931
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben, Durchschlag
  • Umfang1 Blatt
  • KonvolutTeilnachlass Raoul Hausmann
  • InventarnummerBG-RHA 660
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, und Spendenmitteln, 1991
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

»Jershöft den 15.8.31 Lieber Jung
Mehrere meiner Bekannten, die auf der Dir seinerzeit gesannten Adressenliste standen, schrieben mir ganz verwundert, dass es eine Nummer 2 des Gegner gegeben haben soll. Es hat ja keinen Sinn, darüber etwas zu sagen, dass Ihr diese 90 Leute nicht beliefert, aber Ignaz Jezower, Wilmersdorf, Laubenheimerstr. 7 hat in den Sozialistischen Monatsheften auf Nummer 1 hingewiesen und Dr. Adolf Behne, Charlottenburg Grünstrasse 16, würde über Gegner an derselben Stelle ebenfalls schreiben. Aber beliefert die Leute oder beliefert sie nicht, was geht das mich an. Ihr müsst ja wissen, wie Ihr Euer Geld zum Fenster hinauswerft. Zu Heft 3 möchte ich bemerken, dass es wieder im Wirtschaftlichen gute Gedanken bringt, aber die Pornofotografie erregt meinen Protest. Wenn es nach mir ginge, müssten sämtliche Autoreifen sexuelle Muster aufweisen, die Sprengwagen müssten nach einem bestimmten Siebmuster die Strassen mit volkstümlichen Darstellungen der Genitalien mit roter Tinte über und über besprengen, sämtliche freie Häuserfronten müssten Fotomontagen sexueller Art aufweisen, und da kommt dieser Moralonkel Ernst Ostweg-, von dem ich vermute, dass er noch nicht viel Sonne gesehen hat, (denn in der schönen Sonne bekommt man Erektionen) und schwafelt Blödsinn über die verschwundene Geilheit! Als ob nicht die meisten Nacktbader und Sonnensportler die verlogensten Verdränger wären! Ich denke, Du bist für den absoluten Zweifel und gegen die Sedimentsbildung: Da druckst Du von so einem roten Sonnensportler ein knorkes Atemgekäuche um einen einzigen Satz von Engels herum ab. In meinem Aufsatz über Malerei und Musik hatte ich auf 23 Zeilen eingehender, klarer und weitgehender die gesetzmässigen Funktionsbeziehungen psychophysiologischer Art formuliert: was von mir ist, muss natürlich Mist sein und raus damit! Ebenso hast Du meinen Aufsatz Jenseits der Gesellschaft nicht abgedruckt, trotzdem es sehr schön gewesen wäre, wenn ein Mensch mit der grössten Kaltblütigkeit in einem Atem vom Religionskrieg unserer Zeit und im Gegensatz dazu von der Wichtigkeit des Gehens als Grundlage der sogenannten seelischen Beziehungen erzählt. Gerade jetzt wo die Prawda es sich etwas kosten lässt, den russischen und deutschen Lesern weiszumachen, dass der Volksentscheid von den vereinigten HitIer-Hugenberg-Braun-Severing-Grzezinski sabotiert worden sei und eigentlich ein riesiges Anwachsen der kommunistischen Stimmen bedeute, genau das Gegenteil von dem, was der Völkische Beobachter behauptet. So etwas kann man also heute 220 Millionen russischen und deutschen Menschen vorsetzen, und dabei verlierst Du scheinbar den Humor. Aber es gefällt mir nicht, dass Du mich fortwährend als korrekturbedürftig behandelst und es gefällt mir noch weniger, Dein Verhalten in Sachen meines Subskriptionsprospektes. Es ist nun einmal so, dass Bücher solcher Art nur wegen ihres Schund und Schmutzinhaltes gekauft werden, und nur die Buchhandlungen kennen die mehreren hundert zahlungsfähigen Käufer. Du hast mir also absichtlich das Geschäft gestört. Ich kann garnicht einsehen, was ich überhaupt noch mit Dir zu tun haben sollte. Ich bin weder unterstützungs- noch erziehungsbedürftig und Leute, die sich meinen sehr wenigen Plänen entgegenstellen, liebe ich garnicht. Mit oder besser
ohne Gruss«