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Brief von Raoul Hausmann an Grete Höch
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitelBrief von Raoul Hausmann an Grete Höch
  • Datierung29.7.1918
  • GattungBrief
  • SystematikKorrespondenz
  • MaterialPapier, handgeschrieben mit Tinte
  • Masse23,5 x 15 cm (Blattmaß)
  • Umfang1 Doppelblatt (4 Seiten)
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-Ar 14/98,14
  • CreditlineSchenkung aus Privatbesitz, 1998
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

"29. Juli 1918
Liebe Grete, danke für Deine Zeilen. Ich habe natürlich den Brief an E. S. beantworten müssen. Da Hannah alle Briefe von mir ungelesen vernichten will, hat Baader in Übereinstimmung mit mir ihr den Brief geschrieben, den ich in Abschrift beifüge. Du wirst daraus sehen, wie ich zu Hannah stehe: ich war und bin der Erste, der ihre Grösse und Reinheit begreift, und mein Glaube an sie ist durch nichts zu erschüttern. Aber leider war Hannahs Glaube an mich sehr erschütterbar. So, wie jetzt auch: der Zwang aus ihrem eigenen Brief wäre, diese Ehe - weiterzuführen. Sie sichert sich vor sich selbst, und hasst ganz unfruchtbar und darum sinnlos, E. S. die ganz anders ist, als Hannah denkt. Und dann: die Ungeborenen hat Hannah nie und nimmer E. S. geopfert - sondern E̲u̲r̲e̲r̲ F̲a̲m̲i̲l̲i̲e̲. Und das ist es, was sie nie begreifen will: dass an dem ganzen Bösen sie mitschuldig ist, seit dem 15. März 1916. Da bat ich sie auf Pichselsberge, weil ich sah, wie alles kommen würde, sie solle ganz bei mir bleiben ich wollte ganz von E. S. fort und ihre Familie aufgeben. Antwort:
Hannah lag 1 Stunde auf der Erde und weinte und als sie aufstand, sagte sie: nein. Das kann ich meinem Vater nicht antun. - Und so war es auch jetzt, zur Hochzeit Walter‘s. Ich habe ihr zwar zugeredet, zu fahren - aber sie hätte b̲l̲e̲i̲b̲e̲n̲ müssen, (sie weiss warum!), sie fuhr doch, weil sie den Bruch mit Gotha n̲i̲c̲h̲t̲ vollziehen will. Und sie bedenkt nicht: Wenn ihre “Ehe“ sich auf so ausschliesslich innerlichen Dingen aufbaut, wie sie es wirklich tut - dann muss sie auch den M̲u̲t̲ haben, die Familie nicht mehr darüber stehen zu lassen. - Schreibe ihr nur nochmals. Lass D̲i̲c̲h̲ n̲i̲c̲h̲t̲ e̲i̲n̲s̲c̲h̲ü̲c̲h̲t̲e̲r̲n̲. So sehr ich Hannah liebe, und so sehr ich ihre Stärke bewundere - sie darf sich nicht allein freisprechen und die Schuld auf andere schieben.
- Auch das mit dem “nicht mehr leuchten, weil ich ein böser Mensch bin“ - ist Phrase. Siehe Dostoiewski, der ein latenter Verbrecher war. Oder Nietzsche. Oder wie wär es mit Lenin und Trotzki? Wie ich über unsere Beziehungen denke? Die sind nie und durch nichts aufzulösen. Aber ich verlange ganze Ehrlichkeit, und die hiesse hier: da Hannah mit mir nicht leben will - so muss sie mit mir s̲t̲e̲r̲b̲e̲n̲ wollen. Alles andre ist Romantik oder Selbstsicherung. - Ich bin hier allein in Berlin. Ich lasse mich nicht wie einen Spielball jemand zuwerfen. - Und Du, Du versuche zu begreifen, w̲a̲s̲ hier in Wahrheit vorgeht, w̲a̲r̲u̲m̲ man hier das Letzte verlangen und geben muss - und schreibe ihr. Ich verlasse mich darauf, dass Du es richtig tust. - Die Manuscripte bitte sende zurück. Gruss R."