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Brief von Raoul Hausmann an Jan Tschichold. Berlin
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleBrief von Raoul Hausmann an Jan Tschichold. Berlin
  • Date09.04.1930
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben, Durchschlag
  • Amount2 Blatt
  • FondsTeilnachlass Raoul Hausmann
  • Inventory NumberBG-RHA 771
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, und Spendenmitteln, 1991
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

»Charlottenburg, 9.4.30 Kaiser-Friedrichstr. 52

Sehr geehrter Herr Tschichold
Entschuldigen Sie, dass ich Sie schon wieder belästige. Ich habe mir gestern das Photo-Auge gekauft und las darin folgendes: [,,]George Grosz schreibt mir: Ja, es ist richtig, Heartfield und ich, wir hatten schon 1915 interessante fotoklebemontageexperimente gemacht. Wir begründeten damals den Grösz-Heartfieldconcern (Südende 1915) das Wort Montör erfand ich für Heartfield, der dauernd in einem alten blauen Anzug auftrat und dessen Tätigkeit in unserer Gemeinschaft am meisten an Montieren erinnerte." Dazu möchte ich bemerken: man könnte wegen der Jahreszahl 1915 an ein Verschreiben von Grosz denken, wenn er nicht tatsächlich 1915 in Südende gewohnt hätte. Aber damals war mein ehemaliger Freund Böff (Grosz) ein junger Mann von 21 Jahren und mit Hanna Höch gemeinsam Schüler der staatlichen (kgl.) Kunstgewerbeschule, Atelier Emil Orlik und verfertigte schizophren und futuristisch angehauchte Sachen. An Klebebilder dachte er in seiner damaligen Gemütsverfassung nicht im geringsten. Erst im Jahre 1918 trat er einmal im Rahmen des grossen Dadaabends in der Secession mit Gedichten auf, um in der Folge unsere Veranstaltungen, die, nach Hülsenbecks Flucht mit der Abendkasse und seiner Tätigkeit als Militärunterarzt in Brandenburg a. H. zunächst von Baader und mir ganz allein fortgeführt wurden, in Gemeinschaft mit Wieland Herzfelde und Heartfield nach Möglichkeit zu stören. Den Titel „Monteur-dada" erfand Grosz erst nach der Aussöhnung der Gruppen Baader-Hausmann mit dem inzwischen wieder aufgetauchten Hülsenbeck einerseits und Grosz-Heartfield und Mehring andrerseits. Damals, im Juli 1919 erhielten wir alle von John Heartfield gesetzte Visitenkarten mit unseren Titeln: Baader, den der Weltbühnen-Jacobsohn zum Oberdada 1918 ernannt hatte, Hülsenbeck, der sich Weltdada nannte, ich, der sich Dadasoph nannte, Heartfield Monteurdada, Grosz erhielt den Titel Marschall und Mehring wurde Pipidada. Das sind die historischen Tatsachen. Was nun die interessanten Klebebilder des Grosz-Heartfield Conzerns anlangt, so waren Dadamerika (Nr. 8 im Photo-Auge) und der Umschlag von Dada 3 die ersten des Conzerns, 1919 im Sommer entstanden, wie auch die auf dem Umschlagbild sichtbare Photographie beweist - denn sie stellt mich dar, aufgenommen Juli 1919. Dadamerika war auch als Nr. 113 auf unserer Dadamesse 1920 ausgestellt, den Katalog füge ich bei, sie ersehen aus ihm, dass die ersten Photomontageplakate ebenfalls von mir herrühren. Ich lege ausserdem noch eine Nr. Dada 2 bei, aus der Sie auch einiges entnehmen können. Jedenfalls bin ich imstande, durch Zeitungsausschnitte der damaligen Zeit meinen Bekundungen noch mehr Nachdruck zu verleihen. Aber es haben sich ja die merkwürdigsten Dinge ereignet: während Hülsenbeck 1920 in „en avant dada" schrieb „mit Hausmann, an den ich mich wegen seiner uneigennützigen Klugheit eng attachierte" - nannte er mich im Jahre 1927 in der Weltbühne den grössten Trottel des Dadaismus. Ich werde Ihnen in den Nächsten Tagen das in meinem Besitz befindliche dadatypographische Material übersenden, bitte Sie aber, mir vorher die Rücksendung per Wertpaket zusagen zu wollen, da alles einzige Exemplare sind, die falls sie verloren gingen, mir jeden Beweis über meine Arbeit, nehmen würden.
Inzwischen mit besten Grüssen«