Results:  1

Brief von Raoul Hausmann an Jan Tschichold. Berlin
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleBrief von Raoul Hausmann an Jan Tschichold. Berlin
  • Date10.05.1930
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben, Durchschlag
  • Amount3 Blatt
  • FondsTeilnachlass Raoul Hausmann
  • Inventory NumberBG-RHA 773
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, und Spendenmitteln, 1991
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Further links
Additional Reproductions

Sehr geehrter Herr Tschichold
zuerst möchte ich Ihnen mitteilen, dass es mir nicht möglich war, den Verbleib der Dadako-Clichées festzustellen. Der berliner Vertreter von Kurt Wolff, Herr Caspary, weiss nicht, wo sie geblieben sind und meint, es wäre am besten, nochmals in München anzufragen. Sollten die Clichées hier sein, so könnte eine Herausgabe allerdings nur auf schriftliche Anweisung des Kurt Wolff Verlages erfolgen. Ich glaube aber, sagen zu können, dass die Clichées Ihnen für Ihre Zwecke nichts nützen werden, sie bestanden hauptsächlich aus Dutzenden von Zeichnungen von Grosz, die der Malik-Verlag durch Heartfield quasi hintenherum für seine Absichten anfertigen liess; Zeichnungen, die mit Dada nichts zu tun hatten. Die wenigen Clichées nach Arp, Picabia, etc. habe ich, wie ich Ihnen schon mitteilte, Ma übergeben. Es ist wahrscheinlich nichts gescheites mehr vorhanden. Gleichzeitig mit diesem Brief übersende ich Ihnen eine Reihe meiner Arbeiten, soweit sie noch in meinem Besitz befindlich sind. Ich möchte hier eine private Mitteilung einschalten, die ich Sie bitte, ganz mit Stillschweigen zu behandeln, leider ist es die einzige Erklärungsmöglichkeit, warum von mir keine zahlreicheren Arbeiten aufzutreiben sind. Ich hatte im Jahre 1915 die Absicht, Frl. H. Höch zu heiraten, da ich aber Céchoslovake bin, so war die Scheidung von meiner damaligen Frau während des Krieges und der ersten Revolutionsjahre nicht möglich. Ich lebte bis zum Januar 1922 mit Frl. Höch zusammen und bei der Trennung verblieben meine sämtlichen Arbeiten bei ihr. Da, wie ich weiss, Frl. Höch der Ansicht ist, alle meine Ideen stammten von ihr, so hat sie sich stets geweigert, meine Arbeiten, auch nur zu Ausstellungszwecken herauszugeben. Dies ist der Grund, warum ich nicht im Besitz zahlreicherer dadaistischer Arbeiten bin. Ich ersuche Sie aber dringend, Frl. Höch nicht einmal meinen Namen zu nennen, noch viel weniger sie um Hergabe meiner Arbeiten zu bitten. Ich hoffe, dass Sie diese Privattragödie ebenso im Interesse Frl. Höchs vergessen werden, wie ich seitdem das Vorhandensein meiner Arbeiten ignoriert habe. Nur darf sich natürlich niemand über das Wenige, was ich zeigen kann, verwundern.
Rein historisch möchte ich noch Folgendes bemerken: die schweizer dada-Veröffentlichungen wurden uns in Berlin erst im Herbst 1918 bekannt. In einem dieser Hefte „Cabaret Voltaire" sind Klebebilder von Arp und van Rees enthalten, die aber rein ästhetischer Art sind. Baader begann im April 18 gleich mit polemischen Klebebildern, da ich mit ihm der Ansicht war, in alle unsere Aeusserungen gehöre das Gesicht der Zeit in Form von Krieg, Zeitung, Technik etc. Auch später bestimmte theoretisch ich den Begriff Dada für Deutschland, wie meine verschiedenen, noch vorhandenen Manifeste dada beweisen. Ich erhielt den offiziellen Titel Dadasoph. Eins meiner letzten Manifeste ist abgedruckt in de Styl 1920, ferner gibt der im Verlag Reiss, Berlin erschienene dada-Almanach noch weitere Aufschlüsse, aus denen hervorgeht, dass ich grade die „Rückkehr zur Gegenständlichkeit in der Kunst" (Aufsatz) propagierte. Wir wollten uns ganz bewusst von den schweizer-pariser dada's unterscheiden, da wir Antiästheten waren. Sie finden unter meinen Arbeiten ferner drei Blatt mit meinen Lautgedichten. Zwei davon hat 1921 Kurt Schwitters in seiner Lautsonate buchstäblich übernommen. Dass dem so ist, biete ich als Beweis an: Postkarte von Schwitters an mich. Wie Sie sehen, habe ich vielfach „anregend" gewirkt. (Wie ich später feststellte, stammt das erste Lautgedicht der Civilisation von Paul Scheerbart, 1903.) Uebrigens führten damals Baader und ich Journal und sind also absolut zuverlässig. Sie finden ferner auf dem Plakat Milchstrasse, unten links, die neue Zeitrechnung, die auch von mir stammt, und die ich heute noch als aktuell vorschlage. Ich bitte Sie ferner noch, beim eventuellen Photographieren der Arbeiten in Clichéeanstalten darauf achten zu wollen, dass nicht alles mit roten und blauen Arbeitsvermerken vollgeschmiert wird, wie dies wenigstens in Berlin üblich ist. und bin mit besten Empfehlungen«