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Brief von Jan Tschichold an Raoul Hausmann. München
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Jan Tschichold (1902 - 1974)

  • TitelBrief von Jan Tschichold an Raoul Hausmann. München
  • Datierung03.04.1930
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben, handgeschrieben, Tinte, Bleistift, Briefkopf
  • Umfang1 Blatt
  • KonvolutTeilnachlass Raoul Hausmann
  • InventarnummerBG-RHA 1029
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, und Spendenmitteln, 1991
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

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sehr geehrter herr hausmann,

ich habe seit einiger zeit die absicht, ihnen zu schreiben, bin aber mangels an zeit bis zur stunde noch nicht dazu gekommen, da erreicht mich heute ihr brief, der mich einigermassen verblüfft hat. ich möchte ihnen in voller ehrlichkeit versichern, dass ich ihren namen nicht absichtlich an den stellen die sie zitieren, weggelassen habe, ich bin mit kurt schwitters wie sie befreundet, und vielleicht nehmen sie veranlassung ihn zu fragen, welche erfahrungen er mit mir gemacht hat. ich möchte glauben, dass sie, anders als ich, opfer oder verhetzung von irgendeiner interessierten seite geworden bin, obwohl mir schleierhaft ist, wer das gewesen sein könnte, bei der chronik der neuen typografie bin ich mit aller gewissenhaftigkeit vorgegangen und habe alle quellen herangezogen, die mir zur verfügung standen, dabei war ich hin und wieder gezwungen, die möglicherweise subjektiv gefärbten berichte dritter zu benützen, dass ich ihren namen bei meinen zitaten weggelassen habe, ist nicht in böser absieht geschehen - ich wollte dort keineswegs ein vollständiges namensverzeichnis geben. ich zitierte dort lediglich die namen, die in der breiteren öffentlichkeit auch später auftraten, soviel mir bekannt wurde, sind sie wohl seit damals nicht mehr öffentlich hervorgetreten.

ich glaube, dass es zu endlosen und unnützen streitigkeiten führt, wenn man sich ernsthaft darüber unterhalten will, wer die fotomontage neu erfand. dass sie heartfield erfunden hat, würde ich heute auch nicht mehr behaupten, das nehmen, sicherlich mit subjektivem recht, mehrere für sich in anspruch, und es ist wohl das vernünftigste, diesen allen den subjektiven glauben zuzubilligen, ich habe von ihren feststellungen mit grossem interesse kenntnis genommen und werde von diesen bei nächster sich bietender gelegenheit gebrauch machen.

die zeitschrift „mecano" habe ich übrigens nicht gesehen, sondern auf grund einer mitteilung von doesburg zitiert. ich wiederhole, dass mir nichts ferner gelegen hat, als sie zu schädigen. und warum hätte ich das eigentlich tun sollen? den allenfallsigen positiven beweis - den angriff - werden sie vergeblich suchen.

um sie weiterhin von meiner absoluten loyalität zu überzeugen, möchte ich ihnen sagen, dass ich* an sie schreiben wollte um sie zu bitten, mir fotos oder leihweise originale ihrer typoarbeiten zu senden, die ich bei nächster gelegenheit literarisch verwenden würde. ich biete ihnen darüber hinaus heute an, zu versuchen, einen artikel über ihre damalige arbeit mit abbildungen zu veröffentliche. sie kennen die Verhältnisse selbst und wissen, dass man so etwas nicht versprechen kann.

ich hatte auch die absieht, zusammen mit meinem freunde dr franz roh hier in münchen einen vortragsabend zu organisieren, auf dem sie zusammen mit arp und schwitters sprechen sollten. teilen sie mir bitte die bedingungen mit, unter denen dies geschehen könnte.

ich hoffe, dass sie nach diesen darlegungen das kriegsbeil begraben und mir vielleicht einige arbeiten von sich schicken.**

ihr sehr ergebener
Jan Tschichold

* auf veranlassung von schwitters

** ich öffne den brief nochmals, da ich soeben die nachricht erhielt, dass eine größere arbeit von mir erscheinen kann, es liegt hier in ihrem eigenen interesse, meiner bitte zu entsprechen.

meine unkenntnis historischer einzelheiten erklärt sich daraus, dass ich auf einem anderen wege zur neuen gestaltung dertypografie gekommen bin als sie.«