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Huelsenbeck verfertigt als Bourgeois-Klassiker seinen eigenen Gipsabguss. [Berlin]
  • © Berlinische Galerie, Berlin / VG Wort, München
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleHuelsenbeck verfertigt als Bourgeois-Klassiker seinen eigenen Gipsabguss. [Berlin]
  • Date[vermutlich Februar 1927]
  • CategoryManuskripte
  • ClassificationTyposkript
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben, Durchschlag
  • Amount1 Blatt
  • FondsTeilnachlass Raoul Hausmann
  • Inventory NumberBG-RHA 1343
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, und Spendenmitteln, 1991
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

»Huelsenbeck verfertigt als Bourgeois-Klassiker seinen eigenen Gipsabguss.
Dichter und Schneider haben einen ähnlichen Beruf. Sie liefern die Jacken, die man nach dem Winde, der Gesinnung heisst, wendet. Nach den Nerven der Zeit ist die Dichtung bald ernst, die Jacke bald leicht. Oder wie das Sprichwort sagt: „Ernst ist das Handwerk, heiter die Kunst". Dichter treffen manchmal, wie die Schneider, den Rhythmus ihrer Zeit und sind dann lange Zeit Mode, wie z.B. das lange Beinkleid, das die Escarpins verdrängte. Nun war Friedrich v. Schiller ein deutscher Dichter. Er lebte, schuf und starb. Nachdem er tot war, goß man ihn in Gips ab und mißverstand seine Schriften. Otto Metzeies war ein Schneider, der auch Jacken machte, die einen kleideten wie den Marquis Posa. Richard Huelsenbeck war ein Dichter, der die Nerven seiner Zeit begriffen hatte, und wunderbare Sansculottes fabrizierte. Richard Metzeles-Huelsenbeck sagte sich: wenn ein Mann gelebt hat, gesoffen hat, Hosen und Jacken machte, dann hat er ein Recht, ein Klassiker zu werden, d.h. in Gips abgegossen zu werden. Und warum nicht gleich bei Lebzeiten? Warum nicht, wo doch Friedrich v. Schiller an meiner Stelle auch Dadaist geworden wäre? Und er schrieb ein Epithaph auf sich selbst, in Parallele mit Schiller, folgendermassen: [=>] Die Brüder Metzeies waren beide Herrenschneider in einem Literaturcafe. Der eine, Richard, hatte sein Geschäft in der Türecke, der andere, Otto, am grossen Spiegel. Einmal kam ein Prinz, sagen wir ein Prinz Publikum, für kurze Zeit in dieses Cafe. Der Prinz brauchte einen Rock und bestellte ihn aufs Geratewohl bei Otto Metzeies. Das erfuhr Richard, wurde wütend, zog sich feierlich an, ging zum Prinzen, wurde angemeldet und vorgelassen. Da machte er einen tiefen Kratzfuß und hielt folgende Rede: „Durchlaucht, mein Name ist Richard Metzeies. Durchlaucht haben einen Rock bei Otto Metzeies bestellt. Ich wollte nur ergebenst mitteilen, der richtige Metzeies bin ich!"[<=]
Nachdem dieses Gipsportrait vorliegt, muss gesagt werden: der richtige Bourgeois-Metzeles ist also der Dadaismus. Er macht Jacken nach dem Zeit-Wind und wird unter der Firma: Huelsenbeck-Hitler noch ein sehr angesehenes Unternehmen werden. Friede seiner Asche!
Raoul Hausmann«