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Der Präsident des Erdballs an Ernst Dryander. [Berlin]
  • © Berlinische Galerie, Berlin / VG Wort, München
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Johannes Baader (1875 - 1955)

  • TitelDer Präsident des Erdballs an Ernst Dryander. [Berlin]Mit: Johannes Baader und Raoul Hausmann: [Dada ist der Mittelpunkt der Welt]
  • Datierung27.02.1919
  • GattungManuskripte
  • SystematikTyposkript
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben, Durchschlag
  • Umfang1 Blatt
  • KonvolutTeilnachlass Raoul Hausmann
  • InventarnummerBG-RHA 1775
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, und Spendenmitteln, 1991
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung

»DER PRÄSIDENT DES ERDBALLS an Ernst Dryander. [2] (270219.900a)

Dies aber wird die neue Theologie sein, Herr Ernst Dryander, früher Oberhofprediger des Deutschen Kaisers, und jetzt Gegenspieler für den Präsidenten des Erdballs: dass es keinen strafenden, rächenden Kindergott mehr in der Welt gibt, sondern nur noch die Dichtung des Himmels, die sichtbar wird in der unübersehbaren Zahl der Wunder, inmitten deren wir leben und atmen als leibhaftige Menschen. Wollen Sie mir aber als mein Gegenspieler den Platz, den ich als Präsident des Erdballs halte, streitig machen, so müssen Sie mir schon jemand entgegenstellen, in dem alle Wunder der Welt mindestens ebenso lebendig wie in mir sind, und der ausserdem ebenso frei ist in der Bewegung des Geistes, wie ich, der ich spiele auf allen Registern des Lebens, und Narrheit und Weisheit gleich meistere, unerkannt gehend auf allen Strassen, oder leitend als Lenker die Geschicke von fünfzehnhundert Millionen, die sich zu unterwerfen berufen sind alle Geheimnisse des Erdballs.
Ich bin der Narr der Republik Welt und ihr Präsident gleichzeitig. Hofnarren und Fürsten sind gestrichen aus dem Personenverzeichnis. Die übriggebliebenen Menschen aber werden mit mir und ich werde mit ihnen über die Bühne des Himmels tanzen, die erlöst ist vom tötlichen Ernst einer Würde, die allein verantwortlich ist für den Jammer, unter dem die Welt stöhnte. Sinn für die Kurzweil der Ewigkeit wird die Not enden. Alles Andere kommt dann von selber. Noch ist die Wahl frei zwischen Tragödie und Komödie. Wenn Sie ein wahrer und wahrhaftiger „ Geistlicher" sind, mein lieber Dryander, dann schliessen Sie das Tor der Tragödie zu, und öffnen Sie aller Welt von Hindostán bis San Franzisko, und vom Nordpol bis an den Südpol die Tür zum Lustspiel des Himmels.
Wenn Sie aber störrisch und ungeistlich bleiben, so werde ich auch dies selbst machen.
DER PRÄSIDENT DES ERDBALLS UND WELTALLS.
Baader«

[1] Am 6. Februar 1919 war Baader während eines Dada-Treffens im Kaisersaal des Ballhauses Rheingold als »Präsident des Erd- und Weltballs« ausgerufen worden.
[2 ]Der evangelische Theologe Ernst von Dryander (1843 Halle - 1922 Berlin), seit 1882 Pfarrer in Berlin und seit 1898 Oberhof- und Domprediger, war für Baader der schimpfliche Repräsentant der Institution Kirche, die den Krieg unterstützt hatte. Baaders Störaktion am 17. November 1918 im Berliner Dom während des von Dryander zelebrierten sonntäglichen Gottesdienstes war eine seiner spektakulärsten Aktionen. Seine Ansprache des Inhalts, daß »die Worte des Heilands [...] der ganzen sogenannten Christenheit „Wurst" sind, darum ist dieser furchtbare Krieg gekommen«, wurde von empörten Kirchgängern unterbunden. Baader wurde verhaftet und angeklagt, aber wegen »krankhafter Störung der Geistestätigkeit« freigesprochen (vgl. HHE 1, S. 335; 10.112, S. 456, und Der Oberdada im Dom, in: B.Z. am Mittag, 42. Jg., 18. 11. 1918, Nr. 270, S. 2). - LR.: Ernst von Dryander, Erinnerungen aus meinem Leben, Bielefeld/Leipzig: Velhagen und Klasing 1922, 4. erw. Aufl. 1926; Bernd Andresen, Ernst von Dryander. Eine biographische Studie, Berlin/New York: Walter de Gruyter 1995. In beiden Büchern wird der Vorfall nicht erwähnt.


Auf derselben Seite:
Johannes Baader und Raoul Hausmann: [Dada ist der Mittelpunkt der Welt]
[Berlin, 27.2.1919]


»DADA ist der Mittelpunkt der Welt, der jedem Feind Schach setzt. Wer DADA hat, hat Alles.

Der CLUB DADA wird binnen kurzem das Haus in Berlin aufmachen, in dem alle Menschen, denen die Feierlichkeit gegen den Strich geht, ihr Heim finden als unverlogene Menschen. Mit dem Haus wird verbunden sein ein Dadaistisches Theater, ein Cabaret, Tanzsäle, Erfrischungsräume für jedes Bedürfnis; eine Galerie DADA, ein Verlag, ein Buchladen, und die Zentrale für wahrhafte Weltpolitik auf Erden, die nur dadaistisch sein kann. Denn was jetzt auf der Erde geschieht, ist nur PSEUDO-DADAISMUS.

HAUSMANN BAADER.«