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Brief von Raoul Hausmann an Hermann Graf Keyserling. [Berlin]
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleBrief von Raoul Hausmann an Hermann Graf Keyserling. [Berlin]Beiliegend: Notizzettel
  • Date[vermutlich 20.11.1923]
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben, Durchschlag, handgeschrieben, Tinte
  • Amount17 Blatt
  • FondsTeilnachlass Raoul Hausmann
  • Inventory NumberBG-RHA 664
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, und Spendenmitteln, 1991
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

»Brief über die Weisheit.

Herr Graf Keyserling!
Durch eine besondere Verknüpfung von Dingen hörte ich nur Ihren vierten, letzten Vortrag im Marmorsaal. Der Gegensatz, den er in mir hervorrief, mag stellenweise kein Gegensatz sein, da ich ja nicht weiss, was Sie in den vorhergehenden Vorträgen aussprachen. Aber der Gegensatz besteht nun einmal von mir aus, und ich wünsche Ihnen auszudrücken, wie ich ihn und worin ich ihn sehe. Ich muss aus diesem Grunde zuerst zurückgreifen auf einige Sätze, die ich im Anfang der deutschen Revolution in einer nun verschollenen Zeitschrift drucken liess. Sie lauten: Wir erleben heute die ungeheuerste Revolution auf allen Gebieten des menschlichen Organisierens. Nicht nur die kapitalistische Wirtschaft, sondern auch alle Wahrheit, Ordnung, Recht, Moral, ja auch alles Männliche und Weibliche ist in Auflösung. Der Besitz verschwindet, die einseitige Ausbeutung verschwindet, jeder ökonomische, moralische und geistige Profit der alten Weltordnung ist im Absterben. An seine Stelle tritt ein neues Sein, das erst hier und da von den Mutigsten, vor der Selbstzerstörung am wenigsten Schreckhaften gesehen und keimhaft verwirklicht wird. - Diese Revolution wäre kurz, wenn es sich nur darum handeln würde, Oekonomisches umzuwälzen. Sie ist lang, sie wird die längste und grösste Revolution darstellen, die die Erdgeschichte gesehen hat. Alles Gedankliche, die Religion, die Forschung, die Moral, die Justiz war seit Anbeginn der Geistesgeschichte Europas wesentlich auf einer Stapelung, auf einer pyramidenförmigen Staffelung von höchsten Werten und Rechten nur der Eingeweihten und Auserlesenen gegründet. Eine einseitige Richtung nach oben, eine Belastung von oben nach unten in immer breiterer Schichtung ist das Bild dieses Geistes- und Lebenszustandes. Alle waren krank und irrsinnig, weil die unterdrückten und gefälschten Gebiete des Lebens sie fortwährend trieben, ihre eigenen Gesetze zu überschreiten. Gesetze waren nur Anleitungen zu Uebertretungen. Und der aufgespeicherte Wahnsinn, der Hass gegen das Leben führte zur Explosion des Weltkrieges, der eigentlich nur die unbeabsichtigte Einleitung zur Weltrevolution darstellt. - Und hier liegt eine Schuld nur des Mannes. Sein krasser, oberflächlicher Wille zur Macht, der sich in Profitgier, Besitzstapelung und „geistigen" Isolationsbarrikaden zeigte, liess für das Viele aus dem Bewusstsein absichtlich und gewohnheitsmässig Ausgeschaltete die tragische Einstellung eines ganz abseitigen, unlebendigen Individualanarchismus (Idealismus) entstehen, sie trieb die sich rächenden Instinkte des männlichen Geistes in einer geradezu körperlichen Art zur Feindschaft gegen sich selbst. An dieser Schwäche, der tragischen Kultureinstellung, wird der Mann als Organisator zugrunde gehen, wenn es ihm nicht gelingt, die Gegenkräfte, die bis jetzt durch seine ethischen Idealisierungskünste unterdrückt waren, im Verlauf der Weltrevolution frei zu machen. - Dies schrieb ich vor mehr als vier Jahren, und als dieser Mensch schrieb ich Ihnen vor etwa zwei und einer halben Woche in Berlin an die Adresse Tiergartenstrasse 3. Sie antworteten nicht, was ich voraussah. Ich bin nun in diesen letzten Jahren nicht auf mir selbst sitzen geblieben und darum schrieb ich Ihnen, ich wünschte „den persönlichen Eindruck der Wahrheit des lebendigen Wirkens", obzwar ich Ihre Schriften nicht kenne. Und nun will ich Ihnen weiter auf Ihren Vortrag antworten: Dass es eine gegen Deutschland gerichtete Allgemeinheit (die ausserdem gar keine ist!) gibt, hat andere Ursachen, als Sie glauben oder denken. Sie beruht auf einem psychisch ganz anders gearteten Aufbau, als der der Deutschen ist. Nicht grössere Begabung oder Innerlichkeit entscheiden hierbei, sondern seelische Funktionsrichtungen die, im ganzen Europa enddifferenziert, horizontal gelagert, die großbürgerliche Zivilisationsform ausmachend, in Deutschland nur Aufhäufung, Durcheinander, blindwütige Organisation auslösten. Das „deutsche Reich" seit 1870 hatte an der allgemeinen Zivilisationsform und ihren Funktionen psychischer und technischer Art kaum einen Anteil, es war protesthaftes Nachahmen. Auch die berühmte deutsche Wissenschaft und Technik ist immer nur eine Fähigkeit zum Weiterführen und Zusammenfassen auf englischen, französischen, dänischen, holländischen, russischen Grundlagen des Experiments und der Hypothese gewesen: die Fähigkeit der Deutschen lag in der Anwendung und im rechnerischen Ausbau, sie ähnelt darin in gewisser Art dem deutschen Import-Export-Welthandel: auf Grund tüchtiger und billiger Arbeitskräfte fabrizierte man aus importiertem Rohmaterial und Halbzeug Fertigfabrikate, mit denen man den Welthandel überschwemmte; auch dies war ein Grund zum Krieg von 1914. Dies war möglich, weil Deutschland nie ein ganz und gar „bürgerliches" Land war, weil es nie diese Art Demokratie besass, die erst den wahrhaft beruhigten bürgerlichen Seelenzustand, die bürgerliche Funktionalität ausmacht. Das kaiserliche Deutschland war innerlich zerspalten, es war eine, psychoanalytisch gesprochen, Ueberkompensation von Organminderwertigkeiten in einem derartigen bio-hysterischen Ausmasse, wie es im übrigen Europa nirgends möglich gewesen wäre. (Hierzu zitiere ich noch einen Satz von 1919: Der letzte Zustand des allgemeinen Individualanarchismus zeigt Krankheitssymptome auf, die als Hysterie und Neurasthenie bekannt, in ihrem Grunde kosmische Phänomene sind und als Auflösung eines einseitigen Ichgefühls zu werten sind.) Hier tritt nun die Bedeutung unserer, äusserlich durch die „Revolution" sichtbar gemachten Gegenwart in den Vordergrund, eine Bedeutung, der auch die europäische Umwelt sich in kurzer Zeit nicht entziehen kann - den Menschen zu einer augenblicklichen, durch Erkenntnis und Wollen sehr wohl möglichen Selbstgeburt zu veranlassen, ausserhalb des „Milieus" und der „Ideen". Wir sind allerdings noch nicht sehr fähig, Gegenwart zu empfinden - denn sie ist zeitlos. Wir befinden uns noch immer im Mittelalter des innerlich freien Christenmenschen, des katholischen Christenmenschen, des Individual-anarchisten, des historischen Materialisten und so fort - wir wagen es noch nicht, uns ganz zu fassen, universal und göttlich. Unser Konflikt ist der Konflikt zwischen der Bejahung und der Verneinung, zwischen Leben und Tod, zwischen dem Eigenen und Fremden. Wir empfinden die schöpferischen Gegensätze, die unser Erleben erst über das Mechanische hinausheben, als Widersprüche und da wir sie nicht beherrschen können, werden wir vielseitig oder einseitig: wir müssten aber gegenseitig, gegensätzlich werden. Es bedarf hier gar keiner Ethik oder Anschauung, sondern nur des in der eigenen Mitte = Seins - dies ist aber keine Frage der „Einstellung". Wir dürfen nicht nur Akzente „verlegen", wir müssen tatsächlich sein, selbstzerstörerisch und selbstschöpferisch. Der Wille zur Anpassung, zum Fremden, zum Tode wird in der Waage gehalten vom Willen zur Persönlichkeit, zum Eigenen, zum Leben. Der Gemeinschaftstrieb, der Instinkt der gegenseitigen Hilfe innerhalb des Kampfes ums Dasein ist „Leben aus Tod gewebt". Vereinzelung und Gemeinschaft, Eigen und Fremd, sie sind Selbstbestätigungen und Selbstauflösungen in gesetzmässiger Wechselwendigkeit beim Einzelnen wie bei der Masse, sie gehorchen einem biologischen Grundimpuls, über den wir noch sehr wenig Tatsächliches wissen - es müsste ausser und über der Psychoanalyse und der Kulturmorphologie noch etwas geben wie eine Erkenntnis der geographopsychogenetischen Funktionen der Völker und des Individuums. Hier wäre der tiefste Zusammenhang einer Weltweitenseele und einer Welthöhlenseele zu ergründen, und der Erlebensangst sowie der Erlebenssehnsucht. Diese Grundeinstellungen können aber die Völker nicht ganz einfach nach Belieben (nach Willensfreiheit) verändern - hier hebt sich die „moralische Welt" selbst aus den Angeln. Die Mittel zu einem Weltsinn, Not und Elend, sind so wenig frei wählbar wie Glück und Reichtum - ein Uebermenschliches erzwingt sie. Darum, sind die Zeichen dieser Geburt erschienen, steht es uns nicht an, „hundert Jahre" zu warten. Die Protestaktionen des Mittelalters gegen diesen Passivismus, Christus, Hussiten, Wiedertäufer, stehen in schrecklichem Gegensatz zu Paulus, Luther, Protestantismus und Materialismus, die alle Ansätze zu einem Kollektiv, zu einer allgemeinen Seele darstellen, kraft deren das Ich erlöst oder andererseits eingeschläfert werden sollte. „Richtige" Einstellung oder Akzentverlegung ist und war nie eine Angelegenheit der Wahl, sondern des psychogeographischen und bioconetischen „Müssens"! Wir müssen hier zum ORGANDENKEN vorstoßen. Wir können und müssen die Biocönose umformen, wir sind nicht genötigt, Jahrhunderte auf eine „Kultur von morgen" zu warten, wir hängen nicht von Geschichtsmorphologie und Geschichtsanalogie ab, wenn wir das organische Denken und die daraus entspringende Tat und Tatsächlichkeit aus dem Milieu, aus dem Gesamterlebensgebiet herausarbeiten. Zwei Versuche hierzu sind uns bekannt am Beginn und am Ende des „Mittelalters" in Europa: die Auswertung der Organ-Tat Christi und die Lehre Nietzsches. Das abendländische Mittelalter entsprang und endigte im Orient, der Orient allein gab Europa bisher ein ökumenisches Symbol: den Gottmenschen, den Uebermenschen. So gewiss diese Impulse weit mächtiger waren als die Ihren, so gewiss müssen wir erst diese Impulse durch Verwirklichung erledigen, ehe wir zum Aufbau, zur Geburt des „ökumenischen" oder ganz einfach des himmlischen Menschentypus gelangen. Und hier frage ich Sie: „Warum gilt nach Ihrer Aussage der Causalitätssatz einmal für alle Male?" Dieser Satz, dem zum „Naturgesetz" zum erschöpfenden Erhellen des Wesens-Sinnes alles mangelt? Der Satz vom zureichenden Grunde drückt nur die Besonderung aus, nicht das untrennbar Einige in sich Gegensätzliche, sowohl des Lebens der Personen als der Dinge? Warum soll dieses Gesetz des Scheines auch für das Wesen, den Sinn, ewig gelten? Denn der ökumenische oder himmlische Mensch bedarf nicht der Frage nach den Bedingungen einer „Ursache". Weder Christus noch Zarathustra-Nietzsche bedurften des Causalitätsprinzips, ihnen war der Tod nicht das Ende des Lebens und das Leben nicht der Beginn eines Neuen. Christus und Zarathustra-Nietzsche traten aus ihrer eigentlichen Biocönose, ihrem eigentlichen geographopsycho-genetischen Bezirk heraus, nachdem sie ihn erkannt, erlebt, durchlebt, durch Leben erledigt hatten. Dies war ihr organisches „Müssen", die Frucht aus einem kompromisslos-gegensätzlichen Erleben von Ich und Wir im allgemeinsten und allumfassendsten Wissens-Sinne, bei Christus noch eindeutiger als bei Nietzsche. Was tat Christus? Christus als der Proletariermensch fand das „Wort" vom Gottes-(Menschen-)Sohn, d.h. jeder ist Gottes-(Menschen-)Sohn. Er ist der (zeitlich begrenzte) Ausgangspunkt eines egozentrischen Autonomismus geworden, der sich über alle irdischen Bedingungen hinweg ins Absolute begibt.
Seine Nächstenliebe ist praktische Nächstenfeindschaft, das Aufdecken der Sündhaftigkeit des Anderen (des „Nicht-Ich", der Unpersönlichkeit als Sünde wider den „Vater" als Sinn, als „Wir".) Dass aus Christus das Christentum werden musste, ist selbstverständlich; sein „Wesen" wurde, über der Biocönose schwebend, in ihr zu Unklarheit, Unirdischkeit, Jenseitigkeit, zu einer Vulgarisierung des Unfassbaren und Universalen, es musste, von Anhängern zur Bindung gemacht, das Unwahrhafte des Christentums ergeben. (Späte Folgen davon sind die Religionskriege, die Reformation und die materialistische Wissenschaft.) [=>] Christus ist ganz eindeutig, ebenso kompromissunfähig als Zarathustra; beide sagen: „lass alles hinter dir, ausser dir, ja lasse auch dich selbst noch hinter dir." [<=] Aber Nietzsche, wo er nicht Zarathustra ist, wo er Westeuropäer bleibt, wo er auf der Biocönose beruht, ist der Gegenspieler Christi, er hat recht, er ist der Antichrist, schon mit einem Ausspruch wie diesem „Es ist immer noch ein metaphysischer Glaube, auf dem unser Glaube an die Wissenschaft ruht - auch wir Erkennenden von heute, wir Gottlosen und Antimetaphysiker, auch wir nehmen unser Feuer noch von dem Brande, den ein Jahrtausende alter Glaube entzündet hat, jener Christenglaube, der auch der Glaube Platos war, dass Gott die Wahrheit ist, dass die Wahrheit göttlich ist."" [=>] Aber „Fort mit dem Menschen" d.h. deutlich und deutsch: hört mit jeder Wirtschaft mit jedem Erzeugen von Werten oder Nachkommen auf - das sagte nur Christus, nicht Zarathustra-Nietzsche. Dass Heutige Christus mit Zarathustra verunreinigen und umgekehrt, Nietzsche zum westöstlichen Sofa machen, hat seinen guten Grund: sie wollen leben und leben lassen, ohne Anhänger, ohne Konsumtionsgelegenheiten gibts keine „Stärke", keine Herrschaft oder Macht. Sie missbrauchen wissentlich Christus und Nietzsche, sie sind schlechte Schauspieler Gottes und schlechte Uebermenschen, denn der eine schliesst den andern aus. Gott oder Uebermensch. Aber kein Kompromiss; [<=] Christus ist der Gegner Zarathustras, wir tragen alle noch diesen Gegensatz irgendwie in uns, unerledigt, unerlebt, und darum ist die Gegenwart noch nicht angebrochen, darum ist der ökumenische Mensch eine „Illusion", oder wenigstens die Vorstellung durch Akzentverlegung zum ökumenischen Menschen gelangen zu können, ist eine furchtbare Illusion - und Illusionisten sollten doch nach Ihren Worten erschossen werden. Es gibt heute viele solche Illusionisten, namentlich bekannt und durch ihre Lehre sind mir ausser Ihnen noch: Francé (Zoesis, Kultur von morgen), Frobenius (Paideuma), Spengler, Pannwitz etc. und mit ihnen die gesamte Wissenschaft, die den Klassenkampf, der auf unserem biocönotischen Vorstellungsgebiet besteht, nicht Wort haben wollen, ohne jemals zu sehen, dass sie alle nur Vertreter einer bürgerlichen „Kultur" sind und wie der Proletarier auch der bürgerlichen Gesellschaft angehören. Freilich tut dies der Proletarier auch - ohne Besitzenden gibt es keinen Enterbten und darum ist der Proletarier als „Ding an sich" als blosser Begriff, auch nur das Kind dieser bürgerlichen Familie - einer männlich überbetonten Familie, in der Kinder, die Besitzlosen, mindergewertet werden. Ich zitiere hier nochmals einige Sätze von 1919. „Die Aneignung (man mag sie auch Nutzniessung nennen) wird eine rein praktische Lebensäusserung sein, die ... aber nicht theoretisch oder gesetzmässig als Recht, sondern immer relativ als Unrecht aufgefasst werden kann. Es ist nutzlos zu erklären, Kant habe ein absolut gültiges Sittengesetz aufgestellt und dieses sei erweisbar richtig ... aber Kants ‚Gesetz und die Verurteilung unserer Zeit wegen der ‚Seuche' des Kommunismus ergeben zusammen noch keine Wahrheit, sondern nur eine Behauptung; die maladie de moi und die Idee des Kommunismus (also der vom Ich beschrittene Kompromissweg) ist aber eine tatsächliche und gesetzmässige Bewusstwerdungsstufe der Aufrollung des Konflikts eigen - fremd, recht - unrecht, gut - böse; Besitz, Vergewaltigung, Mord, Diebstahl sind nur polare Ambivalenzen des Eigenen, des Ich, und dürfen nicht stabil, sondern nur beweglich - frei verstanden werden." Die „unerquickliche" Tatsache des politischen Kommunismus schenkt man sich heute ganz; im „Untergang des Abendlandes" kommt sie nur mit wenig Zeilen zum Ausdruck - und gerade dieser politische Kommunismus ist das stärkste Untergangssymptom. Hier hilft keine Akzentverlegung und keine metaphysischen Uebungen auf westöstlichen Divanen. Hier hilft nicht Goethe, nicht Spengler, nicht Kung-tseu, nicht France, nicht Atlantis, nicht Frobenius, keine Impulse und kein Graf Keyserling und sein Versprechen einer deutschesten Geschichtsperiode als ökumenische Vorstufe. Denn es wird schon praktische Arbeit getan, ob von den russischen autoritären oder den deutschen antiautoritären Kommunisten; das Ziel ist auch für sie: als Ausdruck des Lebens ein Recht zu finden, das weder „Naturrecht" noch „bürgerliches Recht" sein kann, sondern „nach dem Ausgleich der gröbsten Ungerechtigkeiten, nach der Ueberwindung der oekonomischen Schwierigkeiten" erst im höchsten Sinne Recht ist durch die Selbstverantwortung des Ich vor sich selbst. Das darf nicht übersehen und übergangen werden -auch eine ästhetische oder kontrapunktische Betrachtungsweise ist hier unzulänglich. Ich wage es, auf Ihren Vortrag hin zu sagen: Ihre Erkenntnis ist nicht schöpferisch genug, Ihre Schule der Weisheit wird nie schöpferisch genug sein. Es gibt nur „ewige" Wahrheiten, gewiss, und schöpferisch ist nicht die Einstellung zu ihnen - schöpferisch ist nur das in der Mitte-Sein von Ich und Wir, Geist und Welt. Ich sagte dies schon vor Jahren: Nicht nur die Erhaltung des Lebens ist der Sinn des Lebens - die Arbeit des Menschen ist die Ausbreitung des eigenen Erlebens, die volle Willensentfaltung, sein Ich und Du, seine Balance über dem Abgrund des Mordes, der Gewalt und des Besitzes; die Eroberung der eigenen Gesetzmässigkeit, die Auflösung der Kompromissbildungen, die Technik des Wissens um sich selbst - die Revolution gegen die eigene Konvention wird der Krieg aller gegen „Mich"! Und hier ist „Weisheit": Rückkehr. Es gibt aber keine Rückkehr. Der Sinn der Weltrevolution ist der Mensch der Durchdringung von Himmel und Erde, von Freiheit und Gesetz, von Geist und Materie. Dieser Mensch ist der Revolutionär an sich; es gibt keinen anderen: er erfüllt das Da-Sein, die Gegenwart!

Mit dem Ausdruck der
Wertschätzung
Raoul Hausmann.«