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Männerkleidung. [Berlin]
  • © Berlinische Galerie, Berlin / VG Wort, München
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitelMännerkleidung. [Berlin]
  • Datierung[vermutlich Ende Oktober/Anfang November 1930]
  • GattungManuskripte
  • SystematikTyposkript
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben, Durchschlag
  • Umfang3 Blatt
  • KonvolutTeilnachlass Raoul Hausmann
  • InventarnummerBG-RHA 1463
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, und Spendenmitteln, 1991
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

»Raoul Hausmann Berlin-Charlottenburg Kaiser Friedrichstr. 52

Männerkleidung

Unterzieht man die heutige Männerkleidung einer kritischen Betrachtung, so wird man gezwungen sein, sich mit ihren sociologischen und ästhetischen Anlässen mehr oder weniger eingehend zu befassen. Die sociologischen Anlässe sind in der Stadt andrer Natur, als auf dem Lande. Die Stadt stellt in der begüterten Klasse den Typus des Modemenschen und neben ihm die breite Masse der Bürger, Arbeiter und besonders Beruftätige, wie etwa Telegraphenarbeiter, Schoffeure, Eisenbahner usw., deren Kleidungsbedürfnisse eine bestimmte Beziehung zu Spezialarbeiten aufweisen. Die Mode dient einer begüterten Minderheit. Die grosse Masse wird von der Abwandlung der jeweiligen Mode für die Zwecke der konfektionellen Herstellung, Vereinfachung und Verbilligung Gebrauch machen. - Die Erörterung snobistischer Fragen, wie etwa des Kleiderkodex der englischen Gesellschaft, oder der Modeströmungen in Stoffarten, Farben, weiten oder engen, langen oder kurzen Hosen, Jaketts mit Seitenschlitz oder Rückenfalten und Gürtel, wird uns nur so weit interessieren, als sie zur Erörterung des physiologisch und gesundheitlich überhaupt Wünschenswerten aufschlussgebend beitragen können. Denn ein Anzug sollte, wie einmal eine englische Schneiderfirma inserierte, so wie ein Haus nach allergründlichsten Ueberlegungen nach einem guten Grundriss, also in unserem Falle einem den Bewegungsvorgängen spielraumgebenden Schnitt gebaut werden: ist die Grundlage gut, so ist das Haus, hier der Anzug gut. Und so werden wir uns mit dem Schnitt des Hemdes, des Kragens ebenso zu beschäftigen versuchen, wie mit der Konstruktion der Schuhe, jener unglücklichen Fussfuterale, die das Gehen zur Qual machen, weil sie, falschen Modeidealen folgend, bald spitz, bald an falschen Stellen breit, den Fuss vollkommen verderben. Voraussetzen können wir, dass maschinell ebenso leicht gute oder schlechte Formen von Schuhen erzeugt werden können: was ist also der Grund der falsch konstruierten Schuhe? Erinnern wir uns daran, dass es kaum einen Menschen mit unverbildeten Füssen gibt und dass die Aerzte den Platt- oder Senkfuss als eine der grossen Krankheitsursachen unseres nervösen Menschentyps bezeichnen - warum sind dann die Schuhe so falsch? Der Grund kann nur in der Anwendung falscher modischer Begriffe liegen. Schuhe werden heute noch nach einer Vorstellung von Schönheit angefertigt, die mit der Natur nichts, alles aber mit einer veralteten Aesthetik zu tun hat. Selbst die sogenannten breiten amerikanischen Schuhformen sind über einen ausgedachten Leisten gebaut - ein Leisten, der keinem Menschenfuss entspricht. Und was vom Schuster gilt, gilt auch vom Schneider. Versuche, eine bequemere und unkonventionellere Kleidung durchzusetzen, begannen im heissen Sommer 1929. Zu den elegantesten Rennen Englands, Ascot Memorial, erschienen Männer der Gesellschaft mit - kurzen weissen Leinenhosen, kniefrei, farbigen langen Strümpfen und Hemden mit kurzen Aermeln. Die praktische Folge in England und Amerika war die Aufnahme des sogenannten Polohemdes für den täglichen Gebrauch auf den Sportplätzen und auf dem Lande. Das Polohemd - es besitzt nur halbe Aermel und sein Kragen wird meist offen, in der Art unseres Schillerkragens getragen - in Verbindung mit weissen, kniefreien Hosen eroberte sogar die geheiligten Tennisplätze. Manche dieser Hemden weisen am unteren Rande einen durchknöpfbaren Mittelsteg auf, so dass sie als Hemdhosenkombination getragen werden können. Doch die Forderungen nach Reform und Erleichterung gingen weiter. Unter Führung eines englischen Arztes, Dr. Jordan, wurden hygienische Anzüge entworfen und Ligen zur Reform der Männerkleidung in England und Amerika gegründet. Im Maiheft 1929 der Schneiderfachzeitschrift mens wear äussert sich Dr. Jordan folgendermassen: „Anzüge sollten sein: 1) so einfach als möglich, 2) lose auf der Person getragen, 3) am Hals und den Beinen offen, um Ventilation und Hautatmung zu erlauben und den Sonnenstrahlen direkten Zutritt zu gewähren, 4) luftig in der Textur, 5) heiter und ansprechend im Aussehen, 6) leicht anzuziehen und zu öffnen, 7) den heutigen Umständen angepasst, 8) nicht kostspielig und 9) leicht zu reinigen und ungeeignet zur Ablagerung von Staub und Schmutz." Fraglos ist der eingeschlagene Weg eine Entwicklung zur Sachlichkeit. Viele, unter anderen vor allem ökonomische, Gründe sprechen für die Aufhebung der bisherigen Kleiderordnung mit ihrem unzeitgemässen Luxus. Vielleicht aber zwingt uns zu dieser Sachlichkeit eine nahe Zukunft. Diese Zukunft wird uns praktische, nicht die Bewegung hindernde, einfache Tageskleidung, die zugleich Arbeitskleidung sein kann, bringen. Daneben spezielle Berufskleidungen, wie sie etwa bei autogenem Schweissen oder beim Fliegen uner¬lässlich sind. Dass es keine repräsentative, unzweckmässige Feierkleidung dann mehr geben wird, - das wäre zu erhoffen, weil in dieser Zukunft Repräsentation und Feierlichkeit keine Haupt- und Staatsaktionen, keine geschäftliche Selbstreklame des Einzelnen mehr notwendig sein dürften.«