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Die Geburt des Geistes der klassischen Musik aus der Travestie der Dinge und der Form. [Vermutlich Berlin]
  • © Berlinische Galerie, Berlin / VG Wort, München
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitelDie Geburt des Geistes der klassischen Musik aus der Travestie der Dinge und der Form. [Vermutlich Berlin]
  • Datierung[vermutlich April/Mai 1931]
  • GattungManuskripte
  • SystematikTyposkript
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben, Durchschlag
  • Umfang4 Blatt
  • KonvolutTeilnachlass Raoul Hausmann
  • InventarnummerBG-RHA 1434
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, und Spendenmitteln, 1991
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
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»Die Geburt des Geistes der klassischen Musik aus der Travestie der Dinge und der Form.

Jeder Gebildete wird sofort sagen: diese Ueberschrift ist an sich bereits ein Unsinn und birgt eine Quelle der unzähligen Irrtümer in sich. Denn sie tut so, als ob man etwa von der Geburt, also vom Beginn und dann vom Säuglingsalter der Musik in Verbindung mit dem klassischen Geist reden könnte, was wirklich unsinnig wäre, denn diesen Geist hat sich die europäische Musik erst im hohen Greisenalter angeeignet. [=>] Fast wissen wir nicht, woher die Musik denn selbst kommt und was sie in ihren Anfängen, was sie in ihrer Jugend war. Ueber ihren Ursprung, über ihren Elementargeist können wir nur vergleichsweise von der Musik der primitiven Völker belehrt werden, oder noch eindeutiger vielleicht und überzeugender von der Musik der Vogelwelt. Da ist sie nur Mittel zum Zweck, nur elementarer Ausdruck der Triebe, ohne Eintragen von Visuellem, von Gedachtem, von Nachempfundenem. Mittel zu einem Zweck, zu einem Ziel - Paarung. Die Paarung wird aber nicht vom Wollen, sogar auch nicht von Bereitschaft ermöglicht, sondern erst der vollkommene rythmische Gleichschwung, der durch das Singen des Männchens bei den Vögeln, oder durch die rythmischen, für uns unhörbare aber deswegen doch von deutlichen Rythmen durchzuckten Bewegungen der Weibchen bei den Schmetterlingen vorbereitet und erreicht wird, erst diese musikalische körperliche Gleichstimmung ermöglicht bei den Tieren, Vögeln und Insekten den Paarungsakt. Und die Neger? Aehnlich wie die Schmetterlingsweibchen findet bei ihnen die Musik vor allem im Tanz ihren Ausdruck und trägt einen ausgeprägt erotischen, oder noch deutlicher gesagt einen vorcoitalen Charakter. Das war wohl der Ursinn der Musik, das war ihre eigentliche Daseinserklärung. Bis sie vom Ausdrucksmittel des Sexualsinnes zum Ausdrucksmittel an sich wurde. Nun könnte man sich einen Menschen denken, ungebildet im musikalischen Sinn, der keinerlei Gelegenheit besass, Concerte zu hören - nie anderes als in der Jugend Volkslieder. Dieser Mensch wird eines Tages von der Civilisation, die Cino und Radio heisst, überfallen und hört nun unbewusst Wagner, Bizet, Mozart, Gounod und Beethoven, Beethoven in Verbindung mit dem filmischen Geschehen. Er weiss garnicht, was er hört, nimmt das alles nur so unbewusst auf, hundertmal, tausendmal, immer wieder. Und eines Tages sitzt er bei Radiomusik, das Programm sagt ihm: Mozartquintett, Beethovenseptett... Erstmal erkennt er jeden Ton, abgeleiert, verbraucht und wirkungslos. Dann aber wird das Cino wach in ihm, bei dieser musikalischen Phrase erkennt er die „weisse Hölle vom Piz Palü" - der Föhn bläst heran, die letzten Tannen beugen sich im Wind, schwere Wolken umziehen das Gebirgsmassiv. Oder bei einem anderen musikalischen Thema: die Gebirgszacken stehen schon da, man sieht eine Ecke der Bauernhütte, da sitzt einer und raucht ein Pfeifchen. Jetzt geht's heller her, die Mittelgründe der Landschaft beleben sich, die Bauern stampfen Tanz. Dann wird aus der Landschaft die Bergwiese, die Kühe muhen langgezogen, wieder wird es dramatisch - man sieht die Lavine, die Verschütteten, um im nächsten Bild die Neugierigen mit spitzen Tönen herbeieilen zu sehen. Dies musikalische Gesäusle eben war: Grossaufnahme des weiblichen Stars - so geht's weiter, bis zuletzt die Ziegen eilfertig den Berghang nachhause hoppeln - oder, in Ideenassociation dazu, eine Schaar Wanzen schnell die Wand hinaufläuft - Beethoven lebte in Wien im Schwarzspanierhaus, und sowas wird mal vorgekommen sein. Bestenfalls kommt einem bei Mozart die Association: ein Schäfermädchen weidete die vielen weissen Schafefe, und man erinnert sich an Cagliostro oder Casanova. Aus diesen Eindrücken, die der Film entlarvt, geht hervor, dass die Behauptung, Musik sei gefrorne Architektur, noch übertroffen wird durch das Wesen des literarischen Films: die klassischen Compositeure haben nichts Elementares geschaffen, sie setzten nur die Landschaft und das Bukolische in Töne um. Da drückt unser Ungebildeter auf den Knopf, er schaltet um, er will Tanzmusik. Hier ist auf einmal jeder Ton eindeutig, keine Landschaft der Seele, sondern ein Mechanismus der Beine. Ausgenommen den miesesten Kitsch Wien's, Berlin's, hat die Jazzmusik den eindeutigsten physiologischen Sinn und Inhalt: die grosse, die klassische Musik ist Untermalung der Literatur und grade gut genug für massiges Kino. Diese Musik ist grade noch für einen Schnellzeichner im Variete gut genug: er hat sich ein Potpourri aus klassischer Musik bestellt und illustriert die einzelnen musikalischen Themen auf einem halben Dutzend Kartons gleichzeitig, so, wie's in der Musik unlogisch durcheinandergeht: Wald, Wiese, Zickelzackelgebirge mit Sturmesbraus, die Rasenbank am Elterngrab, den flatternden Falter auf Blümelein und die bimmelnde, blökende Muhkuh. [<=] Ist denn wirklich der handnachgemachten alten Musik mehr Wert beizumessen als der handnachgemachten Copie nach Botticelli, Dürer oder Rembrandt? Sind nicht gute Grammophonplatten, von anständigen Künstlern bespielt, besser, so, wie die farbige Reproduktion, der Piperdruck besser ist als die „echte" Oelmalereicopie? Die Malerei vergangner Zeiten ist uns durch die farbige Postkarte zum Halse herausgewachsen - tut das Kino das nicht (Gottseidank) mit Haydn, Mozart, Beethoven, Wagner auch? Durch die Postkarte hat jeder Mensch „modern" oder wenigstens halbwegs modern sehen gelernt: haben wir noch immer keine modernen Ohren? Ja, doch, der Durchschnittsmensch hat sie, nur der Gebildete nicht. Jazz ist, in Ermangelung eines besseren, die Musik unserer Tage; die neuen Schlager kennt jeder Mensch - nur die Gebildeten nicht. Die verdammte Ueberschätzung der handgemachten Musik verhindert die Entstehung eines modernen musikalischen Bewusstseins über die Dutzendware hinaus. (Die Dreigroschenoper war der einzige Vorstoss in Europa zur Zeitgemässheit in der Musik). Aber trösten wir uns: der Tonfilm wird dafür sorgen, dass die altbackene Musik ebenso Museumsangelegenheit werden wird, wie das altbackene Bild. Und damit macht die Technik zum Glück den vielen vielen unnötigen reproduzierenden „Künstlern", den verfluchten Musikästheten den Garaus: Tonfilme klassische Musikstreifen zu hause. Schmalfilm ohne Bilder, nur Tonaufnahmen, gekoppelt mit dem Lautsprecher, ohne jede störende Person, das wird ein Genuss für Stubenhocker sein.
Aber bewege deine Hände und deinen Geist für das Neue, das Elementare. Was aber ist elementar in der Musik? Die Musiker travestieren verdrängend den Geist der Dinge; die musikalische Ausdrucksform ist obendrein heute eine Belastung unseres Zeitbewusstseins mit Historie: das sind keine Schöpfer, keine Finder von Neuem, sie entwickeln nicht sich, nicht unser Gehör - sie schmecken schlecht wie altbackene Semmel. Wir haben die musikalische Aldegreverlandschaft satt, wo bleibt der musikalische Ausdruck unserer Natur? Natur ist weder Wiese noch Stadt, weder Baum noch Dach: Natur ist im Falle der Musik eine Art Physiologie der Tonempfindung.«