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Brief von Raoul Hausmann an Grete Höch
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitelBrief von Raoul Hausmann an Grete Höch
  • Datierung23.1.1917
  • GattungBrief
  • SystematikKorrespondenz
  • MaterialPapier, handgeschrieben mit Tinte
  • Masse21 x 16,3 cm (Blattmaß)
  • Umfang4 Blatt (8 Seiten)
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-Ar 14/98,2
  • CreditlineSchenkung aus Privatbesitz, 1998
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

"23. Januar 1917
Liebe, ich bin froh, dass ich Dir schreiben darf Du wirst mir auch sicher helfen können, wenn es mit Hannah und mir so schlimm werden sollte, dass ich gar nicht mehr weiter weiss. Aber da will ich Dir alles sagen. - Ich w̲e̲i̲s̲s̲ nicht, wie ich sie erlösen soll. Meinst Du dies, dass sie mir sich geschenkt hätte? - Wir gehören uns, lange schon. Und, - wir hätten voriges Jahr ein Kind haben sollen. - Sie hat furchtbar ausgehalten, um es nicht zu haben. Wie hat sich mich damals gehasst! Und dochtsagte sie mir einmal: sie hätte sieh immer ein Kind gewünscht, aber sie hätte nie zu hoffen geglaubt, den zu finden, der sie hätte besitzen können, dürfen. Wenn sie einen gewusst hätte, bevor es ganz zu spät gewesen wäre, hätte sie ihn um eine einzige Stunde gebeten, um i̲h̲r̲ Kind zu haben - verstehst Du dann dies - Andere? Ich glaube, das war nicht gut, dass ich ihr dabei half Das war im Mai 1916.
Du schreibst: vielleicht kommt einmalüberraschend eine Stunde, die all das hinwegnimmt als wäre es nie gewesen. Das hat mir vergangenen Sonntag und Montag geholfen und da war‘s auch so; sie sah etwas, was sie lange nicht sehen konnte und sie hat sich wirklich überwunden. Aber heute war sie wieder so fruchtbar - so entsetzlich, dass ich glaube, es geht wirklich bald nicht mehr. Sieh, ich habe noch Beziehungen zu der Frau, von der meine Tochter ist. Das weiss Hannah, Diese Frau hat auch sehr viel gelitten. Sie ist unschuldig daran, dass ich eine Andre suchte und fand. Und ich wollte ihr helfen und will ihr helfen solange ich kann, d.h. bis Hannah einmal bei mir b̲l̲e̲i̲b̲t̲. (Versuche mich zu verstehen.) Aber nun hatte ich Besuch von einem jungen Dresdener Maler, der kennt diese Frau von früher. Ich habe nun Hannah von ihm erzählt, und musste ihr sagen, dass er mit ihr zu tun hatte wegen Essen und schlafen usw. (Erzähle ich ungenau, dann merkt sie‘s und sagt mir, ich lüge!) Sie Hannah wurde sehr traurig, ich wollte ihr helfen, sie trösten, nach 2 Stunden sagte sie mir: darüber käme sie nicht hinweg, jeden Tag dreimal stiesse sie sich das Herz daran blutig, sie könne nicht mehr, sie habe keine Kraft - und als ich ihr sagte: weisst Du nicht, wie ich Dein bin, denkst Du nicht an vorgestern und dass Du Mut haben wolltest zu mir - da sagte sie nein, und alle guten Vorsätze waren nutzlos - es wurde furchtbar. Ich hielt noch eine Weile aus. Aber dann war ich noch mutloser als sie. Und über das weitere will ich heute schweigen, denn ich bin noch zu befangen. Aber das will ich noch sagen: ̶i̶̶c̶̶h̶̶ ̶̶h̶̶a̶̶b̶̶e̶̶ ̶̶h̶̶a̶̶n̶̶n̶̶a̶̶h̶̶ ̶̶e̶̶i̶̶n̶ ich kann das nur mit Worten Momberts ausdrücken, Hannah versteht jedes davon,
s̲i̲e̲ ist die Chaos-Blüte,
Ich will tanzen mit der Chaos-Blüte
vorbei an der Mutter voller irdischer Liebe, vorbei an der Himmel-Geigerin, und sie lächelt und sie geigt zum Tanz,
- - - Meine Stirne neigt sich unter dem Kranze / und ich schwebe mit der Chaos-Blüte - -
das ist nur der ungefähre Sinn, Ich erinnerte sie auch daran.
Sonntag sagte Hannah unter Tränen, ich darf ja noch nicht Mutter sein, und bin dir noch nicht mütterlich - aber das hat sie wieder vergessen. -
An Hannah‘s Wand steht von mir
Wache Tränen
in Nächten.
Qual zertrennt mich
in Feuern.
Geneigt
einem Herz
zu lauschen
unverletzt.
Stimme spricht
Innern:
Unlösbares Band
Zerbrechend
Vereinen. 15. März 1916
Aber das Dunkle in mir, das aus Angst und Zittern um sie aus mir manchmal Gewalt wird - das fürchtet sie. Ich habe ihr Montag einmal zu zeigen versucht, woraus das entsteht. Und sie wollte mich verstehen, Sie aber sieht heute wieder nur Gewalt, wo ich versinke. - Verstehst Du mich? ich will ein andermal Dir klarer zeigen, welche die Grundbeziehungen zwischen Mann und Weib sind. Heute will ich Dir nur noch sagen, dass ich Hannah das schon gezeigt habe, was Du mir schreibst, : das Misstrauen, das im Grunde gar nicht da ist, ist nur eine Waffe mit der sie sich selbst zu täuschen sucht. Ich will Dir zum Dank für Deine Liebe in einem nächsten Brief alles was ich überhaupt über Menschliches aussagen kann, mitteilen - vielleicht hilft es Dir mal, Dich vor diesen Abgründen zu beahren. wenden.
Ich will
mein Loos
den Mord begehen
des Gemordet-werden
mit stummen Lippen
blütenstrahlendkelchhinab (blütenstrahlendkelchhinab)
erpflanzen gehn
ersehn
des Vaters Adam
Muttergottesgrenzenbild
aus Liebeshass gestillt
aus Vogellüftengrund
und nichts zu finde
war mein Sinn
von Ursprungschweigen an
da ich
und sie
Ihr all
geboren bin.

Ich danke Dir.
R."