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Brief von Raoul Hausmann an Grete Höch
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleBrief von Raoul Hausmann an Grete Höch[auf Seite 6 Bleistiftsskizze "Rote Fahne"]
  • Date[vermutlich 1917]
  • CategoryBrief
  • ClassificationKorrespondenz
  • MaterialPapier, handgeschrieben mit Tinte
  • Dimensions21 x 16,5 cm (Blattmaß)
  • Amount3 Blatt (5 Seiten)
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-Ar 14/98,11
  • CreditlineSchenkung aus Privatbesitz, 1998
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

"Ich habe Dir mehrfach geschrieben. Du hast in Zustände Einblicke bekommen, die einen Teil meines Ich ausmachen, Du hast damit selbstverständlich nicht mich gesehen, sondern mein Ich in Phasen des Konflikts mit mir selbst - veranlasst durch Deine Schwester. Aber ich hätte wohl gedacht, von Dir mal etwas zu hören. Statt dessen Stillschweigen. Nun, und dann las ich vor mehreren Wochen Gedichte von Dir. Und darin finde ich diese selbe Schwäche, die Deine Schwester auszeichnet: Flucht scheinbar vor dem Leben, aber im Grunde Flucht vor Dir selbst. Deine Gedichte sind anders, als Du irgendwo im Grunde wahrscheinlich bist - eine Romantik des Geflihls, die - verzeihe - aus unordentlichem Denken kommt. Ich meine jetzt nicht die Logik. Sondern ich meine nur das Denken, das jeden Menschen sich fragen lässt:
Was bin ich, wer bin Ich! Jeder Mensch will Ich sein, Selbst sein, unconventionell sein. Du und Deine Schwester - ihr fragt euch nicht gründlich. Bei Deiner Schwester hat diese Romantik eine Form angenommen, die despotisch verlangt, vom andern, dass alle Massstäbe und Wertungen des andern sich ihren Massstäben unterordnen sollen - und jedes bischen, jede kleine Abweichung steigert ihre Hemmungen bis zur Katastrophe, die zu verhüten ich unfähig bin, weil ich selbst auch existiere. Leben zu mehr als einer Person geht nur dann an, wenn jeder nach seiner Überzeugung handelt und ist - unbeschadet dessen, dass der andre ANDERS ist - das elendeste ist eine primitive Vorstellung von Harmonie - statt der wirklichen Differenz. Aber nur ein Schwächling flirchtet diese Differenz, diesen Widerspruch; es gibt Punkte der Übereinstimmung genug. Na, ihr deutschen Mädchen seid mal noch langweiliger, unselbster, als andre. Nur weg mit der Poesie. Entweder Bewusstheit oder Spiel - aber nicht diese Romantik, nicht diese hohen Ideen, dazu hat heute noch ein Mensch Zeit?! Aber das ist das Verdammte, dass die Leute sich noch die Zeit nehmen, unklare Vorstellungen aus der Familie und aus den bürgerlichen Moral- und Rechtsbegriffen mit sich herumzuschleppen - Gespenster ihrer Vorväter zu sein, nichts zu wissen, ahnungslos WAS sie da treiben, was für Allgemeinheiten und Conventionen sie da flur ihr eigenes wirkliches Sein und Leben halten - es ist zum dreinschlagen. Und sagt man etwas, dann wird man protesthaft-überlegen abgetan, oder als Lügner gebrandmarkt. Und platzen auch die Konflikte nur so aus jeder Sekunde und jedem Wort (aber weil IHR nicht seht) - dann ist der andre der Schurke. Aber in der Tatsächlichkeit resultiert alles aus den stereotypen Begriffen, die ihr anzuwenden gewohnt seid, und auf denen ihr euch einen individuell scheinenden Überbau geleistet habt - so dass ihr euch nun für Gut, Wahr, Recht haltet - und garkeiner Handlung, keinem Wort mehr auf den Grund geht. Gedankenlos, gedankenlos! Wenn einmal euer so fragmentarisches Ich an ein Du gerät, das conventionsios sein möchte, dann kommt ihr mit eurer Harmonie, mit dem “blauen Himmel“ Deiner unglücklichen Schwester - und wenn‘s nicht der blaue Himmel wird, den IHR euch in eurem Elternhaus, aus eurer Kindheit auflautet - dann leidet ihr lieber, lasst andre leiden - werdet lieber wahnsinnig - statt einmal eine Consequenz zu ziehen, statt zu sagen: meine Ichinstinkte bejahen dieses Du; unsere Widersprüche fuhren statt zum Gleichgewicht nur zur Katastrophe - woher rührt diese Katastrophe? Dieser Mensch hat mich z.B. belogen - ist er so gemein, dass er die Lüge notwendig braucht, oder ist in mir selbst etwas nicht so echt, so von mir selbst, dass er lügen konnte, weil - ja weil meine Convention, mein Nicht-ertragenkörinen ihn dazu zwang? - Aber, meine Liebe, IHR seid stets im Recht, ihr seid stets rein, ihr seid complett und fertig - und der andre ist ein Schurke. IHR fragt euch nie ernsthaft: WIE kann mir dies von diesem Menschen geschehen? und nie würde euch einfallen, dass ihr vielleicht auf Dingen beharrt, die euch unfrei lassen und die ihr garnicht selbst seid.
Und dann kommen noch solche Dinge hinzu, dieja auch aus Deinen Gedichten sprechen und die auch ich mal primitiv und unbesehen glaubte - dass zwei Menschen ganz und vollkommen ineinander aufgehen, und einander genügen. Das ist ein trauriger gefährlicher dichterischer Schwindel aus einer Zeit, in der das technisch noch so notwendig zu sein schien - aber heute ist der Mensch anders. Heute gibt es nur eins: wissen, wie Ich zu Dir und Dir und Dir stehe und dass mir Niemand und Nichts etwas von dem was mein Ich mit deinem Du verbindet, nehmen kann; wissen und frei sein und frei lassen. Alles andre ist ein banz böser Kompromiss, der zu keinem guten Ende flihrt. Jeder muss wissen, dass er kein Recht hat, und dass der andre dann Unrecht tut, wenn er (also Ich) selbst nicht sich voll und ganz einsetzt - wenn Ich an verbriefte Rechte glaube und jede Bewegung des Andern wo andershin mich in ebendiesem 'Recht‘ erschüttert"