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Brief von Raoul Hausmann an Grete Höch
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleBrief von Raoul Hausmann an Grete Höch
  • Date6.4.1917
  • CategoryBrief
  • ClassificationKorrespondenz
  • MaterialPapier, handgeschrieben mit Tinte
  • Dimensions19 x 14,5 cm (Blattmaß)
  • Amount2 Doppelblätter (8 Seiten)
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-Ar 14/98,8
  • CreditlineSchenkung aus Privatbesitz, 1998
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

"Den 6. April 1917
Liebe, ich schreibe Dir in einem schlimmen Zustand. Nach einiger Zeit des schönsten Einverständnisses passierte das, was ich Dir so kurz wie möglich schildern will. - Am Dienstag Abend waren wir in Liebe und Fröhlichkeit auseinandergegangen, Mittwoch sollte ich Hannah um 3/4 7 von der Schule abholen, um mit ihr in einen Sturmabend zu gehen. Mittwoch Vormittag traf ich Frau Heckel, die Frau eines mir seit 5 Jahren bekannten Malers, mit dem ich sehr viel zusammen war. Ich mag die Frau nicht, Hannah kann die Frau nicht sehen. Nun sagte Frau Heckel zu mir: Heute Abend bin ich mit Mellinger im Sturm, Walden liest, kommen sie auch? - Darauf sagte ich, ich wüsste noch nicht. Nun hatte ich mich den ganzen Tag geärgert, dass ausgerechnet diese Frau auch bei Walden sein würde - vor 14 Tagen trafen wir sie zufällig in einem andern Vortrag, und Hannah behauptete damals, ich wäre ja scheinbar sehr intim mit Frau Heckel - ich holte also Hannah ab, sie war lieb und gut und nach einer Weile, auf der Strasse, sagte ich ihr: leider kommt Frau Heckel, so und so. Darauf wurde sie sofort böse und sagte: Warum schickst Du sie zu Walden wenn ich gehen will, Du weisst doch, ich kann sie nicht leiden; - ich setzte ihr nun, allerdings etwas ärgerlich auseinander, dass ich sie nicht geschickt hätte, sondern dass Mellinger schon lange Walden hören wollte, nur hätte es sich nie mit seinem Urlaub so gemacht - sie dürfte nicht so ungerecht sein und mich beschuldigen, sie sollte lieber einsehen, das wäre Unsinn und sie sollte sagen, es täte ihr leid und dann wärs gut - dass sie nicht erfreut wäre, verstände ich. Sie aber tat folgendes: sie fragte böse: woher weiss sie denn, dass Du hingehst? Das musst Du ihr doch gesagt haben! - Über dies Misstrauen wurde ich wütend. Ich schimpfte und sie wollte fortlaufen. (Fortlaufen will sie sofort, sie schreit auch einfach um Hilfe!) Nach einiger Zeit, nachdem ich sie ausgeschimpft hatte, gab sie aber nach und sagte: sei gut. - Wir gingen dann zusammen zu Walden - und Frau Heckel war n̲i̲c̲h̲t̲ da. Dafür Maria Uhden und Georg Schrimpf, den ich kenne. Die Beiden wollen heiraten. Und das gab dann neuen Anlass. Aber Hannah war dann wieder gut, nur war ich sehr müde und kaputt. Wir gingen noch in ein kleines Cafe, sie streichelte meine Hand und sagte: sei lieb, sieh mich freundlich an, vergiss das! - ich wollte augenblicklich ihr entgegenkommen - aber da wars mit ihr vorbei - kurz, es endete sehr niedergedrückt. - Den nächsten Abend, Donnerstag, war sie kalt, unfreundlich - auf meine Fragen aber sagte sie plötzlich: das muss ein Ende haben - sie wolle nicht mehr. Sie hätte genug von mir. - Ich erschrak sehr. Beherrschte mich aber den ganzen Abend. Sie sage mir dann noch viele viele schlimme und böse Dinge - ich müsste sehr an meinem Kinde hängen, sie hätte sich totgequält, die ganzen 2 Jahre, zu mir zu gelangen aber es wäre nicht gegangen - sie ertrüge es nicht mehr, mich noch mit dieser andern Frau zu wissen - ich führte ein Doppelleben - es war aber nicht so einfach, sie war dabei noch verletzend und boshaft. Ich sagte ihr darauf: das mit der Frau hat sofort ein Ende - wenn S̲i̲e̲ mir bliebe - dass ich ebenso wie sie unter der täglichen Trennung litte, wüsste sie am genauesten - wenn ich nicht mehr mit ihr über diese Dinge gesprochen hatte, wäre es geschehen, weil ich sie schonen wollte, weil ich wüsste, sie könne es nicht ertragen - sie sei aber böse, hätte mich und sich 2 Jahre zu Tode gequält, statt Vertrauen zu uns zu haben - wenn Sie den Weg nicht zu mir gefunden hätte, so sei daran Ihre Unfähigkeit Schuld, nämlich ihr Misstrauen, der ewige Abscheu mir vor, der Unglaube - kurz, dass sie im innersten Herzen an mir zweifle - und ich lehnte jede weitere Antwort ab, ich wollte so ein Gespräch nicht weiterführen und schwieg. - Das hatte eine Stunde gedauert. Ich hätte heulen mögen, heulen über diese Blindheit, diesen Unglauben und Hass! Aber ich nahm mich zusammen. - Hannah stand am Fenster und schwieg. Um 1/2 10 Uhr stand ich auf, zog mich langsam an und bat sie, mich aus dem Haus zu lassen. Sie ging sofort darauf ein. Diese Bereitwilligkeit tat mir so weh, dass ich mich dazu entschloss, sie noch einmal zum Sehen zu zwingen. Und ich sagte ihr (und sprach dabei möglichst leise) dass mein grösster Feind nicht weniger an mich glauben könnte, als sie, dass sie in diesen 2 Jahren so gut wie nichts an sich getan hätte, dass sie an den neuen Menschen in mir nicht glaubte weil sie einen kleinen Dreckbürge haben wolle, dass sie sich belüge, fort und fort, um mir böse sein zu können, weil sie schon lange einen Grund suche, mich wegzuwerfen, dass sie mich betrogen hätte, wenn sie mir so kalt und entschlossen sagen könne: ich will nicht mehr - wenn sie sage, sie würde sterben, wenn sie sich von mir getrennt hätte (sagte sie im Anfang zu mir) dann sei das gelogen - Theater vor sich selbst, denn wenn sie mich im tiefsten Grunde liebte, würde sie auf alle schönen “Ideen“ verzichten und mich lieb haben, sei es so oder so - ich weiss nicht mehr genau, was ich sagte. Zuletzt sagte ich: Schäme Dich, dass Du da stehst und mich ruhig anhörst und das als Beleidigungen empfindest - und bei Dir den Einwand hegst: ich kann nicht mehr zu ihm kommen, - denn ich habe Dir gesagt und sage Dir wieder, sieh einmal ein, dass Du böse und schlecht warst, versuche es zu überwinden und es ist g̲e̲w̲e̲s̲e̲n̲, vorbei, damit dass Du kommst. Da sagte sie dann leise 2 mal: ich liebe Dich. Und fing an furchtbar zu weinen. Und da nahm ich sie und versuchte sie zu trösten und sagte ihr: gut sein, gut sein - aber dann musste ich gehen, denn es war 10 Uhr vorbei. - Oh, ich hatte ihr auch gesagt gehabt, dass ich sie sehr liebte -
Nun, heute, Freitag Nachmittag, war ich doch sehr müde. Und ich kam zu ihr und sie war unfreundlich. (Ich kenne ihr Gesicht so genau, es war böse.) Und da sagte ich zu ihr: weisst Du, ich kann verstehen, dass Du nicht so leicht über das Gestrige fortkommst - kannst Du nicht lieb zu mir sein, dann lass mich jetzt gehen - ich bin auch müde. Sie antwortete nicht. Kurz, nach einer Weil sagte sie: ich weiss nach dem, was Du mir gestern gesagt hast, nicht mehr, wie ich weiterleben soll. Da wurde ich erregt, sagte: da brauche sie mir nur zu zeigen, dass sie mich lieb haben wolle - sie wolle sich aber rächen, und suche auch jetzt einen Grund, mir die Schuld zuzuschieben um mich los zu werden - sie fing an, wie schon öfter, Abscheu und Angst zu zeigen, stellte einen Stuhl zwischen mich und sich, ich stiess sie vor die Brust, sie schrie Hilfe, stürzte zum Schreibtisch - nahm einen Revolver, glaube ich (Patronen hat sie,) ich wollte ihn ihr fortnehmen, gelang mir nicht, da stellte ich mich hin und schrie: schiesse, Feigling, ich habe keine Angst - und da kam die Wirtin, und warf mich hinaus. Ich ging ganz ruhig - bat nur leise Hannah, sie sagte: ich komme nie mehr -
Was nun? Rate mir. - Wenn Hannah nach hause fährt, wie sie gestern wollte, dann teile mir das sofort mit. Spreche n̲i̲c̲h̲t̲ mit ihr, oder schreibe ihr n̲i̲c̲h̲t̲, ich bitte Dich!, b̲i̲s̲ i̲c̲h̲ D̲i̲c̲h̲ d̲a̲r̲u̲m̲ b̲i̲t̲t̲e̲. R."